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Ronnie Golz : Marianne

  • Aktualisiert am

Unser Leser Ronnie Golz, 1947 als Sohn jüdischer Eltern in London geboren, stieß auf der Suche nach der eigenen Identität auf eine erste Ehefrau seines Vaters, die 1943 hingerichtet worden war: die Geschichte der Marianne.

          In Februar 1960 erfuhr mein Vater, daß die Bundesrepublik Deutschland ihn mit DM 1.500,- für den von seiner Ehefrau Marianne erlittenen „Freiheitsentzug“ im Gefängnis Prag-Pankraz zwischen dem 19. November 1942 und dem 8. Oktober 1943, 16.43 Uhr entschädigen wird.  Für das, was dann um 16.44 Uhr geschah, wurde bis heute keine Entschädigung bezahlt.

          Dafür erhielt ein Herr Alois Weiss am 31. Oktober 1943 eine Entschädigung in Höhe von Reichsmark 30,-- vom Oberstaatsanwalt beim Deutschen Landgericht in Prag.   Abgegolten war damit seine Tätigkeit im Prager Gefängnis Pankratz. Im Gefängnisbuch steht unter dem Eintrag 219 folgendes zu lesen:

          Goltzova, Marianne geb. 30.1.1895 Wien 8 Kls 90/43 25.5.43 8.10.43 16.44 Uhr

          Um 16.44 Uhr hat der Scharfrichter Alois Weiss den Justizfall Aktenzeichen 8 Kls 90 / 43 beim Sondergericht am Deutschen Landgericht in Prag zum Abschluß gebracht.

          Die Suche nach Marianne beginnt

          Ich bin 1947 in London geboren. Meine Mutter, Ida Reiss, jüdischer Flüchtling aus Straznice in Mähren, hatte meinen Vater 1940 in London kennengelernt. Meine Eltern wollten mich so erziehen, daß ich weder Deutscher noch Jude sein sollte. Als meine Eltern 1960 mit mir nach Westdeutschland zurückkehrten, holte mich das Schicksal unserer Familie Schritt für Schritt ein. Die Suche nach der eigenen Identität dauerte lange. Das Gefühl Jude zu sein, wurde immer stärker, während mein Wissen über das Schicksal unserer Familie relativ gering war. Mein Vater war 1969 und meine Mutter 1976 verstorben. Könnte es vielleicht eine andere Möglichkeit geben, die vielen Fragen, die sich mir nach und nach stellten, beantwortet zu bekommen? Ich kam auf die Idee, Antworten in den Entschädigungsakten meines Vaters zu suchen. Beim Entschädigungsamt Berlin wurde ich fündig.
          So saß ich eines morgens in Berlin-Schöneberg in einem Amtszimmer und hatte vor mir eine vergilbte große Aktenmappe. Ich begann mit der Lektüre.

          Mein Vater hatte nach seiner Rückkehr aus England einen Prozeß gegen die Bundesrepublik Deutschland geführt, weil die Behörden sich weigerten, bestimmte Krankheiten, die er als ’verfolgungsbedingt’ ansah, anzuerkennen. Im Zusammenhang mit dem Prozeß mußte mein Vater sich einer psychiatrischen Untersuchung unterziehen. In der Akte befand sich nun das umfangreiche Gutachten des staatlich beauftragten Psychiaters, im Grunde ein kommentierter Lebenslauf meines Vaters.

          Der folgende Absatz führte zu meiner Suche nach Marianne:
          „Meine Frau Marianne wollte (im Sommer 1939) zunächst nach England nachkommen. Als aber dann der Krieg ausbrach, war diese Möglichkeit vorbei. Sie hat nie Angst gehabt. Sie hat sofort damit begonnen, Tschechen und Juden die Flucht über Wien nach Italien zu ermöglichen. Sie hat Verbindungen zur Gestapo aufgenommen und wußte, wen sie bestechen konnte, damit die Leute falsche Papiere bekamen. Tschechen, Volksdeutsche und Juden trafen sich einmal in der Woche in ihrer Wohnung. Sie wurde angezeigt und einmal, als alle bei ihr in der Wohnung waren, wurden sie verhaftet. Die Juden wurden einfach ins KZ gesteckt, und den Tschechen und meiner Frau wurde der Prozeß gemacht. 1942 wurde meine Frau zum Tode durch das Fallbeil verurteilt. Sie saß wochenlang in der Todeszelle und wurde erst Ende 1943 hingerichtet.“

          Ich erinnerte mich plötzlich, daß mein Vater mir irgendwann erzählt hatte, daß er schon einmal verheiratet gewesen sei, daß er diese Frau sehr geliebt habe, und sie von den Nazis ermordet worden sei.

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