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Norbert Kapitola : Was haben sie aus meinem Enkel gemacht?

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Als Zweijähriger wurde er auf der Flucht verwundet und kam ins Lazarett. Als es evakuiert werden musste, wurde er von seiner Mutter getrennt. Unser Leser Norbert Kapitola erzählt seine Geschichte von Trennung und Wiedersehen.

          Es war die pure Ausweglosigkeit. Im Februar 1945 mummelten zwei Schwestern einen Zweieinhalbjährigen in den Kinderwagen, einige Sachen obendrauf oder in ihre Rucksäcke und schon eilten sie zum sprichwörtlich letzten Zug. Sie entflohen der Festung Breslau, die nie als deutsches Stalingrad taugte.

          Wohin die Reise ging, blieb zunächst unklar. Sie hätte im Dresdner Bombenhagel enden können, wäre die beiden jungen Frauen auf dem Weg in die geplante amerikanische Besatzungszone nicht durch die Tschechei gefahren. Doch im Krieg oder danach geriet man schnell vom Regen unter die Traufe. Bei Podersam wurde der Zug nämlich von englischen Tieffliegern beschossen. Der Junge bekam einen Splitter in den Rücken und wurde im örtlichen Lazarett inmitten vieler Soldaten behandelt. Mutter und Tante waren dort unerwünscht: „Sie sehen doch, was hier los ist!“

          Ein Leben auf der Flucht galt wenig, in Böhmen schon gar nichts. Die Tschechen sannen auf Rache, vor der sich die Schwestern wie scheues Reh verbargen bis zu dem Tag als das Lazarett evakuiert worden war: „Wie, mein Junge auch?“
          „Alle“, hieß es knapp.
          „Und wohin? Wo finde ich meinen Jungen?“
          „Wüssten wir’s, dürften wir es Ihnen nicht sagen:“ Viele Kinder sind auf dem Weg in den fremden Westen verschwunden oder getötet worden. Das war kein Einzelschicksal. Die Frauen entzogen sich dem tscheschischen Würgegriff durch die Flucht ins südliche Sachsen und nach Berlin: „Wo aber ist mein Junge?“ Drei Jahre quälender Schmerz; war er der Preis  für die schönen Stunden im ostpreußischen Landjahr unter der BDM-Fahne? Drei Jahre bitterer Hoffnungslosigkeit.
          Dem Buben ging es derweilen gut, wurde er doch von einer tschechischen Familie als transportunfähiges Findelkind aus dem Krankenhaus geholt. Irgendwo auf einem Bauernhof im Saazer Land zwischen  Hühnern und Gänsen, bei ausreichendem Essen und fürsorglicher Liebe fand er sich wieder. Währenddessen prügelten revolutionäre Garden mit materialischem Gehabe, Trara und roten Fahnen den letzten Deutschen von den Höfen und trieben ihre Landsleute in die Einheitsfront. Wie der kleine Flüchtlingsbube dem Kuddelmuddel entrann, bleibt ihm zeitlebens eine Legende. Sein Schritt aus der sozialistischen Aufbruchstimmung ins noch nicht erkennbare Wirtschaftswunderland war wundersam genug.

          Durch verschiedene Hände und auf verschlungenem Weg gelangte er nach Syke. Dorthin war seine Oma mit der Restfamilie verschlagen worden. Die Mutter arbeitete in Berlin, sein Vater als Kriegsgefangener irgendwo in der Südukraine. „Mein Gott“, sagte die alte Dame, „was haben die Tschechen aus meinem Enkel gemacht? Der brabbelt so unverständlich.“ Und aus dem Jungen wurde flugs der kleine Tscheche gründlich eliminiert. Bloß keine Erinnerungen!

          Die Mutter kam aus Berlin und fand eine Arbeit als Schwesternhelferin im  Nachbarort. Mutter und Kind wohnten dort in einem Zimmer mit Herd, Bett, Tisch und zwei Stühle. Wasser gab es von der Hofpumpe, das Klo war in Schuppen auf dem Hof. Ein erbärmliches Dasein.

          Eines Tages spielte der Junge mit seinen Zwergen in der Herbstsonne im Straßengraben als er zwei Männer kommen sah. In einem erkannte er seinen Onkel und der abgehärmte Fremde stellte sich als sein Vater vor. „Mein Vater?“ Erst als seine Mutter ihn herzte und liebkoste, ahnte er, das sein Vater heimgekommen war. Er erinnert sich noch, wie später in den Dunkelstunden beim Kerzenschein um Strom zu sparen, von Kriegserlebnissen und Fluchtmomenten gesprochen wurde und wie schrecklich alles gewesen sei. Es waren gruselige Geschichten, in denen die eigenen Erlebnisse immer am schlimmsten waren. In Erinnerung blieb dem Flüchtlingskind aber auch sein Bettnässen bis die Albträume von den Luftschutzbunkern, grausamen Geschichten und bedrohlicher Enge verblassten. Da ging er, oder eben ich, schon zur Volksschule, lernte auf der Schiefertafel schreiben und rechnen, verlernte beim Spiel mit den einheimischen Nachbarkindern das Brabbeln. Es dauerte bis schlesisches Naturell und niedersächsische Mentalität erwärmten. Meine Eltern boten mir viel Geborgenheit obwohl sie selbst traumatisiert waren. Von Ausweglosigkeit kaum eine Spur, glaubten wir doch alle, uns stünde die Welt offen.

          Quelle: FAZ.NET

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