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„Unsere Mütter, unsere Väter“ : Wunschtraumata der Kinder

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Aber vielleicht nicht für uns. Denn ich entdecke bei der demütigen Art, die Geschichte und die seelischen Verletzungen der Väter und Mütter aufarbeiten zu wollen, viel von der Emotions- und Empathielosigkeit, die Angela Merkel und manchen Vorstandsvorsitzenden ins Gesicht geschrieben steht. Unsere Jahrgänge sind es, die Deutschland heute regieren. Und wir alle sind infiziert von den Überlebensstrategien unserer Mütter und Väter: nicht auffallen, nicht zimperlich sein, nicht klagen. Diese Verhaltensweisen funktionierten im Krieg wie im späteren Berufsleben. Unsere Eltern verhielten sich nach außen vorbildlich, während sie im Innern emotional beschädigt waren. Ihre gepanzerten Gefühle haben sie an uns weitergegeben. Im Gesicht von Angela Merkel, die stellvertretend für uns als Außerirdische oder Rätselhafte stigmatisiert wird, kann man die transgenerationale Traumatisierung wiedererkennen. Vielleicht ist die Kanzlerin bei der Mehrheit der Deutschen gerade wegen ihrer „Emotionslosigkeit“ so beliebt.

Wie ein Achtundsechziger

Zu fragen wäre deshalb: Was ist das für ein Land, das von sekundär Traumatisierten regiert wird? Welche Gesellschaft, welche Kultur bringen wir als Kinder unserer Väter und Mütter hervor? Ist es nicht auffällig, wie tonlos, zahnlos, mitleidlos wir „unser Europa“ zusammenzimmern? Muss es nicht erstaunen, dass unsere politische Kultur unfähig ist, eine wirksame Protestbewegung gegen die „Finanzdiktatur“ zu erzeugen? Wir können uns eben schwer entscheiden, wir sind so „unideologisch“ wie zögerlich. Vielleicht ist unsere uneingestandene Ich-Schwäche die direkte Folge der schweren Ich-Verletzung unserer Eltern im Zweiten Weltkrieg.

1995, zum 50. Jahrestag des Kriegsendes, saß ich mit Dieter Wellershoff und einigen anderen Kriegs-Experten auf einem Podium des Westdeutschen Rundfunks, um über das Thema „Befreiung oder Niederlage?“ zu diskutieren. Ich war der jüngste und auch der einzige unter den Diskutanten, der den 8. Mai 1945 nicht selbst erlebt hatte. Da sich die Diskussion ziemlich schnell der Frage näherte: „Was hätten Sie an Stelle Ihrer Eltern damals getan? Hätten Sie den Mut gehabt ...?“, rastete ich zu meiner Überraschung aus und gab die anmaßende Antwort, ich wäre mit Sicherheit in den Widerstand gegangen, und zwar nicht erst 1944. Das Publikum, meine Mitdiskutanten und der Moderator empfanden das - zu Recht - als lächerlich und wuschen mir gehörig den Kopf. Ich hatte mich mit meiner Antwort (die ja unbewusst eine Frage an alle anderen war) disqualifiziert. Denn ich hatte einen wunden Punkt getroffen. So konnte nur jemand reden, der nicht dabei war. Der im Schutze demokratischer Verhältnisse über Widerstand schwafelte. Der Abend war ein einziges Desaster.

Ich hatte das Gefühl, mich danebenbenommen zu haben. Nachts im Bett formulierte ich die Antworten, die ich hätte geben müssen. Ich schämte mich. Heute bin ich froh, damals so großspurig reagiert zu haben. Wie ein Achtundsechziger. Nicht, weil ich in der Diktatur tatsächlich mutiger gewesen wäre als meine Eltern, sondern weil ich - aus dem Bauch heraus - die Antwort gegeben hatte, die es der älteren Generation überhaupt erst ermöglicht hätte, ihr Trauma, nein, ihre Scham ins Bewusstsein zu holen.

Den dritten und letzten Teil von „Unsere Mütter, unsere Väter“ haben am Mittwoch im ZDF im Schnitt 7,63 Millionen Menschen gesehen, in der Spitze waren es sogar bis zu 8,68 Millionen Zusehern. Mit rund zwei Millionen Zuschauern im Alter zwischen 14 und 49 Jahren war der Film auch das in dieser Altersgruppe am besten eingeschaltete Programm. Insgesamt – über die drei Teile hinweg berechnet – kam „Unsere Mütter, unsere Väter“ auf 7,14 Millionen Zuschauer. F.A.Z.

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