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Urteil im Breivik-Prozess Die Stunde der Majuskeln

Das Gericht hält Anders Behring Breivik für zurechnungsfähig. Die Frage, welche Rolle hier der Druck der Öffentlichkeit gespielt hat, wird trotzdem gestellt werden müssen.

© AFP Vergrößern Ein Prozess mit überwältigender öffentliche Präsenz: Bildschirme in einem Geschäft für Unterhaltungselektronik zeigen die Ankunft Breiviks im Gericht am 24. August

Endlich das Urteil. Und auf einmal scheint dieser Prozess, der schon der Selbstinszenierung des Angeklagten wegen so schmerzhaft und unerträglich war, so gut wie vorbei: Anders Behring Breivik ist zurechnungsfähig, hat das Gericht in Oslo befunden, für den Bombenanschlag auf das Regierungsviertel in Oslo und die eiskalten Morde im Ferienlager auf Utøya wird er 21 Jahre hinter Gittern verbringen müssen - mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Ob das angemessen ist und richtig? Aus Sicht mancher Angehörigen, versteht sich, ist kein Urteil hart genug, erst recht nicht aus Sicht mancher Hardliner. Doch der Rechtsstaat hat klare Regeln, es geht nicht um Rache. Und auch so ließ sich bei der Live-Übertragung vom Hambros Plass in den Gesichtern jener, die die Urteilsverkündung in Oslo verfolgten, so etwas wie Erleichterung erkennen.

Große Aufregung um nur ein einziges Wort

Denn vor allem auf das „zurechnungsfähig“, das weiß man seit der heftigen Debatte um das erste, wutentbrannt sogleich in Frage gestellte Gutachten zu Breiviks Geisteszustand, kommt es den Familien der Getöteten und einem Großteil der norwegischen Gesellschaft an – alles andere, sagte der Vater eines Opfers noch am Morgen der Verkündung, käme einem Freispruch nah.

Also schrie nun die Boulevard-Zeitung „Verdens Gang“ ihren Lesern entgegen, noch während die Richterin in die sechsstündige Verlesung der Urteilsbegründung einstieg: „Das Urteil steht: ZURECHNUNGSFÄHIG“. Und selbst der staatliche Fernsehsender NRK, eigentlich eine unaufgeregte Veranstaltung, griff in seinem Online-Angebot zu grellen Majuskeln: „TILREGNELIG“, rief man auch hier auf die ersten Sätze der Richterin hin, als ginge es nicht eine Nummer leiser.

Mit den bekannten Reaktionen

Unter diesen Umständen wurden die Richter in Oslo binnen weniger Minuten gar zu „Helden“ erklärt, war bei den meisten Kommentatoren trotz oder gerade wegen der Befürchtung, die Staatsanwaltschaft könne das Urteil anfechten (sie hatte schließlich auf „unzurechnungsfähig“ plädiert), von einem richtigen und unabhängigen und mutigen, ja historischen Urteil die Rede. Als dürfe es nun keine Zweifler mehr geben. Die wenigen Stimmen, die dem Gericht vorwerfen, dem Druck der Medien und Opferverbände nicht standgehalten zu haben, drangen im Ticker-Rausch kaum durch.

Das Osloer Gericht verurteilte den 33-Jährigen zur Höchststrafe von 21 Jahren und Sicherungsverwahrung. Seine Strafe wird Breivik in Einzelhaft am Stadtrand von Oslo verbüßen. Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© reuters, Reuters Vergrößern Massenmörder Breivik soll nie wieder freikommen

Dass Breivik unterdessen breit lächelte, weil auch er, der geltungssüchtige Möchtegern-Ideologe, sich vor dem Stempel der Unzurechnungsfähigkeit gefürchtet hatte? Dass er noch einmal zu diesem lächerlichen rechten Gruß anhob, sobald die Handschellen für den Verlauf der Sitzung geöffnet waren? Ach, das alles kennt man mittlerweile. Das hielt man am Freitag ebenso aus wie das minutenlange monotone Klicken der Fotoapparate und den Gedanken daran, dass Breivik sich von seiner Zelle aus weiter propagandistisch betätigen könnte; drei Bücher hat der Mann angekündigt, auf seinem Computer bereits unzählige Briefe an vermeintliche und tatsächliche Gesinnungsgenossen geschrieben.

Folgen für die Rechtspsychiatrie

Und dann ist es ja auch so, dass das Gericht die Schilderungen des Massenmörders keineswegs für gänzlich voll nimmt; man kann ihn da trotz allem wohl noch als ziemlich gestört bezeichnen, und das nicht nur mit Blick auf die völlig entmenschlichten Taten vom 22. Juli. Die seltsame Gemeinschaft der modernen Tempelritter etwa, von der Breivik fabulierte, dieses merkwürdige Netzwerk, in dessen Auftrag er agiert haben will? Nichts deute auf die Existenz dieser Tempelritter, betonte Richterin Wenche Elisabeth Arntzen, aber gut, Breivik selbst habe ja einige Übertreibungen seiner Darstellung eingeräumt.

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Zumindest der Rechtspsychiatrie wird es noch eine Weile Kopfzerbrechen bereiten, welche Rolle sie in diesem Prozess spielte und welche Folgen dies für ihren Fachbereich generell haben könnte. „Wir können keine Rechtspsychiatrie haben, die wie eine Lotterie funktioniert“, sagte der Jurist Frode Sulland am Mittag gegenüber Aftenposten. Endlich ein Punkt also, an diesem Tag? Nein, vermutlich nur ein Komma.

Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 24.08.2012, 14:36 Uhr

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