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Über Gaza berichten : Gegen die Bilder ist unser Text machtlos

  • -Aktualisiert am

Sonntag, 3. August: israelischer Luftangriff auf die Stadt Gaza Bild: REUTERS

Die Sonne scheint, die Kinder schreien: Wie man die Wahrheit über den Krieg in Gaza erzählt, obwohl die Wahrheit sich hinter Propaganda und Desinformation verbirgt. Ein Erfahrungsbericht.

          Wie berichten von einem Konflikt, der inzwischen ein Krieg geworden ist, wenn man über beide Seiten berichten muss? „Neutralität“ und „Objektivität“ werden von uns Journalisten erwartet, doch im Alltag des Nachrichtenproduzierens erweist sich dieses Ziel oft fast als unerreichbar. Nicht weil wir Partei ergreifen - obwohl andere Kollegen dies manchmal doch tun -, sondern weil wir mit drei Hindernissen konfrontiert sind: die Macht der Bilder, die Propaganda von beiden Seiten, die vielen verschiedenen „Wahrheiten“, die der palästinensisch-israelische Konflikt beinhaltet, und nicht zuletzt die Erwartungshaltung der Zuschauer daheim im sicheren Deutschland.

          Das ARD-Studio Tel Aviv mit seinen Außenstellen in Gaza und Hebron ist ein Biotop. Hier arbeiten Juden, Muslime und Christen zusammen, Deutsche, jüdische Israelis, israelische Araber und Palästinenser. Wir sprechen im Studio Hebräisch und Arabisch und Deutsch und Englisch. Wir sind ein Team, zum Teil über Jahre und Jahrzehnte befreundet, wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Nur so können wir sicher sein, dass wir journalistisch saubere Arbeit machen können.

          Ein Beispiel: Die ARD hat uns Korrespondenten angewiesen, aus Sicherheitsgründen im Augenblick nicht nach Gaza zu gehen. Doch wir haben ein palästinensisches Team dort. Wir sind im ständigen telefonischen Kontakt, bestellen Storys, Bilder, Informationen, die wir dann im Studio zu Stücken zusammenstellen. Wir wissen, dass unser Team Bilder nicht manipuliert, Informationen nicht fälscht. Nur auf diese Bilder können wir uns verlassen, nur bei diesen Bildern wissen wir, dass sie das zeigen, was wir sehen.

          Auch bei unseren Bildern bleiben Fragen

          Die Erfahrung aus den anderen Kriegen in Gaza hat gezeigt, dass Agenturmaterial, das aus Gaza kommt, häufig von der Hamas zensiert wird. Bilder, die der Hamas nicht genehm sind, werden nicht zugelassen (und Bildmaterial, das Menschen via Handy auf Twitter, Facebook oder Youtube ins Netz stellen, ist sowieso nie verifizierbar). Als Israel 2008 behauptete, die Hamas-Kämpfer würden in Zivil herumlaufen und somit sei die Zahl der Opfer manipuliert, weil es sich dabei nicht nur um Zivilisten, sondern auch um Hamas-Kämpfer handelt, war dies für uns erst dann nachweisbar, als wir von unserem Kameramann heimlich gedrehte Bilder erhielten, die zeigten, wie tatsächlich Hamas-Kämpfer in normaler Kleidung ihre Kalaschnikows unter der Jacke versteckten.

          Und doch bleiben auch bei unseren Bildern Fragen: Wir sehen eine zerstörte Moschee, ein umgestürztes Minarett - und natürlich ist das Entsetzen, dass ein Gotteshaus zerbombt wurde, die beinahe automatische Reaktion, auch bei uns. Doch dann müssen wir uns fragen: Waren in der Moschee Waffen gelagert oder nicht? Wir wissen, dass in Moscheen Waffen gelagert werden, es gibt Belege. In diesen Tagen erleben wir Angriffe der Israelis (die manchmal sagen, es seien Raketen der Hamas gewesen - und so steht erst einmal Aussage gegen Aussage) auf UNRWA-Schulen mit entsetzlichen, grauenvollen Bildern: Blut, schwer verletzte Babys, schreiende Kinder vor den Leichen ihrer Eltern.

          Auch in uns Journalisten regen sich zunächst Wut und Verzweiflung, Entsetzen und Trauer. Doch wir wissen auch, dass in zwei Schulen Raketen der Hamas gefunden wurden, das bestätigte die UNRWA selbst. Wie also ist dieser Angriff dann zu werten? Rechtfertigt die Tatsache, dass an diesem Ort möglicherweise tödliche Waffen versteckt wurden, die Israelis umbringen sollen, zivile palästinensische Opfer? Gelten in einem asymmetrischen Krieg noch die Regeln und Gesetze konventioneller Kriege?

          Das wird sogar das Wetter zum Problem

          An diesem Beispiel wird das Dilemma, in dem wir uns befinden, besonders deutlich. Wir müssen unsere eigenen Gefühle zurückstellen. Das wird mit zunehmender Dauer des Krieges, mit den immer schrecklicheren Bildern, die wir tagtäglich sehen, ungefiltert, ungeschnitten, immer schwieriger. Wir müssen versuchen, all die bewusst gestreuten Falschinformationen und unzuverlässigen Informationen abzuwägen. Wir müssen gleichzeitig immer wieder die Beweggründe beider Seiten einbeziehen, erklären, vermitteln. Diese Aufgabe ist für uns Fernsehjournalisten wesentlich problematischer als für die Kollegen der Printmedien. Denn wir wissen: Unser Text ist gegen die Macht des Bildes so gut wie machtlos.

          Wie also texten? Hören die Leute überhaupt zu? Richard C. Schneider in einer sogenannten „Live-Schalte“
          Wie also texten? Hören die Leute überhaupt zu? Richard C. Schneider in einer sogenannten „Live-Schalte“ : Bild: ARD

          Der Zuschauer sieht das schreiende Kind vor der Leiche seines Vaters - und hört nicht mehr zu. Er sieht umgekehrt verschreckte Israelis, denen es im Vergleich zu Gaza gut geht und denkt: Was regen die sich so auf, es geschieht ihnen doch fast nichts. Und er vergisst, dass es dafür auch Gründe gibt: das Abwehrraketensystem, das die israelische Regierung entwickelt hat, Bunker in jedem Haus et cetera. Wohingegen die Hamas ihre Bevölkerung als menschliche Schutzschilde einsetzt und missbraucht. Das Bild aber, das unmittelbare Bild, das der Zuschauer zu sehen bekommt, vermittelt nicht die Angst der Israelis.

          Da wird sogar das Wetter zum Problem, gerade für die israelische Seite: Die Sonne scheint, die Bäume sind grün, die Häuser sind mehr oder weniger unbeschädigt - wo ist das Problem? Die Bilder zeigen nicht, was es vor allem im Grenzgebiet bedeutet, seit Jahren mit dem Code Red Alarm leben zu müssen und dann nur zwischen 15 und 40 Sekunden Zeit zu haben, sich in einen Schutzraum zu flüchten.

          Alle glauben mitreden und urteilen zu können

          Allein in einem Städtchen wie Sderot rund 1000 Mal pro Jahr. Da hilft es dann auch nichts, auf der Polizeistation des Ortes die eingesammelten und aufgereihten Raketen zu filmen, die in den vergangenen Jahren auf Sderot niedergingen - es sind abstrakte Bilder, die dem verzweifelten, entsetzten Gesicht des palästinensischen Kindes nichts entgegenzusetzen haben.

          Wie also texten? Wie gegen die Macht der Bilder, aber auch gegen die Urteile und Vorurteile der Zuschauer in Deutschland antexten? Gegen die Islamophoben und Islamophilen, gegen die Antisemiten und Philosemiten, gegen all diejenigen, die nie im Nahen Osten waren, aber über den palästinensisch-israelischen Konflikt mitreden und glauben urteilen zu können in einem Ausmaß, wie es bei keinem anderen Konflikt auf dieser Welt der Fall ist? Machen wir uns nichts vor: Ein Konflikt, bei dem Juden mit im Spiel sind, wird in Deutschland per Reflex anders wahrgenommen als ein Krieg zwischen Muslimen oder zwischen Christen.

          Und wir wissen natürlich, wie die Zuschauer reagieren: Viele sehen und hören nur, was sie sehen und hören wollen. Die typischsten Fälle sind die, wo ein und derselbe Beitrag von Zuschauern als prozionistisch beziehungsweise propalästinensisch gewertet wird, die ärgerlichsten sind Beschimpfungen für Dinge, die man gar nicht gesagt hat - der Zuschauer aber angeblich „gehört“ haben will. In solchen Fällen kann man nichts tun, außer versuchen in der eigenen Sprachwahl präzise zu sein.

          Seit sechs Wochen arbeiten wir praktisch rund um die Uhr

          Dass dies nicht immer gelingt, ist angesichts unserer Arbeitsbelastung klar. In den Wochen, in denen die ARD das „Morgenmagazin“ macht, beginnt unser Tag oft um fünf Uhr, sonst um sechs oder sieben, oft dauert er bis nach Mitternacht. Im Stundentakt produzieren wir Stücke, für „Morgenmagazin“, „Mittagsmagazin“, „Tagesschauen“, „Tagesthemen“, „Nachtmagazin“. An manchen Tagen im Krieg habe ich bis zu 30 Live-Schalten, denn wir bedienen auch noch Tagesschau24, Phoenix und die Dritten Programme. Zusätzlich twittern wir, produzieren Videoblogs, machen Sondersendungen. Seit sechs Wochen arbeiten wir eigentlich rund um die Uhr, seit der Entführung der drei israelischen Jugendlichen im Westjordanland.

          Diese „Story“ erscheint schon in weiter Ferne, denn seitdem haben sich die Ereignisse dermaßen überschlagen, sind wir dermaßen gehetzt von einer zur nächsten Geschichte „unterwegs“, von einem entsetzlichen Geschehen zum nächsten, von einem gescheiterten Waffenstillstand zum nächsten, dass wir alle das Gefühl für Zeit verloren haben. Wir sehen unsere Familien so gut wie gar nicht mehr, vier, fünf Stunden Schlaf sind das Maximum, das Team ist die Ersatzfamilie, wir sitzen in einem Boot und produzieren wie am Fließband.

          Und manchmal sind wir sogar in Gefahr. Das Team in Gaza ganz gewiss. Als Studioleiter habe ich die Verantwortung für das Wohlergehen der Mitarbeiter. Doch welches „Wohlergehen“ gibt es in Gaza? Mitten im Bombenhagel ohne Bunker oder Schutzräume? Ich überlasse es daher meinen palästinensischen Kollegen und Freunden, zu entscheiden, wann sie wo drehen wollen - oder eben nicht. Weil sie sagen, es sei zu gefährlich oder weil sie in den Nächten daheim sein wollen bei ihren Frauen und Kindern, um im schlimmsten Fall gemeinsam zu sterben. Und so sind wir jeden Morgen froh, am Telefon wieder ihre Stimmen zu hören.

          Und wir auf der israelischen Seite? Inzwischen reichen die Raketen bis nach Tel Aviv, die Sirenen heulen regelmäßig, dann hören und sehen wir die Explosionen. Manchmal aber, wie vor ein paar Tagen, heulen die Sirenen nicht. Dann erschrecken wir, wenn wir unerwartet eine Explosion hören. Die Raketen, die in Deutschland gerne als „selbstgebastelt“ verharmlost werden, sind längst gefährliche Waffen, die töten würden, massiven Schaden anrichten würden, wenn es das Abwehrsystem „Iron Dome“ nicht gäbe.

          Und dennoch: Wenn wir unmittelbar an der Grenze zu Gaza stehen und der Alarm losgeht, dann haben wir gerade mal 15 Sekunden Zeit, uns in Deckung zu begeben. Im freien Feld ist das ein Problem. Wir werfen uns auf den Boden, versuchen uns hinter irgendwelchen Steinbrocken zu verstecken, warten auf den Einschlag und noch ein bisschen länger, um nicht danach von Granatsplittern getroffen zu werden. Danach stehen wir wieder auf und machen weiter, sehen, keinen Kilometer von uns entfernt, Rauchsäulen, sehen und hören Explosionen, Bombardement.

          Es wirkt wie im Kino, aber wir wissen: Da sterben Menschen und wir können nichts tun. Außer berichten, immerzu weiter berichten. Nach bestem Wissen und Gewissen.

          Richard C. Schneider ist ARD-Korrespondent in Israel.

          Quelle: F.A.S.

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