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Veröffentlicht: 11.10.2016, 20:43 Uhr

Wikipedia Gibt es zu Trump und Clinton noch Fragen?

Was hat Donald Trump über Frauen gesagt? Wie verfuhr Hillary Clinton mit E-Mails? Bei Wikipedia sollte es stehen, vollständig und sachlich dargestellt. Doch der Wahlkampf tobt auch dort.

von Adrian Lobe
© dpa Auch bei Wikipedia herrscht der Wahlkampf zwischen den Zeilen. Zwischen den Fronten: Bots, die zwischen Fakten und Meinungsmache entscheiden.

Donald Trump ist nicht erst seit dem Bekanntwerden des elf Jahre alten Mitschnitts seiner vulgären Hinterzimmeräußerungen über Frauen für die Medien ein Schlagzeilenlieferant erster Güte. Er steht auch bei den Enzyklopädisten des Internets hoch im Kurs. 14.500 Wörter umfasst sein Eintrag in der englischsprachigen Wikipedia. Das ist etwa dreimal so lang wie ein langes Lesestück im „New Yorker“. Hinzu kommen 653 Fußnoten. Es gibt über Trump ja auch viel zu erzählen: über seine Vorfahren, seinen Vater, seine Immobiliengeschäfte, seine Ehefrauen. Brisant sind jedoch seine gesammelten Äußerungen und seine politischen Positionen. Und da tobt bei Wikipedia ein erbitterter Streit über die Fakten.

Die Versionsgeschichte gibt Zeugnis dieses zähen Ringens. Ununterbrochen bearbeiten Nutzer den Trump-Artikel. Mal geht es um sprachliche Nuancen wie darum, ob er eine Positionen „abgeschwächt“ oder schlicht etwas „gesagt“ habe. Mal sind es ganze Absätze, die hinzugefügt oder entfernt werden. Dann geht es um Begriffe, etwa, ob man Waterboarding als „Folter“ oder „aggressive Befragungstechnik“ bezeichnen soll. Mehr als tausendmal wurde der Artikel in den letzten dreißig Tagen bearbeitet, das war noch vor der zweiten Fernsehdebatte.

Die Politik zwischen den Zeilen

Das Prinzip der Online-Enzyklopädie ist, dass jeder, der sich anmeldet, mitschreiben und Fehler beseitigen kann. Das Problem ist, dass nicht nur Nutzer mit enzyklopädischem Interesse schreiben, sondern auch solche mit einer politischen Agenda. Sie wollen Trump in ein positives oder negatives Licht rücken. Das geschieht nicht plump mit der Behauptung falscher Tatsachen, sondern subtil. Es beginnt mit der Bildauswahl: Trumps Wikipedia-Eintrag ist mit einem Foto versehen, das den republikanischen Präsidentschaftskandidaten linkisch lächelnd vor einem Mikrofon zeigt. Es wirkt unfreiwillig komisch, als wäre er ein Spaßkandidat. Hillary Clinton strahlt dagegen präsidial auf ihrem Wikipedia-Eintrag vor einer amerikanischen Flagge, als wäre sie bereits im Amt.

Auch die Quellenlage in Trumps Wikipedia-Artikel ist vielsagend. Der konservative Sender „Fox News“ wird zehnmal als Quelle zitiert, 77 Mal wird auf Artikel der linksliberalen „New York Times“ verwiesen, die eine Wahlempfehlung für Hillary Clinton abgegeben hat. Die konservative, Trump nahestehende Seite Breitbart wird gar nicht erwähnt. Nun ist es der Qualität des Artikels nicht abträglich, wenn das Krawallportal Breitbart nicht auftaucht. Doch mit der Quellenauswahl wird natürlich eine Richtung vorgegeben.

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