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Johannes Coenen : Kampfauftrag: Verteidigung der neuen Reichsregierung

  • Aktualisiert am

Am 20. Juli 1944 kam der Befehl, „zur Verteidigung der neuen Reichsregierung“ nach Berlin zu fahren; als das Scheitern des Attentats auf Hitler bekannt wurde, hieß es „zurück in die alten Löcher“: Unser Leser Johannes Coenen erinnert sich.

          Vor 70 Jahren misslang die Tötung Hitlers und die damals noch mögliche  Rettung von Millionen Menschenleben in Konzentrationslagern, unter Bomben in deutschen Städten, im Elend der Flüchtlingstrecks, an drei mörderischen Fronten und  in sowjetischen  Gefangenenlagern.
          An diesem 20. Juli 1944 erhielten 40 kriegsfreiwillige Reserveoffiziersbewerber  (ROB) einer Ausbildungs-Inspektion  im Hinterland des Mittelabschnitt der Ostfront einen Marschbefehl nach Berlin. Der Kommandeur informierte kurz: „ Hitler ist tot. Wir sind von unserem Eid auf ihn entbunden. In 10 Minuten Abmarsch zu einem Sammelplatz in voller Kampfausrüstung.  Marschziel ist Berlin. Der Kampfauftrag lautet: Verteidigung der neuen Reichsregierung.“

          Die Eile und Sorge um Pünktlichkeit und Vollständigkeit der Ausrüstung unterdrückte den Schock dieses historischen Befehls. Nach einem etwa 3-stündigen Eilmarsch in westlicher Richtung erreichten wir vor der Dorfschule einer polnischen Ortschaft den Sammelplatz. Von unseren per PKW gefolgten Offizieren war jedoch keiner zur Stelle. Nichts regte sich. Niemand kümmerte sich um uns. Die Langeweile der Ungewissheit gebar so manche Parole. „Man hat uns vergessen“ gab der Truppenclown zum Besten.  Nach einer Stunde ungeduldigen Wartens gesellte sich ein  fremder Hauptmann zu unserem verlorenem Haufen. Er teilte mit, dass der Führer ein „schändliches Attentat“  überlebt habe. Uns wurde das Schulgebäude als Unterkunft zugewiesen. Dort forderte der Offizier uns auf, einen Bericht über unsere bisherige Ausbildung zu schreiben. Während er Schreibmaterial verteilte, mahnte er halblaut aber eindringlich, die nationalsozialistische Ausrichtung unserer Ausbildung durch die Vorgesetzten zu betonen. Verdutzt schauten wir uns an, Die Aufforderung widersprach so sehr unseren Erfahrungen, dass wir die Absicht verstanden. Unsere Berichte sollten offensichtlich einer Entlastung der bisherigen Vorgesetzten dienen. Diese hatten  nach unserem Abmarsch vom Misslingen des Attentates auf Hitler erfahren und mieden weitere Kontakte mit uns.

          Erst 60 Jahre nach diesem dramatischen 20. Juli 1944 berichtete der Zeitzeuge und aktiv an den Vorbereitungen zum Hitlerattentat beteiligte Kavallerie-Offizier Freiherr Philipp von Boeselager, dass er als Kommandeur der „Heerestechnischen Versuchseinheit des 11. Infanterieregimentes“ rund 1000  Soldaten nach Berlin in Marsch gesetzt habe. Diese Soldaten waren aus der Front des Mittelabschnittes ausgesondert und als gefallen gemeldet worden. Das fiel nicht auf, da die sowjetische Offensive im Mittelabschnitt zu dieser Zeit täglich mehrere 1000 deutsche Opfer forderte. Als das Misslingen des Attentates bekannt wurde, mussten  diese 1000 in Marsch gesetzten Soldaten  „alle wieder in die alten Löcher zurück“, so der verabredete Wortlaut des  Befehls für diesen Fall. Es gab jedoch Probleme mit der „Wiederbelebung“ und Versorgung dieser angeblich gefallenen Soldaten. Sie waren auf der Verpflegungsliste bereits gestrichen. Das Heeresversorgungsamt erhielt eine Entschuldigung, man habe sich um eine Tausenderstelle bei der Zahl der Gefallenen verschrieben. Diese Ausrede wurde akzeptiert. Das Problem der „Wiederbelebung“ und Versorgung war gelöst.  - Soweit Erinnerungen des Freiherrn Philipp von Boeselager.  („Wir wollten Hitler töten“, www.dtv.de und Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-34634-4)

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