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Veröffentlicht: 09.12.2014, 11:35 Uhr

Verschwörungsjournalismus Ist halt so, ist die Wahrheit!

In Deutschland formiert sich eine Gruppe von Menschen, die überall Lügen sehen. Sie hassen den Westen, misstrauen der Presse, und den Politikern sowieso. Und sie lieben Putin. Wer sind sie?

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© dts Nachrichtenagentur Der Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen auf einer Kundgebung gegen „Meinungsdiktatur“

Nein, Hitler hat sich keine Kugel in den Kopf gejagt damals, ganz locker spazierte er im Dunkeln aus seinem Bunker und setzte sich über ein paar Umwege nach Südamerika ab, das steht da, wo solche Geschichten immer stehen, im Internet. Genauer gesagt auf der Seite der „Staatenlosen“, die mir vom Handydisplay entgegenstrahlt, während ich zu verstehen versuche, was das für drei einsame Menschen sind, neben denen ich am Brandenburger Tor stehe. Vor den Verwaisten ein Transparent mit der Aufschrift „Europa von den Faschisten befreien. Staatenlos in Deutschland“.

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Nachdem mich mein Telefon mit noch mehr Verschwörungstheorien verstrahlt hat, begreife ich, dass die Mahnwache der „Staatenlosen“ die falsche Mahnwache ist. Denn ich suche eine ganz andere: Eine Kundgebung, zu der sich Menschen verabreden, die zwar auch den europäischen Faschismus bekämpfen wollen, ihren Einsatz aber als „Friedensbewegung“ verstehen und sich seit dem Beginn der Ukraine-Krise montags zu ihren „Friedensmahnwachen“ verabreden.

Palästinensertuch um den Hals

Blödes Versehen, blöde Verwechslung. Auf der anderen Seite des Brandenburger Tors finde ich die, die ich suchte. Zur Sicherheit trotzdem: „Entschuldigen Sie bitte, ist das die offizielle Mahnwache für den Frieden?“, frage ich eine Frau in grauer Windjacke und altem Palästinensertuch um den Hals. „Ja, schön, dass du da bist.“, antwortet die Windjacke mit dem Palästinensertuch.

Dann wird ein Mann angekündigt, der Photon heißt und Inforap macht. Eine halbe Strophe genügt, um zu verstehen, was Inforap ist: „Ihr korrupten Handpuppen / habt noch immer nichts gelernt / seid von Einigkeit und Recht und Freiheit / meilenweit entfernt.“ Schlimm ist er, dieser Inforap, weil der Mann, der ihn macht, nicht rappen kann - er hetzt nur der Musik hinterher und verschluckt sich am eigenen Atem. Korrupte Handpuppen, das sind Journalisten und Politiker, erklären die nächsten Strophen. „Warum dieser Hass auf die Presse?“, frage ich einen jungen Mann, der viel zu laut „Yeah“ ruft, während Photon noch mehr seiner schiefen Infos zu rappen versucht. „Weil Journalisten alle gekauft sind.“ Woher er das weiß? „Ist halt so, ist die Wahrheit!“

Menschen vom Typ Ist-halt-so-ist-die-Wahrheit gab es schon lange vor diesen neuen Montagsmahnwachen. Die Suche nach der vom Mainstream angeblich unterdrückten Wahrheit hat seit Jahren immer wieder spektakuläre beziehungsweise suspekte Menschen mit spektakulären beziehungsweise suspekten Thesen hervorgebracht, Menschen wie Thilo Sarrazin oder Akif Pirinçci. Seit der Eskalation in der Ostukraine aber werden es immer mehr, die ihre eigene Wahrheit entdecken, wie sie auch die Lügen der anderen entdeckt zu haben glauben.

Blogs unzähliger neuer Wahrheitsmenschen

Die Kritik an Putin, der einfach so, weil er es kann, sich die Krim nahm, katalysierte diese Bewegung der Wahrheitssucher. Mit der Ukraine-Krise kam es erst zu den modernen Montagsmahnwachen. Mit der Ukraine-Krise wurden unzählige neue Blogs unzähliger neuer Wahrheitsmenschen in das Internet hineingeboren. Die älteren Blogs der älteren Wahrheitsmenschen wurden immer beliebter, seit April stiegen die täglichen Aufrufe einiger dieser Seiten um das Zehnfache. Und mit der Ukraine-Krise begannen erst auch entfesselte Leserkommentatoren damit, jeden Artikel, der sich kritisch zu Russland verhält, mit unendlichem Hass zu überschwemmen.

Die sind verrückt oder werden vom Kreml bezahlt, denn dass der Kreml für Hass auf Twitter und Facebook zahlt, ist bewiesen, das könnte man jetzt einfach denken und nie mehr über diese Menschen nachdenken. Doch ihre Wut ist zu groß, als dass man sie einfach so aus seinem Kopf aussperren kann. Und wenn man dann doch über die neuen Wahrheitssucher nachdenkt, bohren sich zwei Fragen unter die Schläfen: Wer sind diese Menschen? Und warum lässt sie die Kritik an Russland so laut werden, warum treibt sie ausgerechnet die seltsame Putin-Show an?

Zu den leuchtendsten Gestalten dieser Wahrheitssucher-Bewegung gehört der Ewig-Ehemalige Jürgen Elsässer (ehemaliger Kommunist, ehemaliger Antideutscher, ehemaliger „Konkret“-Redakteur). Heute gibt er ein Magazin heraus, dass sehr ehemalige Gedanken verbreitet. Ken Jebsen ist ebenfalls eine dieser Figuren, um die man nicht herumkommt, wenn man auf eine der Mahnwachen geht. Jebsen war einmal ein nahezu renommierter Redakteur öffentlich-rechtlicher Sender. Seit seinem Rauswurf beim RBB - ausgelöst durch ein für Außenstehende schwer durchschaubares Ringen mit Henryk M. Broder - arbeitet er für sich selbst, er hat ein Online-Portal, auf dem er andere Wahrheitssucher zum Beispiel über die Lügen des 11. Septembers informiert.

Was alle anderen verschweigen

Im Internet gibt es Dutzende Videos, in denen Elsässer und Jebsen das sagen, was alle angeblich verschweigen; Videos, die Kopf- bis Bauchschmerzen machen, wenn man sie anschaut. Weil das Internet aber keine Ahnung hat, wie sehr Kopf und Bauch wehtun, schlägt es immer mehr Videos vor. Videos von anderen Mahnwachen und Kundgebungen, von anderen Jebsens und Elsässers. Videos, in denen Verschwörungstheorien gepredigt werden, die so irre sind, dass sie problemlos mit denen der „Staatenlosen“ mithalten können. Und immer wieder auch Videos des russischen Staatsfernsehens, das die deutschen Wahrheitssucher gerne zur aktuellen Lage befragt.

Diese Deutschen, die da sprechen, hassen Presse und Politik, Amerika und Israel, den Kapitalismus machen sie für alles verantwortlich und sind im Grunde einfach nur gegen die Demokratie. Dafür lieben sie Russland. Nicht, weil sie Gogol so gut, Bulgakow so klug und Tolstoi so brillant finden, sondern weil westliche Ideale für sie eine Bedrohung darstellen. Ihr Lebensentwurf ist ein sehr russischer Lebensentwurf, denn sie sehnen sich nach den alten Werten, die „dekadente“ westliche Gesellschaft fürchten sie. Und deshalb spiegeln sich in ihren Argumentationen gegen Kapitalismus, Amerika, Freiheit oder Homosexualität auch die Argumentationen des Kremls, der Russen wieder.

Mann mit den wütenden Augen

„Friedensbewegung“ nennt sich diese allerneueste deutsche Welle. Obwohl die Worte, die ihren Vertretern so locker aus den Mündern fallen, fast immer Worte des Hasses sind. Hass auf Israel zum Beispiel. Für Ken Jebsen, ist der Gaza-Konflikt „ganz simpel: Man nimmt ihnen (den Palästinensern) das Land weg, und wir dürfen dazu nichts sagen, weil wir ja vorher diejenigen, die das jetzt tun, in die Gaskammern geschickt haben. Und wer da noch übrig geblieben ist, der glaubt, da jetzt machen zu können, was er will.“ Dieses Zitat ist noch harmlos, betrachtet man Jebsens großes Anti-Israel-Repertoire. Der Mann mit den wütenden Augen schmeißt sehr oft mit Israel-NS-Vergleichen um sich und sagt auch mal in die Kamera, dass Antisemitismus ja nicht verboten sei in Deutschland.

Zwar war Israel-Hass niemals eine Kreml-Doktrin Wladimir Putins, doch ist dieser Hass zum Teil russische Volksmeinung. Der lang anerzogene sozialistische Antisemitismus ist immer noch in den Köpfen sehr vieler Russen und rutscht ihnen öffentlich und oft von den Lippen. Sätze, die mit „die Juden“ anfangen und mit einer schlimmen Beleidigung enden, hört man in Russland nicht nur in der Metro, sondern auch im Museum oder Theater.

Rechtsradikale auf den Mahnwachen

Die deutschen Antisemiten hassen zwar öffentlich selten so direkt wie die russischen, fühlen sich aber unter „Israel-Kritikern“ wie Jebsen sehr wohl. Regelmäßig tauchen Rechtsradikale auf den Mahnwachen auf, und regelmäßig distanziert sich der Initiator der bundesweiten Veranstaltungen, Lars Mährholz, von ihnen. Und trotzdem überreicht er dann doch auch mal eher rechten Gestalten das Mahn-Mikrofon.

Mährholz, ein Mann, der wie ein harmloser, netter Tierschützer aussieht und seine Sätze oft mit „ihr Lieben“ beendet, predigt auch selbst. Sein Hassthema ist der Kapitalismus, speziell das Zentralbankensystem der Vereinigten Staaten, das in Mährholz’ Kopf der größte Kriegstreiber auf dieser Welt ist. Damit trifft der Mahnwachen-Veranstalter sowohl die Herzen der linken, als auch der rechten Verschwörungstheoretiker, die wiederum an eine „jüdische Weltverschwörung“ glauben.

Diese Art Entschlossenheit und Stärke

Ja, Banken und Amerika sind auch die Feinde der Russen. Aber das mächtige Putin-Land lässt sich nicht von Bankern oder Amerikanern tyrannisieren. Amerika wolle Russland nicht erniedrigen, sondern sogar unterwerfen, sagte Putin vor kurzem stolz auf einem Moskauer Podium sitzend und ermahnte: „Niemandem in der Geschichte ist es je gelungen, Russland das anzutun, und niemandem wird es jemals gelingen.“ Und es ist diese Art Entschlossenheit und Stärke, die den Friedensbewegten so gefällt. Denn sie wollen sich auch nicht mehr unterwerfen lassen, zumindest nicht von Banken oder Amerikanern. Und besonders nicht von irgendwelchen Politikern, die auf Mahnwachen ebenfalls putinmäßig-entschlossen gehasst werden. Um das zu verstehen, muss man nicht einmal die Parolen der Friedensbewegten zitieren, es reicht, sich die Agitprop-Kunst anzuschauen, die dort „ausgestellt“ wird. Da sieht man zum Beispiel eine Toilettenbrille aufgestellt auf einem Fahrrad, in die ein Porträt Angela Merkels hineingeklebt wurde - ein entstelltes Porträt, auf dem die Bundeskanzlerin statt einer Nase den Rüssel eines Schweins im Gesicht hat. Ähnlich unkreative Merkel-Karikaturen gibt es auf Hunderten russischen Blogs.

In diesem dunklen und schmutzigen Internet findet man auch noch mehr deutschen Hass, der sehr russisch ist, und das fast immer auf den Seiten der einschlägig bekannten Friedensbewegten. Auch Putins Topthema Homosexualität. Jürgen Elsässer schreibt zum Beispiel: „Die ,Ehe für alle‘ und das Adoptionsrecht für Schwule abzulehnen, hat nichts mit Diskriminierung von Homos zu tun.“ In dieser Logik argumentiert auch der Kreml, wenn es heißt, dass das Homosexuellen-Propaganda-Gesetz ja nicht diskriminieren, sondern nur Kinder vor Pädophilen schützen wolle.

Das Lieblingshassthema auf Montagsveranstaltungen

Jürgen Elsässer ist wahrscheinlich der größte Meister des Hasses unter den Friedensbewegten, das wird klar, wenn man sich noch mehr seiner Mahnwachen-Auftritte anschaut und anhört. Elsässers Parolen sind böse und schlimm. Doch das Allerschlimmste ist es, mitanzusehen, wie die Menschen auf ihn reagieren. „Ami, go home!“, sagt Elsässer unaufgeregt in ein Mikrofon, nachdem er über Amerika - das Lieblingshassthema auf Montagsveranstaltungen - gesprochen hat. Eine berauschte Menge schreit es ihm darauf nach. „Ami, go home!“ Immer und immer wieder.

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So, wie sie da klatschen auf ihrer Mahnwache, so, wie sie brüllen, so werden auch die öffentlichen Worte Wladimir Putins in Russland gefeiert. Und so ist das wahre, heimliche Mastermind dieser deutschen „Friedensbewegung“ nicht Jürgen Elsässer, nicht Ken Jebsen, nicht sonst irgendwer, es ist der russische Präsident höchstpersönlich. Denn einerseits lebt Putin die antidemokratischen Ideale dieser Bewegung, andererseits verkörpert er Stärke. Eine Stärke, die wieder Zucht, Ordnung und Klarheit in das Leben all dieser verwirrten, friedensbewegten Deutschen bringen könnte. Denn sie sind die Überforderten, die Ausgestoßenen hier in der westlichen Welt. Genauso wie Putin ein Ausgestoßener in der Weltpolitik ist, jedoch ein sehr starker, mächtiger Ausgestoßener. Und deshalb sehnen sich diese Deutschen auch nach seiner festen und führenden Hand. Und deshalb ist diese neue „Friedensbewegung“ auch so gefährlich - weil sie nichts mit dem zu tun hat, was das demokratische Nachkriegsdeutschland eines Jürgen Habermas, eines Willy Brandt oder einer Angela Merkel ausmacht.

Wie aber kann man diese Friedensbewegten aufhalten? Und wo? In Deutschland? Durch eine noch besser funktionierende Wirtschaft? Durch noch weniger Arbeitslose? Durch noch mehr Sozialkundeunterricht an den Schulen? Oder doch eher in Russland? Denn dort lebt und regiert ihr großes antidemokratisches Vorbild. Die Sache ist einfach: Solange Putin an der Macht ist, solange seine Macht immer größer wird, solange er sich mit voller Entschlossenheit gegen die westlichen Werte erhebt, bleibt er der Antrieb der neuen Wahrheitssucher in Deutschland, und ihre Bewegung wird wachsen. Und wenn er dann doch eines Tages zurücktritt, gestürzt oder abgewählt wird, oder einfach so, weil er es kann, für immer auf einem großen, weißen Pferd davonreitet? Dann erst werden die Friedensbewegten aufhören, ihre Wahrheit und ihren Hass montags dem Brandenburger Tor entgegenzubrüllen. Hoffentlich.

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