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Videoportal Youtube : Die Dialektik der Bauchnabelfluse

Kater Maru ist ein Star auf Youtube. Allerdings gibt es dort nicht nur Katzenvideos Bild: AP/mugumogu

Bildungsmedium, sozialgeschichtliches Archiv und politischer Sprengstoff: Youtube, das globale Videoportal, verändert unsere Gesellschaft. Die große Frage ist, in welche Richtung.

          Das allererste Youtube-Video wurde 2005 von einem der drei Gründer, Jawed Karim, ins Netz gestellt und trug den Titel „Me at the Zoo“. Der unscheinbare junge Mann steht vor dem Elefantengehege und erklärt, dass Elefanten sehr lange Rüssel hätten, was „really cool“ sei. Knapp eine Minute Nullinformation - das ist alles.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Inzwischen ist viel passiert. Youtube ist ein Massenmedium geworden, dessen Inhalte sich maximal ausdifferenziert haben. Es bietet kommerzielles Fernsehen und anarchische Homevideos, hohe Kunst und zerdehnte Formlosigkeit, es hält historische Momente wie das weiße Rauschen des Nonsens fest. Youtube heißt nicht nur: Du beamst Quatsch ins Netz, sondern auch: Du lernst Klavierspielen, du bist in einer Universitätsvorlesung, du tauchst mit verrückten Fischen am Great Barrier Reef. Aber auch: Du siehst einer Steinigung in Iran zu.

          Youtube ist, in größerem Maße noch seit seiner Einverleibung durch Google, ein gigantisches Archiv geworden, das Geschichte dokumentiert, insbesondere die Sozialgeschichte im Kleinen; auf dem Hochkultur aufblühen oder der letzte Trash abgeladen werden kann. Es ist auch ein wichtiges Marketinginstrument der Musik- und Filmindustrie. Nur in Deutschland klappt das noch nicht so gut, weil sich Google und die Gema nicht einigen können. Die Urheberrechtsdebatte ist kompliziert, aber sie ist nicht der eigentliche Sprengstoff, der in Youtube steckt.

          Youtube hat die Fernuniversität ersetzt

          Der Sprengstoff steckt in der absoluten Programmlosigkeit. Diese ist es, die Youtube kategorisch unterscheidet vom gewohnten Fernsehen, und sie bezieht sich auf Sendezeiten wie Inhalte. Hinter Youtube steht keine Redaktion, allenfalls eine Zensurstelle - die bedingt funktioniert.

          Die Programmlosigkeit bedeutet: Alles ist möglich, im Guten wie im Schlechten. Die gute, ja revolutionäre Seite von Youtube ist eine neue Form der Autodidaktik und des Do-it-yourself-Geistes, wobei der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind und im besten Fall Menschen Bildung erfahren, die sonst keinen Zugang zu ihr gehabt hätten oder sie sich nicht leisten konnten.

          Da gibt es zum Beispiel den Mathematikprofessor Jörn Loviscach aus Bielefeld, der an seiner Uni einen Kurs mit 32 Studenten hat. Seine inzwischen fast zweitausend Youtube-Videos von Vorlesungen wurden insgesamt über sechs Millionen Mal angeklickt. Youtube hat die Fernuniversität ersetzt, es ist ein kostenloses Volksbildungsmedium, und durch die in Klickzahlen ausgedrückte Beliebtheit entsteht sogar eine produktive Konkurrenz unter den Anbietern von Wissen. Und egal, was man lernen will: Wem die Inhalte zu hoch sind, der kann zumeist eine Nummer tiefer stapeln und sich den Unterricht von jemandem geben lassen, der kaum weiter ist als er selbst.

          Rätselhafte Algorithmen sorgen für Ekel

          Bei Youtube taucht das entlegenste Hobby auf, es reicht von der Selbsthilfegruppe bis zur professionellen Ausbildung, jede denkbare Spezialisierung ist möglich. Wie backe ich den perfekten Frankfurter Kranz? Wie entfernt man unliebsame Tattoos? Auch hier rauscht der Nonsens, der manchmal unrettbar blöd und manchmal unglaublich komisch ist. Ob die Welt Videos vom „Harlem Shake“ oder von Bauchnabelflusensammlern braucht, oder ob man sehr dicke Menschen bei Yoga-Übungen sehen will, darüber lässt sich streiten. Youtube hat für jeden Geschmack etwas. Youtube bildet Leben ab, in allen Lagen - und das nicht nur visuell, sondern auch im Archiv seiner Kommentarspalte, in der manche sogar eine Form von „oral history“ erkennen. Man könnte also von einer aufklärerischen Funktion des Mediums sprechen.

          Die negative Energie aber, die ebenso in Youtube steckt, haben viele wohl noch nicht ermessen. Sie liegt in einer Entgrenzung des Sichtbaren, die über Geschmacksfragen weit hinausgeht. Eltern können davon ein Lied singen. Die Algorithmen, nach denen in der Nebenspalte Teaser anderer Videos erscheinen, sind manchmal rätselhaft - da taucht Anzügliches, Ekelhaftes oder Grausames ohne Zusammenhang auf und ohne, dass es eine Grenze gäbe.

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