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Ausstellung über Videotutorials : Wie ich dem Opossum die Nägel schneide

Ah, ein A! Wie man seinen Namen tanzt und vieles andere lernt der Mensch von heute im Internet, also in fremden Wohnzimmern. Bild: Youtube

Im Internet sind Selbsthilfe-Videos der Renner. In Dortmund gibt es nun hundert besonders ausgefallene Filmchen zu sehen. Was treibt die Hauptdarsteller an, ihr Wissen mit der Netzgemeinde zu teilen?

          Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden sich Anthropologen über Videos wie diese beugen, sich am Kopf kratzen und herauspräparieren, wie die menschliche Zivilisation zu Beginn des 21. Jahrhunderts gestrickt war.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie werden einem rundlichen jungen Mann im Trainingsanzug zusehen, der - ohne eine Miene zu verziehen - allein in seiner knallrot gestrichenen Wohnung das Alphabet in anthroposophischer Manier tanzt, werden weiterklicken zu einer komplett verschleierten jungen Muslima, die kichernd auf Englisch erklärt, wie das geht: essen, ohne den Niqab zu lüften, und danach vielleicht einem Amerikaner zusehen, der vor der Kamera herumflippend zeigt, dass man echte Goldpartikel aus handelsüblichem Bausand waschen kann - fürs Klondike-Feeling in der heimischen Garage. Am Schluss reißt er die Augen auf und fordert: „Subscribe!“ Abonnieren sollen wir seinen Youtube-Kanal mit Selbsthilfetipps im Westernstil.

          Ein Overkill von Lernangeboten

          Mag die Do-it-yourself-Welle noch so viele Ratgeber, Bastelbände und Magazine rund ums Selbermachen in die Regale der Buchhandlungen schwemmen, die wahre Fundgrube für Expertenwissen aller Art, vom entlegenen Spezialgebiet bis zum banalsten Alltagsproblem, ist das Internet. Und Youtube ist die Lieblingsbühne der selbsternannten Online-Tutoren. Es reicht schon, „How to“ als Suchbegriff einzutippen, schon poppt eine Liste auf mit Tausenden Videos von Menschen, die irgendwo auf der Welt vormachen, wie was geht.

          Der Dortmunder Hartware Medienkunstverein (HMKV) hat für eine Ausstellung Studenten der Universität Witten/Herdecke aufgefordert, die hundert Videoclips zusammenzustellen, die ihnen am interessantesten, verblüffendsten, charakteristischsten für das Genre erschienen - und die mehr zeigen als gelöste Luxusprobleme in westlichen Industrienationen wie das perfekte Make-up. Wobei das witzigste Video dieser Kategorie eines ist, auf dem der Versuch, lange Haare mit dem Lockenstab in prachtvolle Wellen zu legen, mit einer abgesengten Strähne endet. Das ist ein Moment der Wahrheit.

          „Jetzt helfe ich mir selbst“ heißt die Schau in Anlehnung an die legendäre Sachbuchreihe aus Zeiten, in denen man am Motor seines Autos noch selbst herumschrauben konnte, statt in der Werkstatt den Analysecomputer hochfahren zu lassen. Auf Wänden, Podesten und Paletten, großen und kleinen Bildschirmen laufen in der Ausstellung alle Videos zugleich, es ist der totale Overkill von Lernangeboten, bizarren und belanglosen.

          Warum tut ein Mensch so etwas?

          Aber viel spannender noch als das, was man sich abschauen soll, ist das, was die kleinen Filme quasi unter der Hand über die Lebensumstände und das Selbstbild der Menschen verraten, die da ihre Gesichter in die Kamera halten. Oft genug ist es das eigene Smartphone. Denn die meisten Selbsthilfe-Videos sind Videoselfies, zu deren Charme der doppelte Dilettantismus ihrer Protagonisten gehört: als Kameraleute und Experten.

          Warum tun die Leute das?, ist die Frage, die jede Sequenz aufwirft. Warum sitzt eine junge, sehr schlanke Frau in einem Tanzbody vor einer Blümchentapete und klopft, unangenehmerweise ausgerechnet zwischen ihren gespreizten nackten Beinen, einen Spitzenschuh weich? Ihr Kopf ist nicht zu sehen, wir wissen nicht, was in ihm vorgeht.

          Auch von dem Gezi-Aktivisten, der demonstriert, wie man sich daheim eine Gasmaske bauen kann, sind nur die Hände im Bild. Aber hier weiß man wenigstens, warum. Und auch, zu welchem Zweck er sein Know-how bereitstellt. Andere Youtube-Dozenten dagegen wollen vor allem sich selbst darstellen und ihren mit Werbung bestückten Kanal promoten.

          Die Auswahl ist zufällig und nicht repräsentativ, sie folgt keinem systematischen Erkenntnisinteresse, aber sie macht einmal mehr staunen darüber, was Menschen umtreibt und was sie zum Curriculum erheben. Wie sie in Russland mit Aludosenverschlüssen und Kleiderbügeln improvisieren, wie sie in Afrika Fahrradschläuche mit einem Bindfaden reparieren oder vorführen, mit welchem Gang man es an jedem Türsteher vorbeischafft.

          Der Mensch ist erfinderisch und zeigt sich gern. Ist das Altruismus? Sendungsbewusstsein? Geht es darum, Produkte vorzuführen? Oder sich selbst zu produzieren nach dem Motto: Hilf dir selbst und zeige, wie, dann wirst du berühmt? Geht es darum, politische Aussagen zu treffen? Oder einfach nur Spaß zu haben? Und ist das Leben lebenswerter, wenn man gelernt hat, wie die perfekte Opossum-Maniküre klappt? Rätsel genug für die Anthropologen von übermorgen gibt es jedenfalls.

          Die Ausstellung Jetzt helfe ich mir selbst. Die 100 besten Video-Tutorials aus dem Netz ist bis zum 31. August im Hartware Medienkunstverein im Kunstzentrum Dortmunder U zu sehen. Der Eintritt ist frei. Eine Playlist der Videos gibt es hier.

          Quelle: F.A.Z.

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