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Überwachungssystem „Trapwire“ Fallendraht für Amerika

 ·  Für amerikanische Netzaktivisten ist es ein Schock und für Wikileaks eine Sensation zum richtigen Zeitpunkt: Frisch veröffentlichte Unterlagen decken ein umfangreiches Überwachungssystem in Amerika auf.

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Es hatte nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen sollen, und erstaunliche neun Jahre lang war auch kaum etwas bekannt über „Trapwire“, ein Programm, das der Zusammenführung und Auswertung von Überwachungsdaten dient. Im Jahr 2003 wurde es vom Sicherheitsdienstleister Abraxas Corporation ins Leben gerufen, der unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September 2001 von ranghohen ehemaligen Mitarbeitern amerikanischer Geheimdienste gegründet worden war.

In einem Beitrag für die Zeitschrift „Crime & Justice International“ im November 2006 beschreiben die beiden ehemaligen CIA-Mitarbeiter R. Daniel Botsch und Michael T. Maness, seinerzeit Vizepräsident und Direktor für Antiterroristische Dienstleistungen bei Abraxas, das System so: „Berichte über verdächtige Bewegungen aus allen Einrichtungen des Trapwire-Netzwerks werden in einer zentralen Datenbank verknüpft und durchlaufen eine Mustererkennung, die nach Hinweisen auf terroristische Ortsausspähungen oder andere Vorbereitungen von Anschlägen sucht.“ Die Stärke des Systems liege in der Einfachheit der Datenformate, der Komplexität der automatischen Mustersuche und der Schnelligkeit, mit der verdächtige Geschehnisse das System erreichten. Im Jahr zuvor hatte sich der Vorsitzende des Unternehmens, Richard Helms, sogar damit gebrüstet, das System sei genauer als automatisierte Gesichterkennung.

Ein erstaunliches Ausmaß

Jetzt sind Dokumente aufgetaucht, die den heutigen Entwicklungsstand von Trapwire offenzulegen scheinen. Wikileaks hat angebliche Unterlagen der Sicherheitsfirma Stratfor veröffentlicht, in denen es um das Überwachungsnetz geht. Im August 2009 haben die beiden Unternehmen offenbar vereinbart, dass Stratfor eine Provision zusteht, wenn Trapwire neue Kunden auf Empfehlung Stratfors gewinnt.

Seit mehr als einer Woche ist die Seite von Wikileaks einer heftigen DDoS-Attacke ausgesetzt, bei der die Server mit Datenmengen beschossen werden, die sie nicht mehr verarbeiten können. Mitte vergangener Woche hatte sich eine Gruppe namens „Antileaks“ zu den Angriffen bekannt und sich selbst als „junge Erwachsene, amerikanische Staatsbürger“ beschrieben, die mit der Aktion gegen den Versuch des Wikileaks-Gründers Julian Assanges protestierten, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Nun liegt eher die Vermutung nahe, ehemalige amerikanische Geheimdienstler hätten mit dem Angriff die unliebsame Veröffentlichung von Dokumenten verhindern wollen.

Wie aus denen ersichtlich wird, sollen mehr als fünfhundert Kameras allein in den U-Bahn-Stationen New Yorks inzwischen über Trapwire ausgewertet werden, neben Geräten etwa in Washington, Los Angeles und Las Vegas - im Nahverkehr, an öffentlichen Plätzen, aber auch in Hotels oder Casinos. Informationen aus Hotline-Programmen wie „See Something, Say Something“ fließen ein. Das Weiße Haus und Downing Street sollen zu den Kunden Trapwires zählen, das seit 2007 als eigenes Unternehmen geführt wird.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Neben dem Ausmaß des Überwachungsnetzes, dem Umstand, dass es bislang ohne Wissen von Bürgerrechtlern und Aktivisten betrieben werden konnte, und der möglichen Verflechtung von Sicherheitsdiensten und Privatfirmen ist es vor allem der Fokus der Überwachung, der im Internet für Entsetzen sorgt. Er scheint sich in den letzten Jahren ausgeweitet zu haben. In einer Mail an den Vizepräsidenten des Unternehmens, Fred Burton, beschreibt die Stratfor-Mitarbeiterin Anya Alfano die Bedürfnisse in San Francisco angeblich so: „Sie brauchen etwas wie Trapwire eher für die Bedrohungen durch Aktivisten als für terroristische Bedrohungen. (...) Aktivisten sind hier allgegenwärtig.“

Für Wikileaks ist die Veröffentlichung der Trapwire-Unterlagen eine Sensation zum richtigen Zeitpunkt. Man muss die Probleme der Organisation benennen, ohne deren Bedeutung zu schmälern: Die Stratfor-Dokumente sind Wikileaks nicht durch einen Informanten zugetragen, sondern von Anonymous gehackt worden. Nach dem Versiegen vieler Spendenquellen hat Wikileaks Ende Juni kaum mehr über die Mittel verfügt, die eigene Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Ende Juli legte Wikileaks auf einer Website, die dem Auftritt der „New York Times“ zum Verwechseln ähnlich sieht, dem ehemaligen Chefredakteur der Zeitung, Bill Keller, ein Plädoyer für die Organisation in den Mund. Wikileaks-Gründer Julian Assange, der sich in die Botschaft Ecuadors in London geflüchtet hat, um der Auslieferung an Schweden zu entgehen, kommentierte den Fall damals so: „Wenn die NYTimes ihre Quellen nicht ehrenhaft vor ökonomischer Zensur bewahren kann, müssen wir es eben für sie tun.“

In welchem Maß die Organisation damit ihre auch für die Einordnung der Trapwire-Dokumente unabdingbare Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt hat, scheint weder den Initiatoren der Fälschung noch Assange selbst klar gewesen zu sein.

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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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