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Verkauf der „Washington Post“ : Das ist ein richtiges Erdbeben

Verkauft: die „Washington Post“ Bild: Reuters

Mit dem Kauf der „Washington Post“ landet der Amazon-Chef Jeff Bezos einen Überraschungscoup. Nun rätseln alle, was er mit der Zeitung vorhat. Wird er sie in den Dienst seiner üblichen digitalen Gewinninteressen stellen?

          Es ist die Art von Nachricht, von der man jetzt schon weiß, dass man sich daran erinnern wird, wo man war, als man sie gehört hat. Jedenfalls den Journalisten in den Vereinigten Staaten ging es so, als die „Washington Post“ am Montagnachmittag bekanntgab, dass sie verkauft wird: an Jeff Bezos, den Gründer des Internet-Versandhauses Amazon. James Fallows, nationaler Korrespondent der Monatszeitschrift „The Atlantic“ und Doyen der medienethischen Selbstbeobachter, notiert, dass er die Sensation über Twitter erfuhr. „Ich bin sicher, es ist ein Ereignis des Typus: die Episode, in der sich ein Zeitalter zusammenzieht.“ Die Einstellung von „Newsweek“ zum Ende letzten Jahres, lange erwartet, sei dagegen nur eine kleine Erschütterung gewesen. „Das hier ist ein richtiges Erdbeben.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am Wochenende war mitgeteilt worden, dass der Name „Newsweek“ an einen Verlag für digitale Nachrichtendienste verkauft worden ist. Das wöchentliche Nachrichtenmagazin „Newsweek“ gehörte von 1961 bis 2010 zum Imperium der „Washington Post“. Katharine Graham, Verlegerin der „Post“ seit 1963, berichtet in ihren Memoiren, immer wieder habe sie Kaufangebote für „Newsweek“ zurückgewiesen. Das sei keine geschäftliche Entscheidung gewesen, sondern ein Akt der Loyalität gegenüber einer Institution. Neun Jahre nach dem Tod der Patriarchin stieß The Washington Post Company „Newsweek“ zum symbolischen Preis von einem Dollar ab.

          Botschaft der Schadenfreude über Twitter

          Für die Tageszeitung, die achtzig Jahre lang im Besitz der Familie von Katharine Graham war, zahlt Bezos jetzt 250 Millionen Dollar. Das ist dreieinhalbmal so viel wie die siebzig Millionen, die John W. Henry, der Eigentümer der Baseballmannschaft Boston Red Sox, der „New York Times“ in einer weiteren, an diesem Wochenende vereinbarten Transaktion für den „Boston Globe“ überweisen wird. Als die „Times“ vor zwanzig Jahren den „Globe“ kaufte, hatte der Preis 1,1 Milliarden Dollar betragen. Eine Milliarde Dollar war Facebook im vergangenen Jahr der Fototauschdienst Instagram wert. Am Montag freute sich ein Redakteur der „Huffington Post“ öffentlich darüber, dass die Online-Gratiszeitung beim Verkauf an AOL vor zwei Jahren 65 Millionen Dollar mehr eingebracht hatte als jetzt die „Washington Post“. Diese Botschaft der Schadenfreude wurde naturgemäß über Twitter verbreitet.

          Der Gründer und CEO des Internetgiganten Amazon Jeff Bezos hat die „Washington Post“ für zahlte 250 Millionen Dollar mit seinem Privatvermögen gekauft. Was hat er vor?

          Als die Redakteure der „Post“ vorgestern um viertel nach vier zu einer Betriebsversammlung um halb fünf einbestellt wurden, verhängte die Geschäftsleitung über die Nachricht, die Katharine Weymouth, die Verlegerin und Enkelin von Katharine Graham, dort verkünden wollte, ein auf zehn Minuten befristetes Twitter-Embargo. Zehn Minuten: Darauf ist in der Zeit der Dauerversendung von Aufgelesenem die Gnadenfrist des Nachdenkens geschrumpft, auch bei Nachrichten in eigener Sache. Entsprechend dürftig fielen viele Sofortkommentare zum Erdbeben von Washington auch unter seriösen Adressen aus.

          Auf der Startseite des politischen Intelligenzblatts „The New Republic“ steht in riesigen Buchstaben: „Jeff Bezos ist eine schlechte Nachricht. Warum die ,Washington Post‘ sich Sorgen machen sollte.“ Aber der Artikel eines ehemaligen Reporters der „Post“ enthält gar keine Informationen über die unternehmerischen Strategien oder politischen Ansichten des Neulings im Zeitungsgeschäft. Zur Begründung des Warnhinweises genügen kulturkritische Betrachtungen über die Wirkungen von Amazon, für die kein Bücherliebhaber die Formulierungshilfe eines Journalisten braucht. Der Aufmacher der Internetausgabe der „New Republic“ kommt immer in der Riesenschrift daher, seit dem Relaunch unter dem neuen Eigentümer Chris Hughes.

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