22.01.2009 · Ein russischer Autor geht fürs Fernsehen auf die Insel. Der Transport erfolgt im Viehwagen. Er bleibt nicht lange. Denn was er dort sieht, ist das Schreckensbild seiner Heimat. Erfahrungen vom russischen Dschungelcamp.
Der Skandal ist der Götze des heutigen Lebens. Gibt es keinen Skandal, so gibt es auch den Menschen nicht. Der Skandal ist das letzte Ventil des Ruhms, das letzte Reizmittel des öffentlichen Interesses. Alles andere ist vom Moos der Gleichgültigkeit überwachsen. Ein anständiger Mensch sollte sich von Skandalen fernhalten, doch wen interessiert schon ein Unsichtbarer? Darüber sinne ich nach, nachdem ich ins Epizentrum eines Skandals geraten war. Ich kehrte aus Panama zurück, wo sich mir, wie ich fest überzeugt bin, die Essenz des russischen Lebens offenbarte.
„Der letzte Held“ ist eine der erfolgreichsten Sendungen im russischen Fernsehen. Das ganze Land sieht zu. Die Produktion - es gibt bereits die siebte Staffel - verschlingt gewaltige Summen. Die Folgen werden jeweils zum Jahresende ausgestrahlt, und das Finale, bei dem der Sieger bekanntgegeben wird, findet am 31. Dezember statt. Dieses Projekt, seine Philosophie, die Vorstellung von Moral, mit der hier gearbeitet wird, all das ist wie ein Schaufenster: was man darin sehen kann, ist der Dialog, den der Kreml mit dem russischen Volk führt.
Im Viehtransporter auf die Insel
Der Sinn des Spiels, das das russische Fernsehen den amerikanischen Kollegen abgeschaut hat, besteht darin, auf einer einsamen tropischen Insel zu überleben und drei Millionen Rubel zu gewinnen. Die Menschen versorgen sich selbst mit Nahrung, sie nehmen an unkonventionellen Wettkämpfen teil: Wer verschlingt die meisten Würmer, wer trägt den meisten Schmutz in seinem Haupthaar?
Defoe hat bekanntlich den ersten modernen europäischen Roman geschrieben, in dem der einsame Held sich als Persönlichkeit verwirklicht. Im Dschungelfernsehen muss sich der neue Robinson den Sieg sichern, indem er alle anderen zwanzig Robinsons auffrisst, sie mit allen erdenklichen Mitteln aus dem Spiel rauskickt. Um solch einen Kannibalen zu erziehen, muss man unseren Zeitgenossen zunächst in ein niederträchtiges Wesen verwandeln: ihn demütigen und danach auf die Insel schicken, damit er die anderen demütigt.
Symbol dieses Wahnsinns wurde die russische Flagge. Als wir in Panama City landeten, wurden wir am Flughafen von zahllosen Fernsehkameras empfangen. Am Himmel tanzte ein Hubschrauber, aus dessen Kabine der Kameramann herauszufallen drohte. Das Wichtigste aber war: Die Teilnehmer wurden nicht in Busse oder Lastwagen verladen, sondern in Viehtransporter mit schmalen, hohen Wänden und schwarzen Gittern, wie sie normalerweise zur Beförderung von Ziegen, Schweinen und Schafen dienen. Jetzt wurden wir darin transportiert.
Plötzlich kam ich mir wirklich wie in einem Gefängnis vor
In unserer Arche Noah gab es ein Paar von jeder Tierart, im Verhältnis eins zu eins: Popstars, Komödianten, eine kürzlich gekürte Miss Russland, dazu Personen, die keiner kennt. Die Viehtransporter setzten sich in Bewegung. Über einem hisste eine von traurigen Gedanken nicht geplagte Teilnehmerin die russische Flagge. Sie flatterte stolz zur Freude und Verwunderung der Einheimischen, die vielleicht noch nie in ihrem Leben weiße Menschen in solch einer rechtlosen Lage gesehen haben. Wahrscheinlich dachten sie, hier würden Waffenhändler ins Zuchthaus gebracht.
Noch waren wir auf dem Festland, wo wir ein wenig bleiben sollten, bevor es auf die Insel ging. Unser Empfangskomitee trug die Uniformen der panamaischen Polizei, allerdings ohne Rangabzeichen. Da standen nun diese an sich vermutlich harmlosen Menschen, der Regisseur, die Redakteure, Assistenten und Aufnahmeleiter, und brüllten und grölten, als seien sie eigens dafür ausgebildet und gedrillt worden. Vielleicht war das aber auch gar nicht nötig gewesen. Sie benahmen sich wie Sadisten im Genuss der Macht. Aus einem Lautsprecher wurden unablässig dumpfe Drohungen gezischt. Wertsachen und Schmuck wurden konfisziert, unsere Rucksäcke umstandslos durchwühlt. Die Fotografin Irina schoss Frontal- und Profilaufnahmen von den Teilnehmern - im Hintergrund eine Messlatte für die Größenbestimmung. Und nun? Würden sich jetzt alle entkleiden müssen? Und ab unter die Dusche und auf die Holzpritschen? Pritschen gab es tatsächlich. Die Kandidaten, die keine Prominenz vorweisen konnten, hatten endlose Castings über sich ergehen lassen müssen. Niemand von ihnen dachte jetzt daran zu protestieren. Nur der Moskauer Schauspieler und Sänger Nikita Dschigurda und ich begehrten auf. Entweder wussten wir etwas mehr über den Faschismus, oder wir hatten andere Vorstellungen vom „letzten Helden“. Wir wandten uns an den Regisseur namens Igor, der hinter einem Tisch thronte und alle der Reihe nach anbrüllte: „Wieso gebärdest du dich hier wie ein KZ-Vorsteher?“ Es blieb uns nichts anderes übrig, als dem Mann zu sagen, er solle die Klappe halten, sonst würden wir ihn verprügeln - Nikita Dschigurda ist nämlich ein riesiges Muskelpaket. Der Regisseur fing an zu blinzeln. „Hast du kapiert?“ Plötzlich kam ich mir wirklich wie in einem Gefängnis vor. Auf der einen Seite der Chefaufseher, auf der anderen die rebellierenden Gefangenen. Aber Igor wollte von seiner Macht so schnell nicht lassen. Man musste energischer werden. So geschah es, dass seine Finger zufällig zwischen zwei Kofferdeckeln eingeklemmt wurden.
Wie Brüder und Schwestern nach der ersten Nacht
Unsere Gruppe, zusammengewürfelt aus unterschiedlichen Menschen unterschiedlichen Alters, aus verschiedenen Städten und Schichten, mit unterschiedlichen Lebensläufen, fand noch in Panama City eine gemeinsame Sprache. Wegen des typisch russischen Durcheinanders mussten wir dort länger als geplant bleiben, und wider die Spielregeln freundeten wir uns untereinander an. Das Drehbuch sah natürlich das genaue Gegenteil vor. Vor der Abreise auf die Insel schauten wir uns den Panamakanal an und tranken danach in einem spanischen Restaurant ein Bier darauf, dass wir uns nicht in Unmenschen verwandeln würden. Wir trafen Abmachungen: Das Ausscheiden aus der „Sippe“, das nach und nach erfolgt, bis der „letzte Held“ gefunden ist, wollten wir dem Los überlassen.
Ich denke an Ljuda aus einer Militärbehörde, an Mischa, an den Fernfahrer Andrej und die junge Anja aus Saratow - eigentlich können sich die Menschen in unserem Land wunderbar miteinander verständigen. Nach der ersten Nacht, das ist eben die russische Art, fühlten wir uns wie Brüder und Schwestern.
Morgens um halb sechs riss der Lautsprecher unsere nette Familie aus dem Schlaf, und los ging das Spiel: Die Moderatorin Xenia Sobtschak, die dem Kreml nahestehende Glamourkönigin und Tochter des verstorbenen Bürgermeisters von Sankt Petersburg, war angereist. Sie war angezogen wie eine Gummipuppe aus einem Amsterdamer Sexshop. Damit war der sadomasochistische Charakter des ganzen Projekts festgelegt. Dann kamen wieder die Viehtransporter - sie sollten uns zu einem menschenleeren Strand bringen. Unterwegs blieben sie im Sand stecken. Das nächste russische Ritual, das endlose Warten, begann.
Bevor es richtig losgging, hatten wir genug
Es stellte sich heraus, dass wir in ein Gebiet geraten waren, das, wie man einem Hinweisschild entnehmen konnte, nicht tuberkulosefrei war. Diese Kleinigkeit hatten die Organisatoren übersehen. Es folgte ein strammer Marsch durch Sand - und unter Drohungen: Wer als Letzter zum Hubschrauber kommt, fliegt raus! Nikita und ich gingen absichtlich als Letzte. Niemand flog raus. Die Hubschrauber brachten die Teilnehmer auf einen verrosteten Schleppkahn. Auch das weckte ungute Assoziationen: Von solchen Kähnen aus hatte man unter Stalin im russischen Fernen Osten Häftlinge in den Pazifik geworfen. Dann schlug das Wetter um. Es goss in Strömen, die Teilnehmer wurden bis auf die Haut nass, und die Organisatoren standen, in Regenmäntel gehüllt, da wie ihre Bewacher. Eine von ihnen, Tatjana, nahm es besonders ernst und wollte uns verbieten, uns vor dem Regen zu schützen. Ein brüchiger Kahn setzte zunächst nur Xenia Sobtschak samt einer Harpune am Ufer ab. Sie zeigte den vor Kälte schlotternden Menschen die drei Millionen Rubel und spendierte jedem ein Schnapsgläschen Fruchtsaft (das Projekt wird von einem großen Obstsafthersteller gesponsert). Offenbar gehörte es zum Projekt, unsere Gesundheit zu ruinieren.
Doch es sollte noch schlimmer kommen. Wie schon in den früheren Staffeln mussten die Teilnehmer vom Kahn aus ins Wasser springen und das letzte Stück bis zum Ufer schwimmen. Wer als Erster ankam und einen Fahnenstock berührte, erhielt ein symbolisches Totem, das ihm die Macht verlieh, andere vor dem Ausschluss aus dem Spiel zu bewahren. Diesmal schied derjenige, der als Letzter ans Ufer kam, aus. Deshalb stürzten sich alle zum Ufer und versuchten, einander zu überholen. Da sagten Nikita und ich: Es reicht. Wir verlassen das Projekt, wir kündigen unsere Verträge. Wir werden unsere neuen Freunde nicht beiseiterempeln, um schneller ans Ziel zu kommen. Bevor es richtig losgging, hatten wir genug.
„Ich war gut in der Schule“
Die Organisatoren mitsamt Xenia Sobtschak in ihrem Latexanzug kamen angerannt und redeten wirr durcheinander. Wir nahmen ein Boot und verließen den Ort der Schande. Auf der Insel, wo wir auf den Flug nach Panama City warteten, erschien ein Mann namens Denis, der sich als Psychologe ausgab und uns betreuen wollte. Dann tauchte Ilja auf, der Produzent, und brüllte, er habe in seinem Leben einiges geleistet. „Was haben Sie denn geleistet?“ „Ich war gut in der Schule.“ „Sie sind nicht nur Produzent“, sagte ich milde, „sondern auch ein Dummkopf.“ Er war gekommen, um Frieden zu schließen und neue Vertragsbedingungen anzubieten. Ich wollte nichts davon wissen. Dann wurde ich von seinen Vorgesetzten aufgefordert, vor meiner Abfahrt nach Moskau vor laufender Kamera zu erklären, warum mir ihr Projekt nicht gefallen habe. Ich sagte: Gern, aber erwartet keine Gnade. Euer Projekt ist faschistoid.
Ich war naiverweise auf die Insel gefahren, um mich selbst zu testen und um mich von bösen Gedanken abzulenken. Doch dann sah ich mein eigenes Land wie bizarr verkleinert, geschrumpft zu einer winzigen, von aller Welt abgeschnittenen tropischen Insel. Ich sah, dass auf dieser Insel wie in meinem Land alle Macht noch immer auf Gewalt beruht. Ich glaube durchaus nicht, dass die Leute vom Fernsehen ihrem Projekt bewusst faschistische Züge verleihen wollten. Es hat sich so ergeben. In Deutschland kann man ein solches Dschungelcamp vielleicht als eine Art Kitzel für demokratische Nerven betrachten, aber in Russland ist die Lage anders: Hier wirkt die Sendung wie Gewaltpropaganda und stärkt die Extremisten. Der letzte Faschist wird in unserem Land noch lange umherwandern. Viele werden sagen: Es ist doch nur Fernsehen. Das stimmt, und es stimmt nicht. Es ist unmenschlich. Es ist mir zuwider.