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Veröffentlicht: 02.11.2012, 16:17 Uhr

Videopielkritik: „Dishonored“ Eine Frage der Ehre

„Dishonored – Die Maske des Zorns“, das neue Spiel der Arkane Studios, bekam schon vor Erscheinen mehrere Preise. Was zuerst aussieht wie ein aufgepeppter Ego-Shooter, hat das Potential zur komplexen Simulation.

von Holger Detmering
© Hersteller, F.A.Z. Videospielkritik: „Dishonored - Die Maske des Zorns“

Dem neuesten Spiel der “Arkane Studios“ Entwickler sieht man durchaus an, dass es in einem Hause mit großer Egoshooter Tradition erscheint und auch Dishonored kann man sehr gewalttätig spielen. Aber der veröffentlichende Verlag hat auch Abenteuerspiele vertrieben, so wie das letztjährige Spiel des Jahres „Skyrim“.

Die beiden Co Entwickler von „Dishonored“ Rafael Colantonio und Harvey Smith  sind eher der Abenteuerwelt verbunden. Der Spieler in „Dishonored“ bewegt sich nicht  Schiesspiel-typisch durch einen klar definierten Aktionstunnel, sondern erkundet schleichend und möglicherweise mordend  eine komplexe Welt mit unterschiedlichsten Wegen zum Ziel.

Mehr abenteurliche Weltsimulation als Abenteuerspiel

„Dishonored“ ist nicht so sehr ein weiteres Assassinenspiel als vielmehr eine Simulation, die über physikalische Eigenschaften der üblichen Ego-Shooter und Abenteuerspiele weit hinaus geht.
„Krieg dauert ...so lange wie der Vorsatz herrscht Gewalt mit Gewalt zu vertreiben“ schreibt Hobbes in seiner Gesellschaftsdefinition des Leviathan. Die Welt in „Dishonored“ ist eine ganz und gar leviathanische, und die Handlungsfreiheit des Spielers führt direkt zu so etwas wie gesellschaftlicher Verantwortung.
Der in der Ich-Perspektive gespielte Held Corvo ist mehr als ein entehrter Bodyguard, der nun dem angeblich Guten und Schönen als übermächtiger Maskenheld zur Wiedererlangung von Macht und Krone durch Mord und Rache verhilft.

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Die aristokratische Gesellschaft von Dunwall ist komplex. Gut und Böse werden hier schnell zum relativen Begriff. Dass Corvo Aufgaben zu lösen hat, ist Antrieb für den Spieler – es gilt, wie so oft, zu überleben, zumindest bis zum nächsten Interimsziel. Doch dahinter verbirgt sich mehr: Der Moment der Erkenntnis kommt einem spätestens, wenn Corvo vom vermeintlich guten Lord den Auftrag  zum Mord an seinen bösen Brüdern erhält, die der Macht seiner Seite im Wege stehen – ein Auftrag, für den der Lord pro Satz zweimal den Flachmann zu den Lippen unter den grau unterlaufenen Augen führt, in denen Gier zu flimmern scheint.

Eine Frage der Ehre

In „Dishonored“ fällt die Kategorie der Ehre als erstes dem eigenen Tun zum Opfer. Dabei sind die Spielregeln einfach: Wer wenigen wehtut, dem wird weniger wehgetan, denn auch der  einfachste Scherge des Bösen hinterlässt eine trauernde Witwe, und krankheitsverbreitende Ratten freuen sich über jede Leiche. Wer Chaos verbreitet, wird im Chaos zugrundegehen und freundlos sterben.
Doch leider gilt diese Logik nur begrenzt: Zum Ende der Geschichte kann man sich sein gutes Karma schon durch wenige falsche Entscheidungen wieder zunichte machen. Obwohl das Gut – Böse Schema des Spiels ganz offensichtlich auf einer simplen mathematischen Chaosdefinition beruht, sind die Folgen für die jeweilige Spielsituation sehr komplex und fühlen sich fast lebensecht an.

dishonored © Bethesda Softworks Vergrößern Dishonored -mit Maske kämpft es sich überirdisch

Art-Design trotz mittelmäßiger Grafikengine preiswürdig

Die einzelnen Missionen sind wohl durchdacht, es gibt so viele Arten ans Ziel zu kommen, die Gegner sind vielfältig und teilweise so intelligent, dass Scheitern nur ein willkommener Grund sein kann, die Mission neu zu spielen.
Neben dem Level- verdient auch das Art-Design einen Preis. Die Stadt Dunwall präsentiert sich als eine düstere visuelle Mischung des von der Pest heimgesuchten Londons aus dem 16. Jahrhundert und der industriellen Träume eines  Jules Vernes. Umgesetzt mit der „Unreal“-Engine, ist die Grafik leider eindeutig nicht auf dem neuesten Stand. Doch was an Texturdetail fehlt, wird liebevoll durch Ambiente ersetzt, und so und liegen Straßen und Kanäle häufig trotzdem im richtigen trüben Licht.

Magie nicht nur aus Effekthascherei

Schon früh erhält Held Corvo magische Macht, und auch hier ist es die Simulation, die das Spiel aus der Masse der effektlastigen Ego-Shooter heraushebt: Die Regeln bleiben gleich  – egal ob magisch veranlasst oder der Spielephysik geschuldet.
Magischer Wind etwa tut, was der Wind im Spiel sonst auch tun würde: Kerzen ausblasen, Angreifer von den Füßen fegen, unbeteiligte Zivilisten verletzen – oder  Pfeile zu ihren Absendern zurücksenden: Es sind immer dieselben Regeln, nur nun im Dienste des kreativen Kampfes. Wenn Corvo sich in eine Ratte verwandelt  um ungesehen zu schleichen, so droht ihm eben auch der schnelle Tod unter den Stiefeln seiner Mitbürger.

Dass die Handlung von „Dishonored“ wieder einmal nur durch Männer bestimmt wird, ist schade, aber branchenüblich. Auch beim Helden wäre es eine schöne Option gewesen, zwischen männlichem und weiblichem Charakter wählen zu können und so dem persönlichen Stil eine körperliche Form zu geben. Spielerinnen hätte das die Identifikation mit dem Charakter erleichtert. Doch das ist nur Randnotiz für die sicher einmal anstehende Fortsetzung.
Dieses Dishonored macht jedenfalls Erwachsenen Spaß und die Herausforderung den Feind ohne Tote zu besiegen, erspart ,zumindest im Spiel, moralische Vorwürfe. Fliehen kann mit magischen Kräften in der stimmigen Grafikwelt von Dunwell auch einfach mal viel schöner sein.

Dishonored – Die Maske des Zorns

Entwickler: Arkane Studios , Publisher: Bethesda Softworks
FSK 18
Auf  PC (Hohe Anforderung), XBox360, Sony Playstation
Preis ca 45 Euro

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