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Martin Schulz zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ Was die Geschichte dieses Films uns lehrt

„Der Krieg wird das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen“: Das ist der zentrale Satz des Films „Unsere Mütter, unsere Väter“. Europa hat daraus Lehren gezogen. Doch die Demokratie muss jeden Tag neu erkämpft werden.

© David Slama Vergrößern Auf den Ruinen des Weltkriegs wuchs das europäische Einigungswerk, das heute mehr denn je verteidigt werden muss.

Irgendetwas am Hochzeitsfoto meiner Eltern ist anders. Auf dem Bild zu sehen sind meine Mutter und mein Vater, kurz nachdem sie sich das Jawort gegeben haben. Es sind zwei Menschen, die sich füreinander entschieden haben und die ihren Weg von nun an gemeinsam gehen wollen. Und doch irritiert das Foto den Betrachter.

Im Laufe unseres Lebens haben wir alle viele Hochzeitsfotos gesehen. Auf diesen Fotos erblickt man in den Augen des Brautpaars das Leuchten der Verliebten, diese hoffnungsvolle Erwartung auf ein neues, auf ein besseres Leben. Deshalb berühren uns Hochzeitsfotos so stark, weil sie in die Zukunft weisen. Das Foto meiner Eltern ist eher gedämpft. Denn in ihren Augen sieht man Skepsis. Ihre Mienen wollen nicht recht zu dem festlichen Anlass und dem feierlichen Rahmen passen. Sie ganz in Weiß und er in Uniform. Der Grund hierfür: Meine Eltern haben am 30.April 1940 geheiratet, nur wenige Tage später, Anfang Mai 1940, wurde mein Vater eingezogen.

Er wurde Soldat im Zweiten Weltkrieg, inmitten dieses Weltenbrands. Inmitten dieses furchtbaren Krieges, mit dem die Deutschen die Welt überzogen und der mit Auschwitz den Tiefpunkt der menschlichen Zivilisation markiert. Damit wurde mein Vater, wie fast alle Männer seiner Generation, ein kleines Rädchen in der Tötungsmaschinerie, mit der auch die Wehrmacht den barbarischen Rassenwahn der Nationalsozialisten umsetzte.

Unsere Mütter, unsere Väter © David Slama Vergrößern Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie: Filmszene aus den Schützengräben des Weltkriegs

„Der Krieg wird das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen“, sagt in dem Fernsehdreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ Friedhelm zu seinem großen Bruder, ehe sie gemeinsam als Wehrmachtssoldaten in den Krieg ziehen. Dieser Satz ist der Kernsatz in diesem bedrückenden Film, der mich aufgewühlt, ja, der mich verstört hat. Er zeigt die Geschichte fünf junger Menschen, die alle das Beste wollen. Junge Menschen, die Ideale haben, die aber alle im und durch den Krieg verändert werden.

Da ist der smarte Kriegsheld Wilhelm, der so fest glaubt an ein altes, soldatisches Ideal, das es so nie gegeben hat. Er wird zum Mörder, als er, dem furchtbaren Kommissarsbefehl folgend, einen Kriegsgefangenen erschießt und wissentlich das schon damals gültige humanitäre Völkerrecht bricht. Wilhelm funktioniert, weil er Befehlen folgt. Er befolgt sie, obschon er weiß, dass sein Handeln falsch, ja verbrecherisch ist. Da ist sein jüngerer Bruder Friedhelm, ein sensibler Schöngeist, der in sein spärliches Marschgepäck noch Bücher einpackt, auf die er auch an der Front nicht verzichten will. Er versucht sich lange der Kriegslogik zu entziehen, aber auch er mutiert schließlich zur perfekten Tötungsmaschine.

Da ist die karriereorientierte Greta, die ein Star werden will und von den Bühnen in Wien und Paris träumt. Sie geht einen Pakt mit dem Teufel ein, beginnt eine Affäre mit einem SS-Sturmbannführer. Zunächst um ihren jüdischen Freund Viktor zu retten, aber immer mehr, um als Sängerin zu Ruhm zu kommen. Sie verschließt die Augen vor dem Offensichtlichen, weil sie das schöne Leben in einer Welt will, in der man das schöne Leben nicht mehr erreichen kann, ohne dass man selbst Schuld auf sich lädt. Da ist Charlotte, die sich vor Liebe für Wilhelm verzehrt, sich aber nicht traut, ihm ihre Gefühle zu offenbaren. Weil auch sie etwas beitragen will, meldet sie sich freiwillig zum Dienst als Frontschwester. In erschreckender Naivität betet sie dort die dumpfe Nazi-Propaganda nach, und in ihrem Bestreben, alles richtig zu machen, verrät sie eine jüdische Ärztin, die ihr eine Freundin hätte werden können.

Unsere Mütter, unsere Väter © David Slama Vergrößern Vom Karrierewunsch zum Pakt mit dem Teufel verführt: Katharina Schüttler als Greta in „Unsere Mütter, unsere Väter“

Mit Ausnahme von Viktor - der sich dem bewaffneten polnischen Widerstand anschließt und der schon vorher gegen seinen Vater aufbegehrt, weil dieser viel zu lange glaubt, er würde von der Judenverfolgung verschont, weil er im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte - werden alle in diesem Freundeskreis auf fatale Weise in Schuld verstrickt.

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