Volker Schlöndorff verfilmt Friedrich Anis Roman „Der namenlose Tag“
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Schlöndorff verfilmt Ani : Dagegen sehen die meisten Bildschirmpolizisten alt aus

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Bringt schlechte Nachrichten: Thomas Thieme als Jakob Franck vor der Erfurter Skyline Bild: ZDF und Conny Klein

Ist der Todesbote der Erfurter Polizei schuld am Tod einer Frau? Mit seiner Verfilmung von Friedrich Anis Roman „Der namenlose Tag“ gibt Volker Schlöndorff dem Fernsehkrimi etwas von seiner alten Würde zurück.

          „Die Toten halten sich nicht an den Tag der Toten. Sie kommen, wann immer es ihnen passt, und sie bleiben über Nacht.“ Diese Einsicht des pensionierten Kommissars Jakob Franck, vorgebracht mit der Souveränität eines Thomas Thieme, mag keine Neuigkeit sein. Doch für unser durchkonfektioniertes Pantoffelkrimifernsehen, in dem die Toten sich brav an sämtliche Redaktionsvorgaben halten, ist es eine Offenbarung. Altmeister Volker Schlöndorff, dem keine Redaktion hineinzureden wagt, hat es tatsächlich fertiggebracht, seinen ersten Primetime-Fernsehkrimi so eigenwillig, stark und wirklichkeitsrelevant zu eröffnen, dass die meisten Bildschirmpolizisten dagegen alt aussehen.

          Er ist eine Figur wie aus dem Mythos, dieser Jakob Franck: ein Todesbote zwischen Dies- und Jenseits, allein dem Schicksal rechenschaftspflichtig. Die Erfurter Polizei überlässt dem Pensionär gern die ungeliebte Aufgabe, den Angehörigen die schlimme Nachricht zu überbringen. Hier zeigen sich bereits die liebevollen Details der Narration, denn der schwarz gekuttete Franck, den wir im Vorspann Haus um Haus aufsuchen sehen, reißt stets den Reißverschluss seiner Lederjacke auf, bevor er das Leben der Hinterbliebenen aus dem Gleichgewicht bringt. Seht her, ich komme als Mensch, soll das heißen. Weil unter solchen Umständen alles Institutionelle seine Bedeutung verliert. Er hält die Fallenden, lässt ihren Schmerz an sich heran, ist ein Fels in der Brandung. Damit nimmt er den Trauernden etwas von ihrer Last, aber auf fast infame Weise bedeutet dem einsamen Melancholiker diese Nähe zugleich etwas. Kurz: Auf einen wie ihn haben wir gewartet.

          Die Vorlage für Kommissar und Handlung stammt von dem versierten Autor Friedrich Ani. Volker Schlöndorff nahm die Drehbuchadaption jedoch selbst vor, und zwar nach eigenem Gusto. So hat er aus der Vorlage zwei Jahrzehnte herausgeschnitten, die Handlung von München nach Erfurt verlegt und dem Protagonisten – mit dem Wissen, dass er durch Thomas Thieme verkörpert wird – eine Wendung ins schon rein physisch Unumgängliche, aber dabei sensibel Majestätische gegeben. Franck, der direkt zu uns spricht, wirkt wie das archaisch-statuarische Pendant zu Ferdinand von Schirachs Strafverteidiger Friedrich Leonhardt (von Josef Bierbichler gespielt). In seiner ruhigen, dunkel-expressionistischen Ästhetik ist „Der namenlose Tag“ freilich das glatte Gegenteil zu den handlungsgetriebenen ZDF-Tempodramödien „Verbrechen“ oder „Schuld“.

          Eines Tages sieht sich Franck einem Vorwurf ausgesetzt. Der sichtlich verstörte Ludwig Winther (Devid Striesow in ungewohnt unjovialer, hervorragend gemeisterter Rolle) teilt ihm mit, zwei Jahre nach seinem Kind habe sich nun seine Frau ebenfalls erhängt: „Ihre Schuld, Herr Kommissar.“ Dieser Frau hatte Franck einst die Nachricht überbracht, dass ihre Tochter aufgeknüpft an einen Baum gefunden worden war. Wir sehen das in einer der vielen Rückblenden: Schlöndorff vertraut ganz auf bewährte Erzählmittel. Stundenlang hatte Doris Winther (Ursina Lardi) damals in Francks Armen gelegen. Auch das macht ihn empfänglich für das Anliegen ihres Mannes, noch einmal private Nachforschungen zum Tod der Tochter anzustellen.

          Der seinerseits nicht ganz vertrauenswürdig scheinende Vater – es hatte Missbrauchsgerüchte gegeben – glaubt an Mord: „Der Jordan war’s, der Zahnarzt von schräg gegenüber.“ Franck habe damals wichtige Indizien übersehen. Interessanter als die Privatermittlungen, in die nach einigermaßen üblichem Schema Ludwig Winther, jener Zahnarzt, ehemalige Freunde des Mädchens sowie die Zwillingsschwester ihrer Mutter (ebenfalls von Ursina Lardi gespielt) involviert werden, interessanter auch als die leider nicht aus der Vorlage gestrichene Einfühlungsgabe des Helden (ein Seher, der so lange an die Zimmerdecke blickt, bis sich das Geschehene dort wie ein Stummfilm preisgibt) ist es, wie sich unter Francks resolutem Zugriff allmählich eine Familientragödie von klassischem Format abzuzeichnen beginnt: Schuld und Vorwürfe in enger Verschränkung, ein ganzer Kosmos des Unverarbeiteten. Durchbrochen wird die fatale Sprachlosigkeit am Grunde dieser Ereignisse erst durch die ermittlungstechnisch fragwürdige Entscheidung, alle Beteiligten mit allen Gerüchten zu konfrontieren. Franck selbst weiß, dass er hier mehr als Seelsorger gefragt ist denn als Polizist: „Mir geht’s nicht um das Kriminalistische.“

          Die anmutig ruhige, verschattete Bildgestaltung von Tomas Erhart, die aufs Wesentliche reduzierten Dialoge und eine Musikführung, die frühere Filme Schlöndorffs zitiert, verleihen all dem einen lyrischen Ton, den man viel zu selten vernimmt in diesem Genre. So ist es Schlöndorff gelungen, dem Fernsehkrimi etwas von seiner alten Würde zurückzugeben, und das bezeichnenderweise nicht durch Innovation, sondern durch Rückbesinnung auf die stille Größe und edle Einfalt klassischer Tragik. Man kann nur hoffen, dass Schlöndorff weitermacht. Das zweite Jakob-Franck-Buch von Ani (mehr gibt es noch nicht) wird zurzeit von Hannah Hollinger in ein Drehbuch verwandelt, ein dritter Fall soll ohne Romanvorlage entstehen. Die Regiefrage ist noch offen.

          Hauptdarsteller Thomas Thieme, Romanautor Friedrich Ani und Regisseur Volker Schlöndorff

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