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Waldemar Schneider : Über mehrere Kontinente verstreut

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Viele Russlanddeutsche wurde während des Krieges in die asiatischen Republiken der Sowjetunion zwangsumgesiedelt. Die Familie unseres Lesers Waldemar Schneider gehörte dazu, weshalb sie heute auf drei Erdteilen lebt.

          Ich bin geboren in Kasachstan, wohin es meine Eltern in Folge des 2. Weltkrieges verschlagen hat. Hierbei gab es einige Umstände, auf Grund derer die Familie jetzt über drei Kontinente verstreut ist.

          Die organisierte Ansiedlung von deutschen Auswandern in den Weiten des russischen Reiches setzte bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein. Insgesamt gesehen werden die so genannten Russlanddeutschen zunächst als loyale Untertanen des Zaren in den vielen verstreuten Kolonien geschätzt und auch nach der Oktoberrevolution geduldet - bis hin zur Gründung einer Autonomen Sowjetrepublik, in der es ein deutschsprachiges Schulwesen, Theater, sowie Zeitungswesen gab.

          Mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Sommer 1941 mit einer zügigen Eroberung neuer Gebiete, die Krim und Kaukasus als Schlüssel zur deutschen Weltherrschaft im Osten erobern und sichern sollte, änderte sich jedoch die Lage der Russlanddeutschen wohnhaft in diesen Gebieten. Bereits im August 1941 wurde die deutsche Bevölkerung pauschal der schwellenden Kollaboration mit Deutschland beschuldigt und kurzer Hand nach einer erneuten Enteignung in die weiter entlegenen Teile des riesigen Landes deportiert. Die Familie meiner Mutter musste diese lange Umsiedlung aus dem Nordkaukasus antreten, während die Angehörigen meines Vaters buchstäblich über Nacht sich auf einer beschwerlichen Reise für immer von der Halbinsel Krim verabschieden mussten.

          In der Nähe von Rostov am Don hielt der Güterzug an, um der lokalen Bevölkerung beim Einsammeln der Ernte zu helfen. Dabei hatte sich eine der Schwestern meines Vaters verletzt und wurde zur Behandlung in ein Krankenhaus eingewiesen. Kurz danach  sollten die Deportierten weiter zu ihrem bestimmten Ziel reisen - die Jüngeren in die Arbeitslager Sibiriens und die Älteren in die weiten Gebiete von Zentralasien. Ihre ältere Schwester konnte zur Pflege zurück bleiben, während der Güterzug mit den Deportierten weiterfuhr. Nach der Besetzung von der deutschen Macht wurden die Dienste beider Schwestern als Übersetzerin bzw. Krankenpflegerin in Anspruch genommen. Als die russische Armee vorrückte, wurden sie dann zur „Rückführung“ in das Internierungslager nahe Salzburg gebracht, von wo aus sie dann später einem Ruf der Anwerber aus Australien und Chile für die Weiterreise folgten.

          Mein Vater sowie meine Mutter wurden zunächst als Zwangsarbeiter in den Arbeitslagern Sibiriens bis zum Kriegsende gehalten. Danach sind sie zum Aufenthaltsort ihrer Eltern, gerade noch am Leben, im Süden von Kasachstan gezogen. Mein Vater erzählte uns, dass er diese Hungerzeit nur überlebte, weil in der Nähe seines Einsatzortes ein Kamel vom Zug überfahren wurde. Diese Nahrung führte zur Aufbesserung der Brotrationen von wenigen 100 Gramm pro Tag. Meine Mutter musste selbst als 16-jährige in einer Kohlengrube arbeiten, wo sie ihren Finger verlor. Nach dem  bedrohlichen Einsatz in der Arbeitsarmee folgten lange Jahre unter Kommandantur mit strengen Meldepflichten und Einschränkungen. Erst viele Jahrzehnte später konnten die Geschwister, nun auf mehrere Kontinente verteilt, sich durch den Suchdienst vom Roten Kreuz wieder finden und sich gegenseitig besuchen.

          In der Nachkriegszeit gab es auch viele antideutsche Ressentiments stellvertretend für die Verbrechen des Dritten Reiches. Dennoch wurde in der Familie die Volkszugehörigkeit als eine gelungene Mischung von Traditionen und der Pflege von deutscher Sprache und Bräuchen aufrechterhalten. Es hatte jedoch nie zu nationalistischen Spannungen mit unseren Nachbarn in einem Vielvölkerstaat geführt.

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