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Veröffentlicht: 17.03.2013, 18:08 Uhr

Michael Schulze Vom zerstörten Dresden ziehen wir durch Niemandsland

Eine Flucht am Ende des Kriegs: Michael Schulze wäre mit seiner Mutter beinahe in das Inferno von Dresden geraten. Auf dem Weg nach Westen begegnen den Flüchtenden auch drei überlebende Jüdinnen.

Wenn die Sirenen heulen, müssen wir schnell die hohen Stufen hinab in den Keller rennen. Als die Bomben fallen, sagt meine Mutti in meine Angst: „Der liebe Gott behütet uns.“ Das glaube ich ihr nicht, da bin ich sieben. Zweimal noch wird sie sich über mich werfen, um mich vor Splittern zu schützen: in einem Eisenbahnabteil auf einem hohen Bahndamm bei taghell von „Christbäumen“ erhellter Nacht und wieder in einem Keller, als synchron zehn Luftminen gleichzeitig abgeworfen werden und der Fensterschacht nach innen zerplatzt. Am Morgen erfahren wir, dass heute Nacht im Krankenhaus mein jüngster Vetter geboren wurde.

In der Nacht, als Dresden zerstört wurde, hatten wir dort übernachten wollen, waren aber nicht mit dem Packen fertig geworden und hatten die Reise auf den nächsten Tag verschoben. Der Lärm von hunderten Flugzeugen weckt uns, und wir gehen mitten in der Nacht auf die Straße. Der Himmel ist 50 Kilometer von Dresden entfernt bis zur Hälfte rot und man kann Schrift lesen. Unser Quartier in Dresden wurde von Phosphorbomben getroffen und brannte von unten nach oben aus. Ob dort jemand überlebt hat, haben wir nie erfahren.

Als meine Mutter (38) mit mir und ihrer jüngeren Schwester (30), die drei Kinder und ein Pflichtjahrmädchen hat, 1945 vor den anrückenden Russen mit Kinderwagen und einem Leiterwägelchen flieht, werden wir auf einer Strecke von 40 Kilometern zunächst dreimal von den Amerikanern erobert. In einer Schule reißt in dem Augenblick, als ein Jeep draußen auftaucht, ein älterer Mann schnell das große Führerbild von der Wand und schiebt die Scherben unter den Klassenschrank.

Dann wandern wir wieder durch Niemandsland. Ein kleiner Fluss hält uns 12 Tage auf: er ist die Demarkationslinie zwischen russischem und amerikanischem Gebiet, die Russen sind aber noch gar nicht da. Auf der Uferstraße steht ein ausgebrannter Bus, ringsum liegen verkohlte Leichen. Einmal finde ich mit meinem Cousin einen Karton mit Käsekonserven. Andere Jungen wollen sie uns streitig machen, aber wir können sie zum Teilen überreden.

Als eines Abends wieder einmal die Ankunft der Russen angekündigt wird, verstecken wir uns alle auf dem Speicher des Pfarrhauses, in dem wir ein Strohlager gefunden haben. Mutter und Tante schmieren sich Asche ins Gesicht, „um älter auszusehen“. Das verstehe ich überhaupt nicht und kann vor Angst nicht schlafen. Auch wegen des stechenden Geruchs von drei jungen, völlig ausgemergelten Frauen nicht, die mit uns ebenfalls auf dem Dachboden hocken.

Es sind ungarische Jüdinnen, die aus einem Konzentrationslager entkommen sind und Furchtbares erzählen, das ich mit geschlossenen Augen mit höre. Ich kann bis heute niemandem ohne Tränen davon erzählen.

Gegen Morgen rasseln endlose Kolonnen von Pferdewägelchen am Haus vorbei, aber das sind keine Eroberungstruppen und sie machen nicht bei uns Halt. Am nächsten Tag finden wir Kinder beim Spielen auf dem Hauptweg des Friedhofs einen dort abgelegten Ertrunkenen. Schließlich fährt uns ein junger Mann mit einem Boot über den Fluss. Als wir die Böschung erklimmen, halten uns zwei Gis mit Maschinenpistolen auf und wollen uns zurück schicken. Die Frauen scheinen kein Englisch zu verstehen, was mich verwundert. Ich sage zu meiner Mutter: „Aber Mutti, du kannst doch englisch!“, was aber zum Glück untergeht, denn jetzt nähert sich ein angetrunkener russischer Offizier, der von einer Verbrüderungsfeier kommt. Ein Dolmetscher wird geholt. Dann befiehlt er den amerikanischen Soldaten, uns laufen zu lassen. „Wir bis Kassel“. Er wusste also schon, dass diese Grenze sowieso später viel weiter im Westen verlaufen würde.

Mein Vater hatte seine Kompanie verloren und hatte sich durch geschickte Argumente gegenüber Militärkontrollen von Danzig mit einem Schiff über die Ostsee nach Schleswig-Holstein durchschlagen können. Dort geriet er in englische Gefangenschaft. Mehr als ein Jahr hörten wir nichts voneinander, und ich fragte jeden Tag, wann der Vati wiederkommt. Später berichtete er, dass er dort geschlagen wurde und hungerte, was mich sehr erschreckte. Im Krieg hatte er einen mit Holzgas betriebenen LKW gefahren. Er erzählte noch viele Jahre mit ziemlich glücklichem Lächeln, dass er außer auf dem Schießplatz den ganzen Krieg keinen Schuss hatte abgeben müssen, obwohl er auch in Partisanengebieten mit seinen Proviantladungen unterwegs war.

Meine Eltern waren sehr fromm und haben ihre schlimmen Kriegserlebnisse wohl im Glauben an eine höhere Gerechtigkeit, die Nazideutschland hatte scheitern lassen, bewältigt. Sie waren in ihrem weiteren Leben sicher viel interessierter an politischen Themen, vor allem am Erhalt von Frieden, als in ihrer Jugend.

Ich habe mit 25 eine dreijährige sehr befreiende Psychotherapie gemacht. Das erste Jahr davon träumte ich fast jede Nacht von Bombenangriffen und brennenden Städten. Vor etwa 10 Jahren habe ich bemerkt, dass ich es immer noch oft als bedrohlich empfand, mit irgendetwas rechtzeitig fertig zu werden. Inzwischen weiß ich, dass mich da keine Dresdener Bombennacht mehr gefährdet.

Quelle: FAZ.NET

 

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