01.08.2008 · Am kommenden Montag beginnt der Prozess gegen Jürgen Emig, einst Sportchef des Hessischen Rundfunks. Betrug in großem Stil wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Die Frage ist, was der Sender tat.
Von Michael HanfeldWenn am Montag vor dem Frankfurter Landgericht der Prozess gegen Jürgen Emig beginnt, geht es um das Wirken zweier Personen - des ehemaligen Sportchefs des Hessischen Rundfunks und seines Kompagnons Harald Frahm. Mit diesem wickelte Emig seine dubiosen Geschäfte ab. Wenn Sportveranstalter oder Sponsoren im Programm des Hessischen Rundfunks besondere Beachtung finden wollten, bekamen sie es mit diesen beiden zu tun. Frahm hatte im Jahr 2000 mit Emigs Ehefrau Atlanta Killinger die Agentur SMP gegründet, über die bis 2004 gesonderte Leistungen abgerechnet wurden.
Abgerechnet wurde, wie wir heute wissen, zum Vorteil von Emig. Das Geld, das für Sponsoring oder als „Produktionskostenzuschuss“ gezahlt wurde, landete nur zu einem Teil beim Sender. Die Staatsanwaltschaft wirft Emig acht Fälle der Bestechlichkeit als Amtsträger vor, einen Fall von Anstiftung zur Bestechung sowie achtzehn Fälle von Betrug. Schaden: 625.000 Euro. Bei den Vernehmungen hat Emig, wie sein Verteidiger bestätigt, ein Teilgeständnis abgelegt. Emig wolle sich im Prozess auch zu den Vorwürfen äußern.
Dreimal gekündigt
Insgesamt sechzig Sportübertragungen aus den Jahren 2000 bis 2004 listet die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift auf, dabei ging es meist um den Radsport, ums Tanzen - Emigs Kompagnon Frahm war Präsident des Deutschen Tanzsportverbands -, um das Radrennen „Rund um den Henninger Turm“, aber auch um den Marathon und den Ironman in Frankfurt. Eingebunden in die Geschäfte war bisweilen der ehemalige Sportchef des Mitteldeutschen Rundfunks, Wilfried Mohren. Er soll im Zusammenhang mit Übertragungen der „Friedensfahrt“ 351.000 Euro an Schmiergeldern kassiert haben. Ihn hat die Staatsanwaltschaft Leipzig angeklagt. Wie Emig saß Mohren im Sommer 2005 zeitweilig in Untersuchungshaft. Beiden wurde von ihren Sendern gekündigt, zwei von drei Kündigungen, die der HR gegen Emig aussprach, hat das Arbeitsgericht für unwirksam erklärt, das dritte Arbeitsgerichtsverfahren ist für die Zeit des Strafprozesses ausgesetzt. Sechzehn Verhandlungstage sind für diesen anberaumt.
Das sind die Fakten im Überblick. Sie künden von einem ausgeklügelten System, mit dem Emig und Frahm Sponsoren und den Hessischen Rundfunk ausspielten. Und mit dem Emig ein Verbot des damaligen HR-Intendanten Klaus Berg aus dem Jahr 2000 umging, der ihn angewiesen hatte, entsprechende Verträge nicht mehr über die Agentur seiner Frau, die „Killinger Production“, abzuwickeln. Also gründete man im selben Jahr die Agentur SMP, deren stiller Teilhaber Emigs Frau war, das System lief weiter.
Kompliziert und einträglich
In diesem System schlossen diejenigen, die bei Sportübertragungen finanziell mitmischen wollten, Verträge mit der SMP. Die SMP rechnete mit dem HR beziehungsweise dessen Tochterfirma, der HR Werbung, ab. Dazwischen blieb eine Menge Geld hängen, wie im Nachhinein auch Unternehmensprüfer herausgefunden haben, die der HR selbst auf den Fall angesetzt hat.
So weit, so kompliziert, so einträglich war das „System Emig“, das nun vor Gericht steht. Zu fragen aber ist darüber hinaus, wie sich das „System Emig“ über Jahre halten konnte. Und das lässt sich nur erklären durch das „System HR“, das der Angeklagte in seinen Vernehmungen zu seinen Gunsten anführte. Dass er nämlich Geld durch Sponsoren und sogenannte „Beistellungen“ akquirierte - Emig spricht von insgesamt rund zwanzig Millionen Euro, die er für den HR eingeworben habe -, stand zu Zeiten des Intendanten Berg in hohem Ansehen. Und dass Emig sich über das Prinzip der Geldbeschaffung mit seinen Vorgesetzten ins Benehmen gesetzt habe, das hält auch die Staatsanwaltschaft fest. Sie hat jedoch keine Anhaltspunkte dafür, dass der HR von Emigs lukrativem Mitnahmeeffekt wusste.
War der Intendant eingebunden?
Unter dem neuen Intendanten Helmut Reitze wurde das Treiben der SMP zwar beendet, wie der Sender bekundet - wer mit dem HR Geschäfte machen wollte, sollte das über dessen Werbetochter direkt tun. Doch wurde Emig noch einmal aktiviert, und zwar für das Pokalspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach. Er brachte als Sponsor die Personalberatungsfirma Amadeus Fire bei, die 225.000 Euro gab und der dafür weitreichende Zugeständnisse in Aussicht gestellt wurden. Sie sollte nicht nur auf Werbetafeln genannt, es sollte über eine Kundenveranstaltung berichtet und ein Interview mit dem Vorstandschef im Radioprogramm von HR 3 geführt werden. Zu letzterem kam es nicht, weil sich der zuständige Redakteur verweigerte. Emig hat behauptet, der Intendant sei in den Vorgang eingebunden gewesen.
Es steht nicht zu erwarten, dass der Angeklagte sich damit wird entschulden können. Doch darf man sich in Erinnerung rufen, dass die Kritik an dem „System HR“ schon älter ist - also an dem Umstand, sich für Sportübetragungen dritte Geldgeber zu suchen, die nicht nur klassische Sponsoren sind, sondern auch für „Beistellungen“ sorgen können, also - für den Zuschauer unsichtbar - Leistungen übernehmen. So tauchte im März 2003 der Vorwurf auf, dass der HR für die weitere Ausstrahlung des Football-Magazins „Magic Galaxy“ Geld gefordert habe. Ausgerechnet Emig wies diesen Vorwurf zurück. Am 15. April 2003 - knapp ein Jahr, bevor Emig zum Rücktritt gedrängt wurde - verteidigte der damalige HR-Programmdirektor Hans-Werner Conrad die sogenannten „Beistellungen“ noch - mit dem Argument knapper Kassen. Genau darauf zielt die Verteidigungslinie des Angeklagten Emig. Bisweilen, so soll er bei Vernehmungen gesagt haben, sei der Sportetat des HR schon im Frühjahr aufgebraucht gewesen, doch habe man immer noch mehr Sport haben wollen.
Doch bezahlen wir nicht alle gerade dafür Rundfunkgebühren? Dafür, dass beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk niemand auch nur in die Versuchung seltsamer Geschäfte kommen muss? Beispiele aus den letzten Jahren, allen voran der sogenannte „Marienhof“-Schleichwerbeskandal, lehren uns leider etwas anderes. Man hätte es beim HR, dessen Kontrolle ganz offenbar versagt hat, schon früh viel besser wissen und sich ein Beispiel am Südwestrundfunk nehmen können. Dort nämlich waren schon 2001 Überlegungen aufgekommen, Berichterstattung von einer direkten Kostenbeteiligung der Vereine oder Verbände abhängig zu machen, von tausend Mark pro Ereignis war die Rede. Der SWR-Programmdirektor Willi Steul verwarf die Idee seinerzeit in Bausch und Bogen. „Unvorstellbar“ sei das und „völlig unvereinbar“ mit dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag. Bis nach Frankfurt war sein Veto offenbar nicht gedrungen.