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Titus Malms : Erinnerung an meinen Onkel Kurt Rosenbaum

  • Aktualisiert am

1932 richtete der deutsche Jude Kurt Rosenbaum, der Onkel unseres Lesers Titus Malms, am Brandenburger Tor einen edlen Tabakladen ein. Dann kamen die Nazis - und mit ihnen der Horror.

          Mein Onkel Kurt Rosenbaum hatte sich in Berlin an einem Platz selbständig gemacht, der von allerhöchster Symbolik geprägt war und ist. Man stelle sich bitte die Vorkriegssituation am Brandenburger Tor vor. Im rechts anschließenden Bau lagen die Räume und das Atelier des großen deutschen Malers Max Liebermann, während im linken Flügel die deutsche Niederlassung der berühmten englischen Tabak-Firma Alfred Dunhill ihre repräsentative deutsche Vertretung und ein Ladenlokal hatte. Damit hatte sich hier mein Onkel seit Ende 1932 geschäftlich äußerst aussichtsreich etabliert.

          In dem Gästebuch dieses Tabak-Tempels, das er nach der Eröffnung angelegt hatte, finden sich u. a. die Autogramme der Kunden Max Schmeling, Freiherr von Richthofen, Prinz Bernhard der Niederlande, Prinz Hubertus von Preußen, Fritz Thyssen, Felix Graf Luckner, Ernst Udet, Renée Sintenis, Richard Strauß, Emil Jannings, Heinz Hilpert, Heinz Rühmann, Willi Forst, Gustav Gründgens und massenhaft die Prominenz der Zeit.

          Der Besitzer des Ladens wohnte mit Frau und Tochter gleich nebenan, Unter den Linden 20, in einer allzeit reservierten Suite des Hotels Bristol. Während sich also die feine Gesellschaft bei ihm bislang mit exquisitem Tabak-Duft versorgte, tauchten dann in der Pogromnacht unvermittelt zwei Männer in schweren Ledermänteln auf, um ihn festzunehmen.

          Ich gebe das hier nach der Schilderung eines Menschen wieder, der dabei war. Als kleines sechsjähriges Mädchen hat meine Kusine Reni, die heute in New York lebt, das am eigenen Leibe erfahren, und diese Ereignisse bedeuteten für sie eine immerwährende, untilgbare traumatische Erfahrung. Da kommt also – glücklicherweise noch –  der vertrauliche Anruf von der Rezeption, daß die Männer der Gestapo schon auf der Treppe seien. Der Vater besaß die außergewöhnliche Geistesgegenwart, daß er, als die Schergen eintraten, nur noch in Unterwäsche vor ihnen stand.

          Unvergeßlich ist mir der Satz Renis, den man nicht erfinden kann: „In diesem Moment sah ich die Perlmuttknöpfe am Unterhemd meines Vaters im Licht der Lampen aufblitzen.“ Doch bescherte diese Situation und die geschmeidige Rhetorik des Deliquenten, ihm momentanen Aufschub und bewahrte ihn vor der Verhaftung. Mit seinem anbrechenden Geburtstag und einem hastig in Englisch geführten Telefonat, das die Häscher nicht verstanden, konnte er sie verwirren. Reni sagte mir, daß sie als Lehrerin ihren New Yorker Schülern an diesem Beispiel klar gemacht habe, daß die Kenntnis von Fremdsprachen einem durchaus auch das Leben retten kann.

          Noch in der gleichen Nacht reiste Kurt mit Frau und Kind überstürzt nach Bremerhaven und erlangte für alle tatsächlich eine Passage für ein Schiff nach London. Im Gepäck nur das erwähnte Gästebuch und eine leere Zigarettendose seines Geschäfts am Pariser Platz mit dem Bild des Brandenburger Tors. Beides ist hernach auf mich gekommen.

          Nicht auf mich gekommen ist allerdings sein Geschäfts- und Wohnhaus in der nicht unbedeutenden Potsdamer Str. 32a in Berlin. Doch dazu später mehr. Zunächst mußte die kleine Familie sich fragen, wie es denn nun weiter gehen sollte. An Bord des Dampfers „Manhattan“ von der „United States Lines“ spielte die Bordkapelle, wie ich der erhalten gebliebenen Speisekarte entnehme, zu einem überaus opulenten Diner u. a. die Melodie von Robert Stolz „Frag nicht warum“.

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