25.06.2010 · Washington is not amused: Der amerikanische General McChrystal muss wegen eines Artikels im „Rolling Stone“ gehen. Das ist kein Wunder - bei der Zeitschrift.
Von Christoph EhrhardtMichael Hastings ist in Kandahar unterwegs, als ihn ein Kollege von der „New York Times“ anruft. „Ich war darüber selbst erstaunt“, sagt er ihm. „Ich habe mir diese Frage selbst gestellt.“ Warum nur hatte der amerikanische General McChrystal, der bis zum Mittwoch die internationalen Truppen in Afghanistan kommandierte, dem Reporter so tiefe Einsichten in sein Innenleben und das seines Stabs gewährt? Der „ausgerissene General“, den Hastings für das Magazin „Rolling Stone“ porträtierte, wurde von einem wütenden Präsidenten Obama gefeuert.
In dem Artikel ist zu erfahren, dass McChrystal nicht besonders viel für Vizepräsident Joe Biden übrighat. „Biden, wer ist das?“, fragt der General den Reporter. „Sagten Sie ,Bite me' (Leck mich)?“, ergänzt McChrystals Mitarbeiter. Der sendungsbewusste Widerwille des Generals und seiner Leute trifft auch den amerikanischen Botschafter in Kabul, Eikenberry, den Afghanistan-Beauftragten Holbrooke, die Franzosen (In etwa: „Ich würde mir lieber von einem Rudel Leuten in den Arsch treten lassen, als zu diesem Dinner zu gehen“), Obama (“verschüchtert“) und Sicherheitsberater James Jones („Clown“). Hastings' Aufnahmegerät zeichnet all das auf.
Der offene General
Der Reporter zeigt sich darüber verwundert, dass überhaupt keine Regeln dafür gesetzt wurden, was von alldem er am Ende tatsächlich aufschreiben darf. McChrystal ist in Paris, um die Franzosen für seinen Krieg zu gewinnen, als er mit Hastings zusammentrifft, einem erfahrenen Kriegsreporter, der schon im Irak gearbeitet hat. Die isländische Aschewolke verhindert den Weiterflug des Generals nach Afghanistan. Aus dieser Zeit stammten die meisten Zitate, sagt Hastings, der sich zum einen über die spontane Einladung der McChrystal-Mitarbeiter freut, ihren Chef ins Einsatzgebiet zu begleiten, zum anderen über eine zünftige Zechtour, die er mit dem selbsternannten „Team America“ unternimmt. Etwa einen Monat wird Hastings mit ihnen verbringen. Der General habe die meiste Zeit „on the record“ gesprochen, seine Leute hätten sich mit der Zeit immer „einladender“ gezeigt, sagt Hastings. „Es war klar, dass das alles offiziell war“, versichert er dem Sender CNN.
Der Chefredakteur des „Rolling Stone“, Eric Bates, führt die Offenherzigkeit des Generals auf dessen „enorme Frustration“ darüber zurück, dass die Leute, die ihn eigentlich unterstützen sollten, seine Strategie nicht verstünden. Darauf angesprochen, sagt Bates aber auch, dass es durchaus möglich sei, dass „die Leute manchmal vergessen, wie viel ernsthafte Berichterstattung in der DNA des ,Rolling Stone' steckt“. Die nicht minder ambitionierte Konkurrenz von „Vanity Fair“ hat jedenfalls einen „strategischen Fehler“ des Generals ausgemacht. Es gibt auch Kollegen von Hastings, die jetzt fürchten, das von Natur aus nicht besonders offenherzige Militär könnte künftig zu übertriebenem Misstrauen neigen, um solche „Fehler“ zu vermeiden.
Gonzo-Journalismus
Dabei ist es kein Geheimnis, dass sich die Angriffslust des Magazins nicht in Titelbildern wie jenem der aktuellen Ausgabe erschöpft, auf dem eine spärlich bekleidete Lady Gaga mit Sturmgewehren posiert. Das Magazin beschäftigt sich seit Jahren leidenschaftlich mit Politik, mit Krieg und Wirtschaftskrise. Es legte sich mit der mächtigen Wall-Street-Bank Goldman Sachs (“Blasenmaschine“) an, deren Geschäftsgebaren (ein „Vampirtintenfisch, der sich um das Gesicht der Menschheit geschlungen hat und seine blutsaugenden Trichter in alles rammt, was nach Geld riecht“) in einer aufsehenerregenden Reportage an den Pranger gestellt wurde. Der „Rolling Stone“ hat preisgekrönte Irak-Reportagen veröffentlicht, sich ausgiebig der Wahlkampagne Obamas gewidmet, der es so oft auf das Titelbild schaffte, dass nur John Lennon ihm in dieser Disziplin das Wasser reichen kann. Lennon (mit Stahlhelm in Richard Lesters „I won the War“) zierte auch die erste Nummer vom 9. November 1967, in deren Editorial Gründer Jann Wenner schon verkündete, es gehe nicht nur um Musik, sondern „auch um die Dinge und die Geisteshaltung, die sie umschließt“. Auch Wenners wohl berühmtester Autor, der Gonzo-Journalist Hunter S. Thompson, widmete sich im Dienste des Blatts der Politik; er berichtigte 1972 über den Präsidentschaftswahlkampf.
Seine (linksliberale) politische Haltung hat der „Rolling Stone“ nie verhehlt. George W. Bush zierte 2006 als „schlechtester Präsident aller Zeiten“ das Titelblatt, und Wenner sagt dazu: „Wir mussten das einfach tun.“ Wenner, der gerne von dem naiven Eifer berichtet, mit dem er und Mitgründer Ralph J. Gleason, ein Musikkritiker, in der Anfangszeit zu Werke gingen, steht inzwischen als Verleger an der Spitze eines kleinen Imperiums. Dazu gehört neben dem „Rolling Stone“, der eine Auflage von 1,4 Millionen Heften hat, etwa die Gossip-Zeitschrift „US Weekly“.
McChrystal - ein rollender Stein?
Nun hat der „Rolling Stone“ mit der McChrystal-Affäre seinen vielleicht spektakulärsten Coup gelandet. Einen, der nicht aus der Art fällt. So, wie man aus Tourbusreportagen erfuhr, wie Rockstars reden, was sie so tun und zu sich nehmen, erfährt man, wie Militärs reden, dass sie gerne Bier trinken, fluchen und sich auch mal den Mittelfinger zeigen. Nur dass ein solcher Einblick einen Militär den Job kosten kann. Vielleicht hat McChrystal den „Rolling Stone“ unterschätzt, vielleicht hat er sich darauf verlassen, dass Hastings unausgesprochenen Regeln folgte. Eigentlich gilt der General als einer, der weiß, was er tut.