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Diskussion in Polen : Über Widerstand und Antisemitismus

Viktor Goldstein (Ludwig Trepte) kehrt dem Anführer der Partisanen in „Unsere Mütter, unsere Väter“ den Rücken Bild: AP / ZDF / David Slama

Der deutsche Fernseh-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat in Polen eine heftige Debatte entfacht. Anlass ist vor allem die Darstellung der polnischen Heimatarmee.

          Sie sind nicht böse, sie sind halt nur ein wenig dumm: Es ist ein beinahe mildes Urteil, das die sonst durchaus zu scharfen Verdikten neigende polnische Öffentlichkeit dieser Tage über die deutschen Nachbarn fällt. Es geht um den dreiteiligen ZDF-Film „Unsere Mütter, unsere Väter“.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine.

          Dass das polnische Urteil über den Film dann aber doch von den Kritiken aus Deutschland abweicht, hat mit einer Episode im dritten Teil zu tun, in welcher der jüdische Protagonist Viktor sich im besetzten Polen den Partisanen von der „Heimatarmee“ (AK) anschließt - nur um festzustellen, dass die polnischen Untergrundkämpfer offenbar der deutschen SS in ihrem Judenhass in nichts nachstehen. „Die Juden ertränken wir wie die Katzen“, sagt einer von ihnen, und als die Einheit einen deutschen Zug stoppt und feststellt, dass in ihm gefangene Juden in die Gaskammern unterwegs sind, verriegeln die Kämpfer die Waggons wieder, erst Viktor sorgt für die Befreiung.

          Ein Aufruf zur Beschwerde

          Die Szene hat in der sonst stets streitlustigen polnischen Öffentlichkeit einen seltenen Effekt gehabt: Einigkeit. Von der nationalkonservativen Zeitschrift „Uwazam Rze“ über den katholisch-intellektuellen „Tygodnik Powszechny“ bis hin zur sonst stets deutschlandfreundlichen liberalen „Gazeta Wyborcza“ waren die Kritiken vernichtend.

          Außenminister Radoslaw Sikorski empfahl per Twitter (siehe Retweet vom 26. März), sich beim ZDF zu beschweren, und der polnische Botschafter in Berlin schrieb Protestbriefe. Dass Deutschlands öffentlich-rechtliches Fernsehen den polnischen Untergrund so pauschal als finsteren Hort des Antisemitismus darstellen könnte, fand der „Tygodnik Powszechny“ „widerlich“, Botschafter Jerzy Marganski „schreiend ungerecht und beleidigend“, und Adam Krzeminski, der beste Deutschland-Kenner der journalistischen Zunft in Polen, verglich „Unsere Mütter, unsere Väter“ mit den antipolnischen Filmen der Nazizeit. Hier finde Psychotherapie „auf dem Rücken der Nachbarn“ statt, schrieb er - der unterschwellige Versuch, die deutsche „Schuld an den Gaskammern“ mit Polen zu teilen.

          Gleich zwei Nerven getroffen

          Dass die Debatte über diese kurze Episode in Polen bis heute anhält, liegt daran, dass sie gleich zwei Nerven getroffen hat: Erstens sind viele Polen, von der nationalistischen Rechten bis weit in gemäßigte Kreise hinein, von der Sorge beseelt, dass ihr Land, ohne eigenes Zutun der Hauptschauplatz des Holocaust, im Ausland als Mitschuldiger des deutschen Judenmords dargestellt werden könnte - zumal jedes Jahr Legionen von Touristen hierherkommen, um Auschwitz und Majdanek zu besuchen. Regierung und Presse schreien jedes Mal auf, wenn im Ausland jemand in der naiven Ansicht, „nur den Ort“ zu bezeichnen, von „polnischen Lagern“ spricht, und als dieser Fehler im vergangenen Jahr dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama unterlief, kam es zu ernsten Turbulenzen zwischen Warschau und Washington.

          Zweitens berührt das Bild vom „polnischen Antisemiten“ einen besonders schmerzhaften Punkt der Gegenwartsdebatte an der Weichsel. Polen debattiert seit Jahren hitzig über die eigene „Mitschuld“ am Holocaust, und in der Öffentlichkeit ist heute unbestritten, dass es während der deutschen Besatzung und unmittelbar danach tatsächlich immer wieder „polnische“ Judenpogrome gegeben hat. Präsident Aleksander Kwasniewski hat der ernsten Selbstprüfung dieses Landes im Jahr 2001 Ausdruck gegeben, als er im Dorf Jedwabne, wo polnische Bewohner unter deutscher Anleitung ihre jüdischen Mitbürger ermordeten, öffentlich um Vergebung bat.

          Den Verhältnissen nicht gerecht geworden

          Andererseits ist man in Polen auch stolz darauf, dass gerade hier, wo die deutschen Besatzer Hilfe für Juden härter als anderswo bestraften (nämlich mit der Ermordung der ganzen Familie), ein ausgedehntes System des Untergrundbeistands existiert hat. Die mit der AK verbundene Organisation „Zegota“ sorgte für Verstecke und falsche Papiere, und kein Volk der Welt hat mehr „Gerechte unter den Völkern“ hervorgebracht als eben die Polen.

          Die israelische Gedenkstätte Yad Vaschem hat 6394 Polen mit diesem Titel ausgezeichnet - in Deutschland waren es nur 525. In den Reaktionen auf „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist ein differenzierter Ansatz neben schrillen Tönen, die es natürlich auch gab, vorherrschend gewesen. „Ich denke nicht, dass die Deutschen den Polen bewusst die Verantwortung für den Holocaust in die Schuhe schieben wollten“, schrieb Bartosz Wielinski in der „Gazeta Wyborcza“. Hier sei nicht Geschichtsklitterung am Werk, sondern einfach nur „Dummheit“ und „Ignoranz“. „Wer erklärt den Deutschen“, fragt Wielinski, „dass die AK nicht die SS war?“

          Das ZDF sei der tragischen Differenziertheit des polnisch-jüdischen Verhältnisses unter deutscher Besatzung keineswegs gerecht geworden, notiert man in Warschau - und empfindet dies umso schmerzlicher, als in Polen selbst gerade eine bemerkenswerte Weiterentwicklung des lange Zeit einseitig-düsteren Deutschland-Bildes im Gang ist. Die Zeiten, in denen schäumende Nationalkonservative hier den Ton angaben, sind lange vorbei.

          Es gibt eine auf hohem Niveau geführte innerpolnische Debatte über die Vertreibung der Deutschen und die eigene Verantwortung dafür, Museen greifen das deutsche Erbe in Schlesien auf, und an den Ruinen der Internierungslager, wo Deutsche nach dem Krieg zu Tode gequält wurden, sind Gedenktafeln angebracht worden. Polen sieht genau hin, wenn es um Deutschland geht, und bemüht sich um differenzierte Urteile.

          Quelle: F.A.Z.

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