07.06.2007 · Stolz gibt Channel 4 an, sich mit der umstrittenen Ausstrahlung von „Diana: Die Zeugen im Tunnel“ „dem Palast widersetzt“ zu haben. Dabei war die Sendung nicht so makaber wie befürchtet - sondern der scheinheilige Versuch einer Ehrenrettung.
Von Gina Thomas, LondonFast triumphal klang die Ansage des Channel 4-Moderators: Der britische Sender habe sich „dem Palast widersetzt“, hieß es, indem er den Film „Diana: Die Zeugen im Tunnel“ ausstrahle, der die letzten Stunden der Prinzessin von Wales in Paris vor fast zehn Jahren dokumentiert. Aufgebauschte Vorberichte hatten den Eindruck erweckt, es würden makabre Bilder der Sterbenden im Wrack des schwarzen Mercedes gezeigt – empörte Kommentatoren und Freunde der Prinzessin hatten sich, freilich ohne den Film zu kennen, beeilt, ihn als neuen Beweis für die unnötigen Exzesse des Kanals zu verurteilen, der sich mit geschmacklos-provozierendem Material immer wieder in die Schlagzeilen bringt.
Obwohl Dianas Söhne, die Prinzen William und Harry, Channel 4 beschworen hatten, die Bilder des Autos und des Krankenwagens zu entfernen, die aufgenommen wurden, während ihre Mutter im Sterben lag, blieb der Sender, bei allem Verständnis für die Gefühle der Kinder, hart. Er berief sich auf den „öffentlichen Wert“ des Filmes, der mittels Fotos und Zeugenaussagen Aufschluß gebe über „einen wesentlichen Aspekt des Unfalles und dessen unmittelbares Nachspiel.“
Buhmänner Paparazzi
Der „wesentliche Aspekt“ betrifft die Rolle der Paparazzi, die schon in den ersten Stunden nach dem Unglück beschuldigt wurden, den Tod Dianas verursacht zu haben. Diana, die den Namen der Jagdgöttin trug, sei zur Gejagten geworden, wetterte ihr Bruder Lord Spencer und behauptete, die Journaille habe Blut an den Händen. „Diana von den Paperatzi (sic) zu Tode gehetzt“, faßte damals eine der vielen Karten in dem Blumenmeer vor Kensington Palace das verbreitete Sentiment zusammen.
Einige der Fotografen, die dem Wagen in den Tunnel gefolgt waren, waren an Ort und Stelle von der Polizei festgenommen und einer Leibesvisitation unterzogen worden, um sicher zu stellen, dass sie auch die letzte Filmrolle übergeben hatten. Sie sahen sich nicht nur als die Mörder Dianas verfemt, sondern standen auch unter Anklage, weil sie die Rettungsdienste durch ihre skrupellose Aufdringlichkeit bei der Arbeit behindert hätten. Zwar wurden die Paparazzi bei dem anschließenden Verfahren freigesprochen, doch die Vorwürfe blieben haften.
Versuch einer Ehrenrettung
Die umstrittene Sendung, die am Mittwochabend ausgestrahlt wurde, war der Versuch einer Ehrenrettung. Die vermeintlich anstößigen Fotos wurden sozusagen als Beweismaterial für die Verteidigung angeführt, um deutlich zu machen, dass die Fotografen nicht im Wege standen, während ein Arzt erste Hilfe leistete. Die Fotos selbst sind derart körnig, dass sich schwer ausmachen läßt, was sie darstellen. Zur Sicherheit ist die angeblich zwischen Rück- und Vordersitz zusammengesackte Figur Dianas durch ein graues Quadrat ausgeblendet. Der Arzt, der der Bewußtlosen Sauerstoff gab, sagte aus, er sei derart beschäftigt gewesen mit der Rettungsaktion, dass er nicht einmal erkannt habe, wer die schöne junge Frau sei, die er behandelte.
Der Film zeigt, wie die Aufnahmen der Verletzten in der Nacht zunächst hochgehandelt, mit Dianas Tod aber sofort wertlos wurden: Selbst die hartgesottenen Bildredakteure in Fleet Street schreckten vor der Veröffentlichung zurück. Im Internet kursieren manche dieser Bilder, der breiten Öffentlichkeit aber sind sie nie zugänglich gemacht worden. Sie sind in Frankreich sekretiert und wahren, wie der Sprecher pathetisch mitteilte, das Geheimnis „des letzten Kapitels der Bildgeschichte, welches das Leben Dianas ist“.
Channel 4 hat sich verrannt
Ob die Paparazzi, die ihre Unschuld beteuern und sich selbst als Opfer darstellen, ganz so schuldlos sind, wie der Film glauben machen will, sei dahingestellt. Schließlich ist der betrunkene Fahrer nicht aus Jux und Dollerei durch den Tunnel gerast. Es galt, die Meute abzuhängen. Auch gibt sich der angegriffene Sender reichlich arglos, wenn er verlautbart, es sei ihm nur um Aufklärung gegangen. Die Bilder freilich waren nicht anstößig – und die Dokumentation entbehrte, bei aller Scheinheiligkeit, jener Provokationslust, in der sich Channel 4 mit „Big Brother“ und diversen Sex-Sendungen ansonsten allzu gern ergeht.
Die aktuelle Aufregung spielt sich vor dem Hintergrund des wachsenden Unmuts über den vierten Kanal ab, der unlängst in dem Streit um das als rassitisch emfundene Mobbing der Inderin Shilpa Shetty im „Big-Brother“-Haus gipfelte. Der kommerzielle, aber im öffentlichen Dienst stehende Kanal wurde 1982 eingerichtet mit dem Auftrag, das Neue, Experimentelle und Kreative sowohl in der Form wie im Inhalt zu fördern, den Interessen einer kulturell vielfaltigen Gesellschaft zu dienen und einen angemessen Teil der Produktion an ein Publikum zu richten, das bei den anderen Sendern zu kurz komme.
In den letzten Jahren hat sich jedoch der Eindruck verfestigt, dass sich Channel 4 angesichts der rein privaten Fernseh-Konkurrenz verrannt hat und zunehmend auf Sendungen setzt, die an Bodenlosigkeit kaum noch zu übertreffen sind. Das hat den Ruf nach der Privatisierung von Channel 4 immer lauter werden lassen. Auch Gordon Brown, der in wenigen Wochen das Premierminsteramt antritt, soll zu dieser Forderung neigen.