26.09.2011 · Auffallen mit Einfällen: Ob im Hörspiel, auf der Bühne oder im Film, Vadim Glowna spielt seine Rollen stets mit Gefühl für Detail, Rang und Verausgabung. Heute wird er siebzig Jahre alt.
Von Dietmar DathDas Gedächtnis merkt auf: Den kenne ich doch, der ist mir im Zweiten Weltkrieg („Steiner, das Eiserne Kreuz“, 1977), in emotionaler Beklemmung („Der alte Affe Angst“, 2003) und fern der Erde („Die Mars-Chroniken“, 1979) aufgefallen; da war doch eine Leinwand, es kann auch ein Bildschirm gewesen sein.
Weil Spielfilm und Fernsehdrama, anders als die Bühne, Großaufnahmen von Gesichtern zeigen können und daraus eine rigide und meist arg langweilige Star-Hierarchie resultiert, übersieht man oft, dass auch diese Sorten dramatischen Erzählens brauchen, worauf das Theater unmöglich verzichten könnte: Ensembles. In denen kommt es auf verlässliche Kräfte an, die im engsten Spielraum Einfälle haben und Setzungen vornehmen.
Kinskis Kragen
Vadim Glowna bringt für solche Aufgaben eine in Deutschland nicht sonderlich verbreitete Mischung angemessener Haltungen mit: Er sagt und spielt, was jeweils zu sagen und zu spielen ist, einerseits ohne Gespreize, andererseits aber mit vollem Respekt vor den jeweiligen handwerklichen wie den darüber hinausgehenden ästhetischen Anforderungen. Klartext also, aber mit Gefühl für Detail, Rang und Verausgabung, die er denn auch bei denen zu schätzen weiß, mit denen er arbeitet: „Bei den Dreharbeiten zu einem Edgar-Wallace-Film 1971 lernte ich Klaus Kinski kennen. Er war ein debiler Verrückter, aber er war auch ein Schauspieler, dessen Intensität mich beeindruckte. Es gab eine Szene, in der er vom Kommissar in eine Bank hinein verfolgt wird. Kinski stand am Schalter, ich dicht hinter ihm, und ich sah, dass er dermaßen schwitzte, dass sein Kragen nass wurde. Die Szene wurde wiederholt, weil der Regisseur noch nicht ganz zufrieden war, eine Garderobiere kam mit einem neuen Hemd. Und wieder wurde der Kragen feucht. Dreimal wurde die Szene gedreht, und jedes Mal schwitzte er wie auf Kommando den Kragen durch.“
Von Peckinpah bis Roehler
Mit der gleichschwebenden Aufmerksamkeit für Markantes wie Unscheinbares, mit der sich Glowna solche Beobachtungen einprägen, die sein nicht nur im Anekdotischen, sondern auch im Analytischen überaus reiches Erinnerungsbuch „Der Geschichtenerzähler“ von 2006 gleich fuderweise auftischt, legt der Schauspieler seine Rollen an - ob im Hörspiel oder im Film, ob für Sam Peckinpah oder Oskar Roehler. Dasselbe Gespür hilft ihm, eigene Regieprojekte oder Drehbücher zu verwirklichen. Gewürdigt hat man ihn dafür stets (bereits sein Regie-Erstling „Desperado City“ von 1980 wurde in Cannes mit der Goldenen Kamera für das beste Debüt ausgezeichnet); vergessen kann ihn kaum, wer seine Arbeiten kennt. Am heutigen Montag wird Vadim Glowna siebzig Jahre alt.