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TV-Film: „Unsichtbare Jahre“ : Wo bleibt das Politische?

  • -Aktualisiert am

Julia Koschitz als linke Studentin Bea Kanter mit Tim Bergmann Bild: WDR/Stephanie Kulbach

Das Erste zeigt in seinem Psycho-Thriller „Unsichtbare Jahre“ wie eine linke Studentin in den 1970ern zur „Perspektivagentin“ wird. Doch wie politisch ist der Film? Oder ist es eine weitere Spionage-Schmonzette?

          Irgendwann in den Siebzigern fährt sie dann ins DDR-Zeltlager, die lustige Hochschulgruppe vom Spartakusbund. Auf geht es mit Juchhe in das FDJ-Feriencamp nach Potsdam. Die Stimmung an Bord des Reisebusses ist aufgeräumt, aus dem Kassettenrekorder klingt Rio Reisers „Keine Macht für Niemand“, und alle grölen mit, lachen und sind so utopisch froh, weil sie gerade dem real existierenden Sozialismus und seinen Stellvertretern auf Erden entgegenfahren. Eigentlich vermisst man im Reisebus nur die frühe Claudia Roth mit ihrer guten Laune. Bea (Julia Koschitz), die linke VWL-Studentin aus Frankfurt, die nach diesem Ferienkommunismus-Zeltlager vom MfS als „Perspektivagentin“ angeworben wird, wirkt nie wieder so glücklich und gelöst wie auf dieser Fahrt unter Gleichgesinnten.

          Über sechzehn Jahre hinweg wird in „Unsichtbare Jahre“ die Lebensgeschichte Beas erzählt, und sie wird mit fast jeder erzählerischen Anstrengung plausibel gemacht, zu der das zeithistorisch grundierte fiktionale Fernsehen hierzulande fähig ist (Buch Hannah Hollinger, Regie Johannes Fabrick). Aufwendig gestaltet in Ausstattung und Ambiente, hat man sich offenbar vorgenommen, dem Betrachter die Motivation einer Landesverräterin nahezubringen, ohne Verständnis in der Sache einzufordern.

          Zu wenig des Guten

          Die Sache: Ungefähr 12.000 Agenten, so heißt es, spionierten in der Bundesrepublik für die DDR. Etwa tausend von ihnen sollen bis heute unentdeckt sein. Günter Guillaume, der Spion im Kanzleramt, über den Willy Brandt stürzte, war nur der prominenteste Fall. Bea Kanter, der Julia Koschitz in beinahe jeder Einstellung ihr unergründliches Gesicht gibt, ist eine fiktive, gleichwohl als typisch anzunehmende Figur. Aus einer mittelhessischen Unternehmerfamilie stammend, grenzt sie sich vom Vater Norbert (Friedrich von Thun) ab, der sich für die CDU in der Kommunalpolitik engagiert. An der Frankfurter Uni gerät sie in frauenbewegte Kreise und an verschiedene linke Ideologien. Ziel ist der Grundsatzprotest. Während Schwester Conny (Anna Julia Kapfelsberger) ihr Leben auf Männer fixiert, füllt Bea ihre innere Leere nach dem frühen Tod der Mutter mit dem Gefühl, einzigartig zu sein und gebraucht zu werden.

          Es ist eine Verführung der besonderen Art. Zunächst umflirtet von dem Agentenführer Gerhard (David Rott), lernt sie als Spionin immer neue Männer kennen, die anscheinend über intime Kenntnis ihres Lebens verfügen. Hier erschleicht das Drehbuch Verständnis. Bea, so wird suggeriert, sucht Halt und Lebenssinn als „Kundschafterin des Friedens“ – und bleibt dabei physisch Jungfrau, unangetastet auch im übertragenen Sinn, wie mehrfach betont wird. Im Mittelpunkt steht der Vater-Tochter-Konflikt, das „Psychodrama“ des sich verlassen geglaubten Kindes. Das ist dann doch, trotz ansehnlicher Bilderbogenoptik aus sechzehn Jahren Bundesrepublik und DDR (1974 bis 1990), zu wenig des Guten. Um Politik geht es nur sehr am Rande. Die RAF etwa gibt es gar nicht. Zweifel an Beas Haltung sind im Film nicht vorgesehen.

          Stattdessen landet er punktgenau als unpolitische Schmonzette. Tim Bergmann gibt den gefühlsseligen Physiker und schmachtenden Liebhaber, der mit Bea in Lissabon lebt. Er will alles erdulden, solange sie nur das Bett mit ihm teilt. Statt Spionage vermutet er Liebesverrat, ihre Überstunden im Auswärtigen Amt, für das sie beim Fall der Mauer arbeitet, gehen für ihn auf das Konto erotischer Nebengleise, nicht politischer. „Unsichtbare Jahre“ gehört damit zu den zahlreichen fiktionalen Stücken im deutschen Fernsehen, denen es nicht gelingt, Politik anders denn als individuell psychologisierend aufzubereiten. Dass das hier, wie Autorin und Regisseur versichert haben, mit Absicht geschah, macht es nicht besser.

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