http://www.faz.net/-gqz-7sbes
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 03.08.2014, 17:04 Uhr

Über Gaza berichten Gegen die Bilder ist unser Text machtlos

Die Sonne scheint, die Kinder schreien: Wie man die Wahrheit über den Krieg in Gaza erzählt, obwohl die Wahrheit sich hinter Propaganda und Desinformation verbirgt. Ein Erfahrungsbericht.

von Richard C. Schneider
© REUTERS Sonntag, 3. August: israelischer Luftangriff auf die Stadt Gaza

Wie berichten von einem Konflikt, der inzwischen ein Krieg geworden ist, wenn man über beide Seiten berichten muss? „Neutralität“ und „Objektivität“ werden von uns Journalisten erwartet, doch im Alltag des Nachrichtenproduzierens erweist sich dieses Ziel oft fast als unerreichbar. Nicht weil wir Partei ergreifen - obwohl andere Kollegen dies manchmal doch tun -, sondern weil wir mit drei Hindernissen konfrontiert sind: die Macht der Bilder, die Propaganda von beiden Seiten, die vielen verschiedenen „Wahrheiten“, die der palästinensisch-israelische Konflikt beinhaltet, und nicht zuletzt die Erwartungshaltung der Zuschauer daheim im sicheren Deutschland.

Das ARD-Studio Tel Aviv mit seinen Außenstellen in Gaza und Hebron ist ein Biotop. Hier arbeiten Juden, Muslime und Christen zusammen, Deutsche, jüdische Israelis, israelische Araber und Palästinenser. Wir sprechen im Studio Hebräisch und Arabisch und Deutsch und Englisch. Wir sind ein Team, zum Teil über Jahre und Jahrzehnte befreundet, wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Nur so können wir sicher sein, dass wir journalistisch saubere Arbeit machen können.

Ein Beispiel: Die ARD hat uns Korrespondenten angewiesen, aus Sicherheitsgründen im Augenblick nicht nach Gaza zu gehen. Doch wir haben ein palästinensisches Team dort. Wir sind im ständigen telefonischen Kontakt, bestellen Storys, Bilder, Informationen, die wir dann im Studio zu Stücken zusammenstellen. Wir wissen, dass unser Team Bilder nicht manipuliert, Informationen nicht fälscht. Nur auf diese Bilder können wir uns verlassen, nur bei diesen Bildern wissen wir, dass sie das zeigen, was wir sehen.

Auch bei unseren Bildern bleiben Fragen

Die Erfahrung aus den anderen Kriegen in Gaza hat gezeigt, dass Agenturmaterial, das aus Gaza kommt, häufig von der Hamas zensiert wird. Bilder, die der Hamas nicht genehm sind, werden nicht zugelassen (und Bildmaterial, das Menschen via Handy auf Twitter, Facebook oder Youtube ins Netz stellen, ist sowieso nie verifizierbar). Als Israel 2008 behauptete, die Hamas-Kämpfer würden in Zivil herumlaufen und somit sei die Zahl der Opfer manipuliert, weil es sich dabei nicht nur um Zivilisten, sondern auch um Hamas-Kämpfer handelt, war dies für uns erst dann nachweisbar, als wir von unserem Kameramann heimlich gedrehte Bilder erhielten, die zeigten, wie tatsächlich Hamas-Kämpfer in normaler Kleidung ihre Kalaschnikows unter der Jacke versteckten.

Und doch bleiben auch bei unseren Bildern Fragen: Wir sehen eine zerstörte Moschee, ein umgestürztes Minarett - und natürlich ist das Entsetzen, dass ein Gotteshaus zerbombt wurde, die beinahe automatische Reaktion, auch bei uns. Doch dann müssen wir uns fragen: Waren in der Moschee Waffen gelagert oder nicht? Wir wissen, dass in Moscheen Waffen gelagert werden, es gibt Belege. In diesen Tagen erleben wir Angriffe der Israelis (die manchmal sagen, es seien Raketen der Hamas gewesen - und so steht erst einmal Aussage gegen Aussage) auf UNRWA-Schulen mit entsetzlichen, grauenvollen Bildern: Blut, schwer verletzte Babys, schreiende Kinder vor den Leichen ihrer Eltern.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nordkorea Kim Jong-un droht Amerika

Nach neuen Raketentests sieht sich der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un in der Lage, ein System strategischer Waffen zu entwickeln. Damit könnte Nordkorea auch die Vereinigten Staaten treffen. Mehr

23.06.2016, 14:43 Uhr | Politik
Neue Tests Kim Jong-un bejubelt Raketenstart

Nordkoreas Staatsfernsehen hat Bilder veröffentlicht, die jüngsten Test von Mittelstreckenraketen zeigen sollen. Machthaber Kim Jong-un hat dem Start demnach persönlich beigewohnt. Der Test hatte international für scharfe Kritik gesorgt. Nordkorea soll zwei Raketen abgefeuert haben, die ins Japanische Meer gestürzt seien. Mehr

24.06.2016, 08:10 Uhr | Politik
Protestnote Dutzende Diplomaten stellen sich gegen Obamas Syrien-Strategie

In einer Protestnote haben 51 Mitarbeiter des amerikanischen Außenministeriums die Syrien-Politik der eigenen Regierung kritisiert. Sie fordern den Einsatz von Streitkräften gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Mehr

17.06.2016, 08:43 Uhr | Politik
Südkorea Neuer Raketentest Nordkoreas fehlgeschlagen

Laut südkoreanischen Medien wurde eine Mittelstreckenrakete des Typs Musudan abgefeuert. Das kommunistische Nordkorea hat in diesem Jahr bereits mehrmals Raketen und andere Waffensysteme getestet. Mehr

31.05.2016, 08:30 Uhr | Politik
Asylkrise Nachbarländer nehmen die meisten Flüchtlinge auf

Der jährliche Statistikbericht des UN-Flüchtlingswerks nennt dramatische Superlative: Über 65 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht – ein Rekordhoch. Während die Türkei die meisten Menschen aufnimmt, erhält Deutschland die höchste Zahl von Asylanträgen. Mehr Von Majid Sattar, Berlin

20.06.2016, 07:05 Uhr | Politik
Glosse

Helft den Alten!

Von Thomas Thiel

Nach dem Brexit wollen Internetkommentatoren der älteren Bevölkerung das Wahlrecht streitig machen. Kein nobler Plan. Mehr 1 7