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Veröffentlicht: 31.07.2015, 16:31 Uhr

ARD und ZDF unter Verdacht Alle Befürchtungen bestätigt

Die deutschen Sender und die Produktionsfirmen sind auf geradezu irrsinnige Weise miteinander verwoben. Der Medienökonom Harald Rau erklärt, warum das vor allem für ARD und ZDF gilt.

von Jörg Seewald

Sie haben eine Untersuchung zu Verflechtungsstrukturen der fünf größten deutschen Fernsehsender aufgelegt. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich beschäftige mich schon länger mit Medienunternehmen in Europa, und um hier alles zu durchdringen, müsste man tatsächlich Kartellrechtsprofi mit internationaler Ausrichtung sein. Allein in Deutschland haben wir in der Branche sehr komplexe Verflechtungsstrukturen. Meines Erachtens besteht überall dort, wo es duale Rundfunkstrukturen gibt, eine Tendenz dazu, Verflechtungen nicht offenzulegen.

Die Verflechtungen, die Sie aufzeigen, sind atemberaubend. Haben Sie mit einem solchen Geflecht gerechnet?

Sagen wir, ich habe es „befürchtet“. Es beginnt damit, dass man aus den Konzernen einzelne Sender herauslösen muss. Schon das ist schwierig, weil Sie oft gar keine Daten dazu finden. Viele private Sender unterliegen nicht der Publikationspflicht. Da ist es leicht, Verbindungen zu verschleiern. Es gibt hier große Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern. Doch für beide gilt: Die inneren und äußeren Verflechtungen so zu durchdringen, dass nachvollziehbar wird, wie Sender mit Produktionsfirmen verwoben sind - das ist wirklich mühsam. ANTWORT: Ich halte es aber für wichtig, dass jeder Zuschauer genau dies einfordern kann, zumindest bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Da gibt es eine „lack of transparency“, eine Transparenzlücke.

Schauen wir auf die öffentlich-rechtlichen Sender.

Das Ergebnis ist: Alle unsere Befürchtungen wurden bestätigt. Wo wir hingeschaut haben, förderten wir sehr intransparente, auch durchaus problematische Verflechtungsstrukturen zutage. Wenn Sie sich zum Beispiel die Beteiligungsstrukturen beim ZDF anschauen, die auf der zweiten Ebene noch vergleichsweise gut sortiert sind: Für die Tochterfirma ZDF Enterprises haben wir vierzehn Beteiligungen unterschiedlicher Größe gefunden - darunter auch Konstruktionen, bei denen ZDF Enterprises sowohl direkt beteiligt ist als auch über eine Gesellschaft, an der Enterprises wiederum mit 49 Prozent beteiligt ist. Wie will man solche Konstruktionen gegenüber Haushaltsabgaben-Zahlern begründen? Zudem ist das alles problematisch, wenn es um Produktionsgesellschaften geht, die das eigene Unternehmen bei der Vergabe von Aufträgen bevorzugen könnte.

Infografik / Beteiligungsstrukturen des ZDF / ARTE © F.A.Z. Bilderstrecke 

Meinen Sie die Produktionsfirma Network Movie, die eine hundertprozentige Tochter von ZDF Enterprises ist und die wiederum hundertprozentige ZDF-Tochter? Network Movie dreht die meisten Filme fürs ZDF.

Ich unterstelle niemandem böse Absichten. Aber es ist nicht zu rechtfertigen, dass eine von mir mitfinanzierte Anstalt so agiert. So entsteht automatisch der Verdacht, dass es hier Mauscheleien geben könnte. In der ganzen Welt reden wir über Korruptionsbekämpfung und Compliance-Regelungen. Wenn Sie sich die Compliance-Regeln für Manager in großen Firmen heute anschauen: Die testen ihre Manager auf vielen Ebenen, inwiefern sie korrumpierbar sein könnten. Wir müssen als Gesellschaft Transparenz einfordern, und der Zuschauer muss wissen, dass er hier nicht hinter die Kulissen schauen kann, weil es sich um einen „closed job“ handelt.

Sie sprechen in Ihrer Studie von Marktverzerrung.

Marktverzerrungen können wir nicht ausschließen. Diese Beziehungen sind für den Fernsehzuschauer intransparent, also nicht nachvollziehbar. Und das ist für ein öffentlich-rechtliches System nicht tragbar. Nehmen Sie die Fünfzig-Prozent-Beteiligung der ZDF Enterprises an der Bavaria Fernsehproduktions GmbH, die ihrerseits die Colonia Media Filmproduktionsunternehmen GmbH in Köln besitzt. Da treffen wir auf Beziehungen, die direkt mit dem, was ausgestrahlt wird, in Verbindung stehen. Mein Programm, also in diesem Fall das ZDF, „dealt“ mit Unternehmen, die über den privatwirtschaftlich operierenden Teil des ZDF wieder rückverbunden sind. Das sollte in einem öffentlich-rechtlichen System nicht der Fall sein. Aus meiner Sicht ist der Gesetzgeber gefragt.

Wer könnte Abhilfe schaffen?

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich die Monopolkommission der Thematik annimmt. Es geht nicht allein darum, dass man die Verflechtungen nicht nachvollziehen kann. Wir haben drei Monate geforscht, um die Verflechtungen aufzuzeichnen, und wir haben uns verpflichtet, nur Quellen zu verwenden, an die auch der normale Fernsehzuschauer käme. Der Aufwand ist gigantisch. Es gibt keine Übersicht, die man mit einem Klick im Internet bekäme. Meine Meinung: weil es vom System nicht gewollt ist.

Was soll die Monopolkommission tun?

In der Monopolkommission sitzen kluge Köpfe. Die haben mit Sicherheit gute Ideen. Mit einem Gutachten könnten sie den einen oder anderen Medienpolitiker bewegen, genauer hinzuschauen.

Was wäre denn ein erster Schritt?

Ich fordere, dass die Sender selbst veröffentlichen, was sie mit wem produzieren. Was hat das ZDF mit der Bavaria produziert? Wie viel Geld ist geflossen, wie teuer war die Produktion, gab es eine Ausschreibung, wer war daran noch beteiligt? Warum darf ich das als Zuschauer nicht wissen? Auch wenn es keine gesetzliche Informationspflicht gibt, so gibt es zumindest eine moralische. Ich will nichts Böses unterstellen, ich glaube, dass in den Sendern gar keine Notwendigkeit gesehen wird, weil sich ja alles in Jahrzehnten so eingespielt hat.

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Hinken die Sender in ihrer Struktur der medialen Entwicklung hinterher?

Ja. Die Zeiten heute sind nicht mehr vergleichbar mit den Gründungsjahren der ARD und auch später dann des ZDF. Gerade, wenn man bestimmte Sendungen, die sich die öffentlich-rechtlichen leisten, vor dem Grundversorgungsanspruch sieht. Wenn Sie heute die Sehgewohnheiten meiner Studierenden anschauen, werden Sie merken, dass diese Denke von vorgestern ist. Gerade uns in Deutschland würde es gut zu Gesicht stehen, wenn wir ein öffentlich-rechtliches System entwickeln würden, das der Gesellschaft zeigt, was alles in ihr steckt. Wir brauchen eine neue politische Diskussion über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und daraus resultierend grundlegende Reformen. Und das darf nicht länger nur Ländersache sein, ich kann mir hier einen fruchtbaren Diskurs auch auf europäischer Ebene vorstellen.

Die Herausgeber der Fachpublikation „Medienwirtschaft“, die Ihre Untersuchung vorstellt, haben diese der Kommission zur Ermittlung der Konzentration (Kek) zur Begutachtung vorgelegt. Was haben deren Vertreter gesagt?

Ich kann stichwortartig aus deren Antwort-Mail zitieren: „Zum Teil fehlen uns die Detailinformationen, weil wir im Grunde für den privaten Rundfunk zuständig sind ... Sie treffen mit Ihren Feststellungen ins Schwarze. Licht ins Dunkel zu bringen ist der Kek natürlich wichtig ... Trübe wird es in dem von Ihnen angesprochenen Produktionsrahmen und düster im Bereich Hörfunk. Wir sind gerade dabei, die Kek-Mediadatenbank erheblich aufzurüsten zu den Beteiligungen im Hörfunk, Presse und Online-Bereich und werden das den Landesmedienanstalten in Kürze vorstellen.“

Klingt nach: Nichts Genaues weiß man nicht. Wie sollte denn das Verhältnis der Sender zu den Tochterproduktionsfirmen und Beteiligungen aussehen?

Ich glaube, dass die Öffentlich-Rechtlichen die direkten Beteiligungen an den Tochterfirmen abgeben müssen. Wir müssen ein Konstrukt finden, wie man ganz konkret eine Firma wie ZDF Enterprises aus dem Dunstkreis der Anstalt ZDF ausgliedert. Räumlich, inhaltlich und wirtschaftlich.

Weil das ein Kunstgriff ist, öffentliche Gelder der Kontrolle zu entziehen?

So brutal möchte ich das gar nicht sagen. Aber es entspricht nicht einer modernen öffentlich-rechtlichen Anstalt, sich so zu präsentieren. Das liegt im Interesse des ZDF. Gleiches gilt für die anderen untersuchten Sender. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin ein großer Fan des öffentlich-rechtlichen Systems. Ich möchte diese Sender nicht missen. Aber ich möchte moderne und vor allem zukunftsfähige Anstalten. Warum sollen diese nicht offen drüber reden, wie es bei ihnen aussieht?

Womit sollte man konkret beginnen?

Warum gibt es keine Börse für Produktionsaufträge - oder zumindest Auktionen? Die öffentlich-rechtlichen Auftraggeber könnten auf diese Weise große Transparenz herstellen. Wir müssen ja nicht immer das ZDF als Beispiel verwenden, Sie können sich ebenso gut die WDR Mediagroup GmbH anschauen und die beinahe unzähligen Beteiligungen der Bavaria Film GmbH, an der die Mediagroup eine Drittelbeteiligung hat. Es sind hier viele Gesellschaften aufgeführt, die bei Produktionen des WDR eine Rolle spielen. Mein Wunsch wäre, egal ob WDR, NDR oder SWR: Sagt uns, welche eurer Produktionen ihr mit Unternehmen realisiert, an denen ihr selbst beteiligt seid - oder vergebt eure Aufträge in einem offenen Bieterverfahren. Erst wenn sich die Sender verstecken, machen sie sich angreifbar. Möglicherweise haben sie gar nichts zu verbergen: Aber ich kann es nicht wissen.

Glosse

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