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„Gestüt Hochstetten“ im Ersten : Viermal anderthalb Stunden Trauerkitsch

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Die Pferdeflüsterin: Für Alexandra (Julia Franz Richter) ist das Leben auch kein Ponyhof. Oder doch? Bild: ARD Degeto/ServusTV/SAM Film/Martin Hörmandinger

Die ARD hat sich im Programm geirrt: An vier Samstagen zeigt sie im Ersten ein Märchen, das im Kinderkanal besser liefe. Das Ende von „Gestüt Hochstetten“ lässt Schlimmes befürchten.

          Es war einmal eine Produktionsgesellschaft mit dem Namen Samfilm, die sich auf Kinderprogramme verlegt hatte, und der Erfolg gab ihr recht. „Die wilden Kerle“, „Fünf Freunde“ und „Ostwind“ liefen an den Kinokassen wie geschmiert. Besonders die Pferdeflüsterinnenfilme „Ostwind“ nach den Büchern von Lea Schmidbauer fanden zahllose Fans unter Jugendlichen. Der Pferdedarsteller des scheuen Hengstes Ostwind spielte kraftvoll unverstellt, und auch die sonstigen Protagonisten waren nicht übel. Hanna Binke verkörperte die rebellische Mika, die auf dem Gestüt Kaltenbach Disziplin lernen sollte und am Ende alle mit ihrem Reittalent überrascht, für die Zielgruppe überaus anschlussfähig.

          Und es war einmal, auch das ist wahr, ein österreichischer Privatheimatsender aus dem Salzburgischen, der einem Energiebrausehersteller gehörte. Da im Jahr 2016 ein Betriebsrat gegründet werden sollte, kündigte der Eigentümer die Einstellung des Sendebetriebs an, nahm dies aber wieder zurück, als sich die Belegschaft gegen eine eigene Vertretung aussprach. Vielleicht ist diese Kausalität aber auch bloß ein Märchen.

          Ein Faktum ist, dass das Ende des Sendebetriebs zumindest für Deutschland und die Schweiz 2016 ein weiteres Mal avisiert und dann wieder revidiert wurde. Gesendet wird bei Servus TV bis heute, besonders für die Interessengruppe der Wohlfühl-Nostalgiker. 2010 hatte man sich mit der Psychotherapeuten-Comedy „Eine Couch für alle“ an einer Eigenproduktion versucht, aber 2017 wollte man es dann zielgruppengerechter wissen.

          Eine Attacke auf das Urteilsvermögen

          Für die achtteilige Serie „Trakehnerblut“ tat sich Servus TV mit Samfilm und diese mit Lea Schmidbauer zusammen. Außenseiterpferd Ostwind wurde zu Außenseiterpferd Dezember, aus Mika wurde die Waise Alex, Schmidbauer gab eine Dosis „Guldenburgs“ und „Dallas“ ans Drehbuch, etwas „Plötzlich Prinzessin“, ein gerüttelt Maß „Aschenputtel“, eine Prise „Schloss am Wörthersee“ und viel erbarmungswürdige Schufterei in Nostalgiefarben. Was fehlte noch? Ein prächtiger Herrensitz, Jeanette Hain in der Rolle der kaltherzigen Familienzerstörerin, die gestörten Halbgeschwister der Hauptfigur Alex, eine böse Stiefmutter, ein gutherziger Roma oder Sinti, hier beharrlich „Zigeuner“ genannt, dessen Herz für Pferde, Alex und die Topinamburzucht schlägt, eine beste Freundin, geschäftemachende Scheichs, eine krautfleckerlproduzierende Gutsköchin, ein treuer Gutsverwalter und ein Dealmaker, den nur Stipe Erceg spielen kann. Das verspricht beste Unterhaltung – einwandfrei für Sechs- bis Zwölfjährige.

          Ein seltsames Testament und ein geheimnisvolles Manuskript, welches das Springreiten revolutionieren könnte, tödliches Doping und eine Veranstaltung der Schande namens „Royal Grand Prix“ runden die acht Märchenstunden ab. Alex (Julia Franz Richter), als vermeintliche Waise schikanierte Fließbandarbeiterin in einer Großbäckerei, träumt von einem eigenen Backshop. Sie verliebt sich aber in den unbezähmbaren Hengst Dezember und ändert ihre Pläne. Als neue Gutsbesitzerin kämpft sie mit ihrem ehrgeizigen Halbbruder Max (Christoph Luser), dem ursprünglichen Erben, und seiner Verlobtenschlange Maggie (Jeanette Hain), wird kaum unterstützt vom Alkoholikerhalbbruder Leander (Laurence Rupp) und der labilen Halbschwesterkünstlerin Silvia (Patricia Aulitzky), während Stiefmutter Marie (Michou Friesz) einen Furienauftritt nach dem anderen hat. Im „Zigeunerlager“ und bei Raphael Horvath (Aaron Karl) erlebt Alex Momente zugeneigten Menschseins. Nirgendwo aber fühlt sie sich so frei wie auf dem Rücken von Dezember, der sie durch die schöne Landschaft trägt.

          „Dezember ist der Sohn des Elitedeckhengstes von Gestüt Hochstetten. Der dreijährige Junghengst wurde gezeugt, als sein Vater Lexadir eines Nachts ausbrach und eine Arbeitsstute deckte. Nachdem Dezembers Mutter bei der Geburt starb, kam er als Fohlen zu einer Ammenstute nach Hochstetten. Als sogenannter Weideunfall mit Mischblut bekommt Dezember aber keine Papiere und ist weder für den Sport noch für die Zucht zu gebrauchen“, erläutert das Pressematerial im Rührseligkeitsmodus.

          Die Serie „Trakehnerblut“ traf im Jahr 2017 auf ihr österreichisches Publikum. Was die ARD bewog, den Ankauf unter dem Titel „Gestüt Hochstetten“ ins Abendprogramm zu heben, ist schwer verständlich. Vielleicht hängt dies mit der verzweifelten Suche der Öffentlich-Rechtlichen nach „neuen“ Serienformaten zusammen. Die viermal anderthalbstündige Attacke auf das Urteilsvermögen ist allerdings gar keine Serie, sondern ein riesenhaftes Trauerkitschmärchen aus Österreich. Es endet in der buchstäblich allerletzten Minute mit einem Cliffhanger. Der lässt Schlimmes befürchten: eine Fortsetzung.

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