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„Unter Verdacht“ im ZDF : Vom Tod eines Jungen

Improvisationsduell: Als interne Ermittlerin Eva Maria Prohacek verdirbt Senta Berger ihrem Vorgesetzten Claus Reiter (Gerd Anthoff) mal wieder die weitere Karriere Bild: ZDF/Erika Hauri

Hätte der neun Jahre alte David gerettet werden können? Diese Frage stellt sich Senta Berger als interne Ermittlerin Eva Maria Prohacek in ihrem neuen Fall. Es geht um Kinderselbstmord.

          Wenn die Ermittlerin Eva Maria Prohacek (Senta Berger) am Ende dieses Fernsehfilms genüsslich an einer Zigarette zieht und dabei rätselhaft befriedigt in die Ferne blickt, hat sie einen ihrer härtesten Fälle aufgeklärt. Und das will etwas heißen in der Reihe „Unter Verdacht“, in der menschliche Abgründe ungewöhnlich frontal angegangen werden. In der Folge „Mutterseelenallein“ stirbt ein Kind. Der neun Jahre alte David wird erhängt in seinem Zimmer aufgefunden - und alle Beteiligten rätseln nun, ob das wirklich Selbstmord gewesen sein kann oder ob jemand nachgeholfen hat.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Prohacek, die als interne Ermittlerin eingeschaltet wird, weil das zuständige Jugendamt versagt haben soll, ist überzeugt davon, dass sich ein Kind in diesem Alter nicht umbringt. Ihr schlaksiger Assistent André Langner (Rudolf Krause) aber ist nachdenklich geworden. Bei ihm habe als Kind von zehn, elf Jahren selbst nicht viel gefehlt. „Aber Sie haben es nicht getan“, sagt Prohacek, die ihren Sohn, wie die Kenner der Reihe wissen, bei einem Autounfall verloren hat.

          Unfasslichkeit in verschwommenen Bildern

          Der Film beginnt mit einer Vermisstenanzeige, die der später tot aufgefundene David in seiner trostlosen Wohngegend am Stadtrand Münchens an Wände und Masten klebt. Sein Hund Benni ist verschwunden, für Hinweise hat er eine Handynummer angegeben. Da kreist ihn im Innenhof eine Horde jugendlicher Mountainbiker ein und gibt vor, „den Wauwau“ gefunden zu haben. Sie führen ihn in ein dunkles Drecksloch unter einer Brücke, dann verdunkelt sich das Bild. Wenig später ruft Davids älterer Bruder Martin (Rafael Gareisen) den Notruf an. Sein Bruder brauche Hilfe, die Mutter ruft im Hintergrund: „Er hat sich erhängt!“

          Kurz vor dem Schreddern: Eva Maria Prohacek (Senta Berger) und André Langner (Rudolf Krause) retten die Akten des Jugendamtes

          Die Notärzte kommen zu spät, das Auffinden des toten Kindes wird als Unfasslichkeit in verschwommenen, klaustrophobischen Bildern mit Zeitlupendehnungen dargestellt (Regie Martin Weinhart, Kamera Jo Heim). Ursula Strauss als im Flur kniende Mutter Davids sieht man schon in der ersten Szene an, dass sie es dem Zuschauer nicht leichtmachen wird. Bedrohlich haltlos wirkt sie, aber nicht hilflos. Man sieht der Hartz-IV-Empfängerin den Stolz und die Bitterkeit an, und auch, dass das Leben der Fotografin ganz anders hätte verlaufen können. In einem ersten Verhör lenkt Sohn Martin den Verdacht auf seine Mutter. Sie kommt in U-Haft, dann mehren sich die entlastenden Hinweise.

          Gewagtes Gegenlicht

          Hätte der Tod des Jungen verhindert werden können? Diese Frage überwölbt den gesamten Film. Die Vertreter des Jugendamtes benehmen sich bei den Vernehmungen durch Prohacek und Langner überaus verdächtig. Andererseits sind ihre Argumente für den Verbleib Davids bei seiner Mutter nicht von der Hand zu weisen: „Wir können nicht alle Kinder aus den Familien nehmen.“

          Es ist ein schwindelerregend doppelbödiger Sozialkrimi, den Stefan Holtz und Florian Iwersen da geschrieben haben. Und er ist insofern zeitgemäß, als die Tatsache, dass die soziale Frage nicht einfach nur stört, sondern längst ignoriert wird, permanent im Raum steht. Ein Risiko geht der Film mit dem gleißenden Gegenlicht ein, das er großzügig in Szene setzt und das wohl auf die Jenseitssehnsucht der Hauptfiguren verweisen soll, denen in der Realität nicht zu helfen ist. Das Wagnis geht auf.

          Auch diese Folge von „Unter Verdacht“ ist wieder mit ungewöhnlicher Liebe zum Detail produziert worden. Jedes Szenenbild wirkt ausgeklügelt, jede Requisite stimmt. Ein Genuss ist wieder einmal das changierende Mienenspiel von Senta Berger und Gerd Anthoff als Amtsleiter Dr. Claus Reiter. Der Kampf um Gut und Böse, Bürokratie und Moral, den sie austragen, geht diesmal so knapp aus wie selten zuvor.

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