05.03.2008 · Jürgen von der Lippe, einst einer der erfolgreichsten Moderatoren Deutschlands, ist inzwischen beim Spartensender Comedy Central gelandet. In „Frag den Lippe“ will er sich moralisch heiklen Fragen widmen.
Von Jörg ThomannJürgen von der Lippe war einmal einer der erfolgreichsten Fernsehmoderatoren Deutschlands, der erfolgreichste Moderator der ARD allemal. Mit der Anarcho-Spielshow „Donnerlippchen“ erreichte er Mitte der Achtziger Quoten von knapp fünfzig Prozent, mit „Geld oder Liebe“ beherrschte er mehr als zehn Jahre lang den Samstagabend. In diesem Jahr wird von der Lippe sechzig, er ist bekannt wie eh und je und unter unseren Komikern bis heute einer der Großen. Nur seine Sendungen sind zuletzt immer kleiner geworden.
Die Bärenruhe, die Lippe bei seinen Auftritten ausstrahlt, kontrastiert mittlerweile mit seinem recht unsteten Karriereweg. Seit er sich im Jahr 2001 im Streit von der ARD verabschiedete, ist er bei keinem Sender mehr heimisch geworden. Sein „Blind Dinner“ bei Sat.1 wurde rasch wieder abgeräumt, als „Heiland auf dem Eiland“ ging er bei RTL unter, für die Pro-Sieben-Show „Extreme Activity“ bekam er zwar seinen zweiten Grimme-Preis, scheiterte aber an den Quotenvorgaben des Senders. Inzwischen ist Lippe dorthin zurückgekehrt, wo er einmal angefangen hatte: in die Dritten Programme, wo man ihm bereitwillig seine Steckenpferde sattelt - von der Literatur („Was liest Du?“, WDR) bis zur Sprachpflege („Frei von der Lippe“, MDR).
Moralisch heikle Fragen
Es geht aber noch immer eine Nummer kleiner. „Ich heiße Comedy Central, und Sie sehen Jürgen von der Lippe“: Gleich dreimal binnen einer Stunde musste diesen Kalauer hören, wer gestern abend den zwar frei empfangbaren, doch noch arg mauerblühenden Komikkanal einschaltete, um die Premiere von „Frag den Lippe“ zu verfolgen. In dieser von Lippe als „Life-Coaching-Show“ (oder „Live-Coaching-Show“?) bezeichneten Sendung sollen moralisch heikle Fragen auf möglichst originelle Weise beantwortet werden. Lebenshilfe also, wie sie zum Beispiel diverse Zeitungskolumnisten leisten, formal aber stark angelehnt an Hugo Egon Balders „Genial daneben“ auf Sat.1 - in einer abgespeckten Version.
Wo bei Balder fünf Komiker der Kategorie B plus darüber rätseln, was es mit Begriffen wie Lippenbremse oder Lüsterweibchen auf sich haben mag, sitzen bei Lippe drei Comedians der C-Klasse, um zu debattieren, ob man sich daran stören darf, wenn das siebzig Jahre alte Vermieterehepaar die Gartenarbeit im Adams- und Evaskostüm verrichtet. Oder ob eine Dame ihre Freundinnen an ihren Sohn, einen Schönheitschirurgen, weitervermitteln sollte, obwohl sie von dessen Künsten wahrlich nicht überzeugt ist.
Physiker und Philosophen
Genug Spezialwissen war auf dem Podium versammelt - mit einem gelernten Physiker (Vince Ebert), gleich zweimal der Kombination Germanistik/Philosophie (Florian Schroeder und von der Lippe selbst) und einem Ostdeutschen (Olaf Schubert). Mit seiner gelassenen, väterlichen Ausstrahlung, seiner gern zur Schau gestellten Bildung sowie seiner Neigung zu dozieren ist Jürgen von der Lippe, der auch mal als Deutschlehrer gearbeitet hat, für die Rolle des Moderators eine naheliegende Besetzung. Wo jedoch Kollege Balder oft Mühe hat, seine so aufmüpfige wie eifrige Rasselbande zu bändigen, geht es bei Lippe fast schon übertrieben gesittet zu. Da wird niemand unterbrochen, jeder darf so lange monologisieren, bis er zur finalen Pointe gefunden hat. Oder auch nicht.
Für die Teilnehmer an einem solchen Panel, gerade jene, die noch zu den unbekannteren im Fernsehlande zählen, gilt es einerseits schlagfertig herüberzukommen, vor allem aber so dicht wie möglich an der eigenen Bühnenrolle zu bleiben, um als Typ in Erinnerung zu bleiben. Am besten gelang dies gestern dem „Betroffenheitslyriker“ Schubert, mit seinem schütteren, am Kopf plattgeklatschten Langhaar, seinem Rautenpullunder über den nackten Armen und seiner Marotte, sich in den Wirren des eigenen Satzbaus zu verirren: „Kann ich jetzt auch nur vermuten, was ich damit meine.“ Die Frage eines Mannes, der im Werbekostüm eines Hamsters arbeitet und von seiner Freundin gehänselt wird, führte die Runde geradewegs zum Thema der „legalen Sodomie“, wozu Schubert beizusteuern wusste: „Verboten ist es auf jeden Fall mit ausgestorbenen Tieren.“
Ziellose Runde
Gut, dass die Fragen kaum von realen Personen stammen dürften; die Antworten fielen nämlich kaum befriedigend aus. „Frag den Lippe“ krankt ganz offensichtlich an seinem Konzept. Beim Vorbild „Genial daneben“ wetteifern die Komiker nicht nur um die größten Lacher, sondern demonstrieren zugleich glühenden Ehrgeiz, das gestellte Rätsel tatsächlich als Erster zu lösen. Bei „Frag den Lippe“ hingegen denkt niemand auch nur im entferntesten daran, die angekündigte Lebenshilfe zu leisten. Ziellos treibt die Runde dahin, deren Vertreter vor allem bemüht sind, einstudierte Pointen aus ihren Bühnenprogrammen loszuwerden, ob es nun gerade passt oder nicht. Und wenn, was des öfteren geschah, niemandem etwas Lustiges einfallen wollte, wurde mit den Worten „Die Frage ist einfach scheiße“ zum nächsten Punkt übergeleitet.
So wirkt „Frag den Lippe“ ein wenig wie „Genial daneben“ auf Valium, was beim Temperament des Gastgebers freilich auch nicht ganz anders zu erwarten war. Letzterer immerhin spielte recht überzeugend seine Paraderolle als Studienrat mit dem Schwerpunktfach Sexualkunde, der zu berichten wusste, dass der Blauwal vorm Akt zwei Kilometer Anlauf nehme und mit einer Penislänge von drei Metern protze: „Und das ist noch klein, denn er schwimmt ja in sehr kaltem Wasser.“ Für das größte Gelächter aber sorgte eine Dame aus dem Publikum, etwa Mitte fünfzig. Sie inspirierte die Frage mit dem Schönheitschirurgen zu einer Überlegung, was wohl geschähe, wenn der Arzt „nach Picasso“ operierte, mit dem Busen auf dem Rücken und einigen anderen Auswirkungen, die nicht zur Wiedergabe geeignet sind. Da waren die deutlich jüngeren Herren auf dem Podium baff. Und der Zuschauer kam zum Befund, dass Damen Mitte fünfzig auf deutschen Comedy-Bühnen völlig zu Unrecht unterrepräsentiert sind.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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