11.01.2008 · Ulf Poschardts „Vanity Fair“ war ein Heft, das sich zwar dem Lifestyle verschrieb, aber keines ist, mit dem Konsumtrottel etwas anfangen könnten. Nun hört er „auf eigenen Wunsch“ auf.
Von Michael HanfeldOb er es geahnt hat? Gar wusste? Im Nachhinein liest sich das Editorial von Ulf Poschardt in der jüngsten Ausgabe von „Vanity Fair“ wie ein Nachruf in eigener Sache. So, als ob er spürte, dass er am Ende der Woche nicht mehr Chefredakteur des Magazins wäre. Er lege sein Amt „auf eigenen Wunsch“ nieder, teilte der Verlag Condé Nast am Freitag mit. Doch wer ist der gedankliche Vater dieses Wunsches?
Das Jahr beginne mit einem Paukenschlag, sagte der Verlagschef Bernd Runge am Freitag in der Redaktionskonferenz. Was er verkündete, war in der Tat ein Schlag auf der Pauke. Am Abend zuvor hatte Poschardt noch energisch wie stets Blatt gemacht. So kam die Nachricht seiner Demission aus dem Nichts. Ein Ad-hoc-Entscheid? Dafür spricht, dass „Vanity Fair“ mit dem „Glamour“-Chefredakteur Nikolaus Albrecht einen kommissarischen Redaktionschef erhält. Dass aber nicht erst seit vorgestern eine Entwicklung im Gang ist, die Poschardt nicht passte, kann man daran ablesen, dass David Pfeifer Berater der Chefredaktion wird und Lesley Vinson, die bei „Männer Vogue“, „Bunte“ und „Men's health“ wirkte, Beraterin fürs Kreative.
Sein Programm
Poschardt hätte sich derlei Beratung verbeten. Denn die Aufmachung der deutschen „Vanity Fair“, erst seit knapp einem Jahr auf dem Markt, ist sein Programm. Er hat ein Heft gestaltet, dass sich zwar dem Lifestyle verschrieb, aber keines ist, mit dem Konsumtrottel etwas anfangen könnten. Seinen Heidegger und Hegel hat Poschardt stets im Gepäck. Und nur mit einem intellektuellen Zugang kann man „Vanity Fair“ aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzen. Und mit journalistischem Wagemut, der einen auch mal ins Abseits führen kann, wie etwa mit dem Interview, das Michel Friedman mit dem Rechtsradikalen Horst Mahler führte, um diesen zu entzaubern - was spektakulär misslang. Doch wer nichts wagt, hat auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt, der dicht besetzt ist wie kein zweiter, nichts zu gewinnen. Und der kann den Lesern auch keine Vorbilder andienen, keine „role models“, von denen Verlagschef Runge im Interview mit dieser Zeitung sprach.
In seinem letzten Editorial stellt Poschardt fest, man habe es in Deutschland „gern klein“. In jeder Hinsicht. Gemütlich, gleichgemacht, in ganz kleinem Karo. Zu klein für jemanden wie Karl Lagerfeld, der nur in einem Deutschland leben wollte, in dem er noch Erich Kästners und Walter Rathenaus fände. Für einen selbstbewussten Querschädel wie Poschardt müsste Deutschland nicht zu klein sein. Eine „Vanity Fair“ wie „Glamour“ aber wäre es ganz sicher.