In einem Multimediamarkt entdecken Sie ein supersüßes Digitalgimmick in Hasenform. Sie staunen. Sie zögern. Dann lesen Sie die Beschreibung: „Multiüberwachungssystem für Ihr Wohnzimmer - Schicken Sie all Ihre persönlichen und beruflichen Daten in Wort, Bild und Ton ins Ausland! Seien Sie nie wieder privat!“Greifen Sie immer noch zu? Wahrscheinlich, denn Geräte, die genau das tun, werden gerade in großen Mengen verkauft.
Allerdings ist ihre Beschreibung etwas anders formuliert. Damals, als „Clouds“ noch Rechner und „Apps“ noch Programme hießen, konnte man das „Internet“ gut erkennen. Es sah in etwa wie ein Computer aus - nicht zuletzt deswegen, weil es ein Computer war, der das Tor zum Netz bildete. Diese Zeiten sind vorbei.
Ein Hase mit Gefühlsanzeige
Wir stehen kurz vor der Vernetzung aller, auch der unverdächtigsten Alltagsgegenstände, und niemand macht sich klar, was das für Konsequenzen haben kann. Weil die Dinger ja unverdächtig aussehen. Wie Hasen beispielsweise.
Die französische Firma Violet hat vor einigen Jahren mit ihrem Nabaztag ein Spielzeug für Nerds herausgebracht. Es handelte sich um einen Plastikhasen, der etwa zwanzig Zentimeter hoch ist. Er bestand aus einigen Lämpchen zur Visualisierung seiner Gefühle, einem Mikrofon, um mit ihm sprechen zu können, sowie einem Schrittmotor zur Steuerung der Ohren. Der Hase konnte einem die Wettervorhersage mitteilen. Er konnte andere Hasenbesitzer grüßen und er konnte seinen Eigentümer mit -Hilfe seines kleinen Bruders - dem Nanoztag - erkennen.
Ein Liveschaltung aus jedem Schlafzimmer
Das reichte freilich nicht, um betriebswirtschaftlich erfolgreich zu sein, also folgte der Karotz. Er kann all das, was die anderen auch können, verfügt aber über eine Kamera. Und er ist cloudbasiert, speichert also seine Informationen in einer digitalen Wolke. Und so wird alles, was der Hase wahrnimmt, was er sieht, was er hört, was er scannt, in die Cloud geschickt. Zu seinem Hersteller.
Lungert der Karotz im Wohnzimmer herum, so existiert eine Liveübertragung aus ebendiesem Wohnzimmer in die große weite Welt. Steht er im Schlafzimmer, so gibt es auch von dort eine Übertragung. Es gibt viele Geräte dieser Art: Schildkröten, Pinguine, Barbies mit Webcam... Und die wenigsten haben ihre Cloud innerhalb Europas, geschweige denn in Deutschland.
Jedem Hersteller seine eigene Cloud
Längst sind auch andere Geräte auf diese Weise mit Sendefunktionen versehen worden, etwa Roboterstaubsauger (mit WLAN und Kamera.) Ähnlich funktioniert auch Microsoft Kinect, ein Spielecontroller mit Kameras, Infrarotkameras und Mikrofonen. Oder das iPhone oder iPad mit der Sprachsteuerung Siri. Es ist inzwischen bekannt, dass Apple Daten von Siri-Dialogen auf einer eigenen Wolke speichert. Nicht bekannt ist, was das Unternehmen damit tut.
Smartphones speichern ohnehin kaum noch etwas auf dem Gerät selbst, alles steigt auf in die digitale Wolke. Alle Android-Geräte nutzen Googles Cloud, alle Apple-Geräte die iCloud, alle Blackberrys die von Research in Motion (RIM). Allerdings geschieht das mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen; Google verdient explizit Geld mit der Auswertung dieser Daten. Apple hält sich bedeckt, was das angeht, und RIM schließt eine Auswertung explizit aus.
Gefährliches Diebesgut
Smartphones werden üblicherweise mit sehr vielen, auch sehr persönlichen Daten gefüttert. Sie kennen unsere Termine, unsere Bekannten, Fotos und Videos. Sie wissen auch immer, wo wir uns aufhalten. All dies wird irgendwo auf der Welt gespeichert. Die Wolkenverbindung der mobilen Geräte hat amüsante Seiteneffekte. Es kam bereits mehrfach vor, dass ein Androidgerät gestohlen und vom Dieb weiterverwendet wurde. Dieser machte unter anderem auch Fotos von sich. Der ursprüngliche Besitzer hingegen kaufte sich nach einigen Tagen ein neues Gerät, meldete sich mit seinem Google-Account an und bekam von Google automatisch alle seine Daten auf das Smartphone geschickt - inklusive der Porträtbilder des Diebs.
Ein anderes kleines Beispiel: Das aktuelle Smartphone-Flaggschiff der Firma Samsung, das Galaxy S3, bietet sehr viele Dienste, die auf Biometrie basieren. Tatsächlich ist die Frontkamera - also die, die den Benutzer im Visier hat - praktisch ständig aktiviert. Dadurch wird es möglich, den Telefonbesitzer zu beobachten und ihm entsprechende Dienste anzubieten. Beispielsweise wird der Bildschirm des Geräts so lange nicht abgedunkelt, wie der Nutzer ihn betrachtet. Fallen seine Augen zu oder wendet er sich ab, greifen die Energiesparfunktionen, und das Display deaktiviert sich. Das ist als Funktion sicher sinnvoll, aber was passiert mit den dabei anfallenden Daten? Wie sehr vertraue ich dem Hersteller? Und welche Möglichkeiten habe ich, tatsächlich herauszufinden, was im Hintergrund passiert?
Immer wollen sie an die Daten
Auch neueste Fernseher beobachten uns, während wir sie beobachten. Es gibt Geräte, die per Gestensteuerung bedient werden können. Sie winken also Ihrem Fernseher zu, und er reagiert darauf. Aber das bringt mit sich, dass das Gerät andauernd Sie beobachtet. Selbstverständlich ist auch dieses Gerät vernetzt. Schon werden neue Formen von Werbespots entwickelt, die auf Ihre vom Gerät beobachtete Tagesform abgestimmt sind.
Grundsätzlich gilt in der Informationstechnologie: Alles, was online ist, ist öffentlich. Und so wird - dank Häschen, Robotern oder neuestem Fernseher - auch Ihr Wohn- oder Schlafzimmer zum Studio. Und die Erfahrung lehrt noch etwas anderes: Wenn Daten da sind, möchte sie irgendjemand haben: der Staat, andere Staaten, Unternehmen, Kriminelle oder einfach nur der böswillige Nachbar. Es ist teuer, sinnvoll auf Daten aufzupassen, weshalb es praktisch immer Lücken gibt. Auch die avisierte Stiftung Datenschutz wird Mühe haben, mit der Rasanz der technischen Entwicklung mitzuhalten. Schon heute sind die professionellen Datenschützer damit überfordert, alle neuen Ein- und Ausfallstraßen unserer privatesten Daten zu bewachen.
Doch diese Entwicklung ist nicht schicksalhaft. Jeder kann selbst reagierem und sollte vor allem eines machen: nachdenken. Und Kinder und Jugendliche über mögliche Folgen aufklären.
Bei jedem brandneuen oder supersüßen digitalen Wundergerät sollte man sich dringend mit den Implikationen beschäftigen und sich Fragen stellen: Was passiert da? Wie funktioniert das? Gefällt mir das? Und nur wenn die letzte Frage bejaht wird, darf der Hase auch ins Haus.
Toller Bericht...aber was lass ich zu?
Gus Savel (gsavel)
- 30.07.2012, 10:44 Uhr
Zwischen Verfolgungswahn und Bedenkenlosigkeit
Michael Reuter (KMR)
- 30.07.2012, 08:41 Uhr
nu macht euch mal nicht in die hosen
Herbert Sachs (herbie123)
- 30.07.2012, 05:58 Uhr