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Die ZDF-Serie „Hard Sun“ : Apokalyptisch ist hier nur das Drehbuch

  • -Aktualisiert am

Ihnen geht nicht wirklich ein Licht auf: Agyness Deyn (links) und Jim Sturgess. Bild: ZDF

„Hard Sun“ besitzt eine bestechende Grundidee und eine grandiose Protagonistin. Der famose Autor Neil Cross macht daraus für die BBC und fürs ZDF trotzdem eine der schlechtesten Polizeiserien aller Zeiten.

          Dümmer als die Polizei erlaubt, das ist im Fernsehen durchaus ein Kunststück. Gerade hierzulande ist man ja einiges gewohnt, selbst ermittelnde Hunde. Da mag es einen klammheimlich freuen, wenn auch die überragende BBC einmal kräftig danebenlangt, und das sogar in Kooperation mit dem Streamingdienst Hulu, der für seine Dystopie „The Handmaid’s Tale“ gerade erst gefeiert wurde.

          Peinlicherweise ist am Miniserien-Fiasko „Hard Sun“ auch das ZDF beteiligt. Den Schuldigen hat man damit aber noch nicht ausgemacht, denn gegen das englisch-amerikanische Format, in dem zwei stets gehetzt dreinblickende und gepresst sprechende Polizisten sich in so viele stupide und blutrünstige Nebenhandlungen verheddern, dass sie darüber fast den Weltuntergang verpassen, ist selbst der „Taunuskrimi“ ein Fest an Subtilität. Wer bis zu den lobotomierten Zombies der letzten Folge durchhält, beweist im besten Falle Geschmack an krankem Splatter-Trash, schließlich taucht immer dann, wenn die Serie zu ihrem eigentlichen Thema zu finden droht, ein Serienkiller im B-Movie-Format auf, der mordsumständlich zur Strecke gebracht werden muss. Das ist nicht nur quälend langatmig und unplausibel, sondern auch noch BBC-untypisch gänzlich humorfrei.

          Ursprünglich schienen viele Parameter zu stimmen

          Was dieses Desaster so unerklärlich macht, ist der Umstand, dass viele Parameter zu stimmen scheinen. Ästhetik wie Timing überzeugen, und der Serienschöpfer ist beileibe kein Unbekannter. Neil Cross hat bereits die ebenfalls gewaltfaszinierte, aber in sich konsistente Krimireihe „Luther“ erschaffen. Beide Serien sind in einem düster-futuristischen London angesiedelt; ganz vernarrt scheinen Cross und die Regisseure Brian Kirk, Nick Rowland und Richard Senior in die ikonischen Hochhäuser ,The Shard‘ und ,Walkie Talkie‘. Und so wie „Luther“ zu guten Teilen durch den starken Hauptdarsteller Idris Elba getragen wird, kann auch „Hard Sun“ auf dieser Ebene glänzen: Jim Sturgess als zwiegesichtiger Kommissar Charlie Hicks macht seine Sache zwar allenfalls ordentlich, doch das Ex-Model Agyness Deyn, die Hicks’ tieftraurige, unbestechliche neue Kollegin Elaine Renko spielt, präsentiert sich als wahrer Star. All die lachhaften Sätze, die sie sagen muss, können nicht verhindern, dass von der Heldin im Jean-Seberg-Look eine schillernde Faszination ausgeht.

          Auch die Grundidee kann sich sehen lassen, kein Wunder, stammt sie doch von David Bowie, der in seinem schmerzhaft melancholischen Song „Five Years“ die Zeit vor dem Tod der Erde besingt. Recht einfallslos hat Cross diesen Einfall in die Narration übersetzt: Ein Klischee-Hacktivist entwendet ein bis dahin offenbar ultrageheimes, auf einen USB-Stick passendes Dossier, das die in fünf Jahren eintretende Apokalypse aufgrund nicht näher benannter, aber von niemandem angezweifelter Berechnungen exakt vorherzusagen in der Lage ist. Der hier mehr an eine gesetzlos folternde Mafia-Organisation erinnernde Geheimdienst MI5 wiederum ist unter der Führung der puppenhaft starren Grace Morrigan (Nikki Amuka-Bird) wild entschlossen, jeden, der diese Prognose kennt, zu töten, um deren Verbreitung und den Ausbruch von Anarchie zu verhindern. Wie viel spannender wäre eine Reflexion darüber gewesen, welche unserer auf die Zukunft gerichteten Vorstellungen und Werte sich unter diesen Umständen aufrechterhalten lassen oder ob gar ein utopischer Endzustand eintritt.

          Cross aber verschenkt alles, was an der Grundidee bestechend ist und etwa Lars von Trier in „Melancholia“ interessiert hat. Dafür wurden sämtliche Stereotype billiger Polizeifilme in „Hard Sun“ eingerührt: ein Geheimnis um den Tod von Hicks’ Ex-Partner, eine Affäre mit dessen Witwe (Aisling Bea), von der Hicks’ schwangere Ehefrau (Lorraine Burroughs) nichts erfahren darf, ein persönliches Trauma der auf Hicks angesetzten neuen Kollegin („Schuldig?“, schreibt sie auf einen Post-it-Zettel). Nebenbei ficht Detective Inspector Renko schwere Kämpfe mit ihrem hochaggressiven Sohn (Jojo Macari) aus. Weil die Protagonisten sich das Dossier angesehen haben, sind sie, obwohl Feinde aus Selbstschutz, aufeinander angewiesen: Der umkämpfte USB-Stick wird zur Lebensversicherung. Auf die Idee, die Daten sicherheitshalber zu kopieren, kommen sie in all den Wochen nicht. Auch wenn das nahende Weltende darüber weitgehend aus dem Blick gerät, hätte dieser laue Dreh des Plots – zwei Cops auf der Flucht vor dem Geheimdienst – immerhin noch für einen Nullachtfünfzehn-Actionthriller ausreichen können. Aber auch der bleibt auf wenige Szenen beschränkt.

          Stattdessen kreisen vier der sechs Folgen sinnfrei um das Macheten-Gemetzel unmotiviert in die Handlung geworfener Knallkopf-Psychopathen: Gerüchte über die bevorstehende Apokalypse sollen sie zu ihren Taten animiert haben. In gänzlicher erzählerischer Verirrung geht es im gesamten „Dies irae“-Mittelteil um eine blutige Abrechnung mit Gott auf strunzdummem Niveau: „Sie war so unschuldig. Also habe ich sie vom Angesicht der Erde getilgt, nur um zu sehen, was ER wohl macht.“ Zuverlässig nimmt „Hard Sun“ einfach stets die idiotischste Wendung. Verlässlich ist nur die Plattheit der Dialoge: „Wohin fahren wir?“ „An keinen schönen Ort.“ Wie wahr.

          Fernsehtrailer : „Hard Sun“

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