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Veröffentlicht: 06.07.2015, 16:30 Uhr

Repression im Netzwerk So zensiert Facebook

Mark Zuckerberg, Chef eines Konzerns mit 1,5 Milliarden Nutzern, gibt sich gern harmlos. Doch er hofiert Despoten. Und seine Algorithmen unterdrücken die Freiheit der Kunst und der politischen Meinung.

von Adrian Lobe
© dpa Zu provokant für Facebook? In Russland verbannte der Internetkonzern ein solches Foto von seiner Seite.

Dass Facebook eine globale Medienmacht ist, wird niemand bestreiten: 3,85 Milliarden Dollar Umsatz, 701 Millionen Dollar Gewinn, 1,5 Milliarden Nutzer. Das bedeutet Markt- und Meinungsmacht: Mit dem Angebot „Instant Articles“ wächst diese Macht noch. Medienhäuser, darunter „Spiegel Online“ und „Bild“, veröffentlichen dort Inhalte exklusiv für Facebook. Doch nach welchen Kriterien wählt Facebook seine Inhalte aus? Welche Artikel schaffen es in den Newsfeed der „größten personalisierten Zeitung der Welt“, zu der Mark Zuckerberg den Konzern machen will?

Die Algorithmen sind eine Black Box. Welche Beiträge angezeigt werden, bleibt das Geheimnis einer kleinen Entwicklergruppe. Interessant ist, was nicht angezeigt wird: 2012 wurde ein Cartoon des „New Yorker“ zensiert, der - recht harmlos - die Brustwarzen einer Frau abbildete. In Russland verbannte Facebook ein Foto eines sich küssenden homosexuellen Paars von seiner Seite. In der Türkei blockierte Facebook nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ eine Seite, die Bilder des Propheten Mohammed zeigte.

Facebook schwingt sich zum Sittenwächter auf

Der Fotograf Michael Stokes berichtet auf dem Portal www.advocate.com, seine Fotografien würden auf Facebook regelmäßig zensiert. Als er das Foto eines beinamputierten, ganzkörpertätowierten männlichen Unterwäschemodels postete, wurde dieses mit Verweis auf die Gemeinschaftsregeln gelöscht. Stokes beschwerte sich beim Community Management. Facebook entschuldigte sich und stellte das Foto wieder ein. Doch in der Folge wurden weitere Fotos entfernt. Die teils verstörenden Porträts sind nicht jedermanns Geschmack, doch stellen sie keinen evidenten Verstoß gegen die „Gemeinschaftsstandards“ dar. Kann man der Community laszive Posen homosexueller Models nicht zumuten?

© Twitter

Auf Anfrage teilt der Konzern mit: „Facebook ist eine Plattform, auf der sich auch Minderjährige bewegen und die von Menschen aus unterschiedlichen Religionsgemeinschaften genutzt wird.“ Aber kann ein Muslim oder Buddhist nicht selbst entscheiden, was mit seinem Glauben vereinbar ist? Welche Seiten er aufruft? Die Plattform, die alles über ihre Nutzer herausfinden will, glaubt zu wissen, was gut für jeden ist. In den Community Standards heißt es zu Nacktheit und Pornographie: „Facebook verfolgt strikte Richtlinien gegen das Teilen pornographischer Inhalte sowie jedweder sexueller Inhalte, wenn Minderjährige beteiligt sind. Darüber hinaus legen wir Grenzen für die Darstellung von Nacktheit fest.“ Facebook schwingt sich zum Sittenwächter auf, die Zensur entspringt einer Geisteshaltung, wie sie in erzkonservativen Gesellschaften vorherrscht. Auch Nutzer können Beiträge melden, die sie als anstößig empfinden, neuerdings sogar Hoax, also Fake-Nachrichten. Es ist die Tyrannei der Minderheit. Facebook hat weder eine Blattlinie, noch ist es einem Pressekodex unterworfen. Seine Community Standards stellt das Unternehmen nach Gutdünken auf. Dass es sich bei Nacktheit auch um Kunst oder politischen Protest handeln kann, ist offenbar unerheblich.

Ein Hightech-Unternehmen mit Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts

Die Femen-Aktivistin Eloïse Bouton, die das Cover ihres Buchs „Confession d’une ex-Femen“ als Profilbild hochlud, wurde von Facebook gesperrt. In der französischen „Huffington Post“ schrieb sie Mark Zuckerberg einen offenen Brief: „Eine Frage treibt mich um, Mark: Kennst du Marianne? Das ist unser Symbol in Frankreich, die Republik, Freiheit, Gleichheit, all das. Auf einem berühmten Gemälde von Delacroix haben sich ihre Brüste am Hemd vorbeigedrängt. Wenn ich in Zukunft ein Foto von ,La Liberté Guidant le people‘ poste, wird mein Facebook-Account dann in den Untiefen des Netzes verborgen?“

Grand Palais zeigt Courbet - erste Retrospektive seit 30 Jahren © dpa Vergrößern Im Pariser Musée d’Orsay ist Gustave Courbets „L’Origine du Monde“ (Der Ursprung der Welt) für jeden sichtbar. Auf Facebook wird es gesperrt.

Seit Jahren ficht der Pariser Lehrer Frédéric Durand-Baïssas einen juristischen Streit gegen Facebook. 2011 hatte er ein Foto von Gustave Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“ (L’Origine du Monde) gepostet, worauf Facebook sein Profil sperrte. Die Darstellung des weiblichen Geschlechts, die schon zu Courbets Zeiten umstritten war, wertete Facebook als Verstoß gegen das Nacktheitsverbot - ein Hightech-Unternehmen vertritt Moralvorstellungen aus dem 19. Jahrhundert. Der Rigorismus passt so gar nicht zu jener Permissivität, die Facebook in seinen Kommentarspalten walten lässt. Dort werden Personen zum Teil aufs Übelste beschimpft.

Verrückte Maßstäbe

Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Standards für politische Zwecke instrumentalisiert werden. Im Januar zensierte Facebook den nach Deutschland exilierten Schriftsteller Liao Yiwu. Er hatte Bilder eines befreundeten Aktivisten gepostet, der nackt durch die Straßen von Stockholm gerannt war. Für seine Zensurpraktiken erhielt Facebook Beifall von der kommunistischen Führung. Die Zeitung „Renmin Ribao“, das Parteiorgan der Kommunisten, begrüßte die Account-Schließung in einem Leitartikel. Facebook will mit aller Macht nach China expandieren und hofiert daher die chinesische Regierung. Mark Zuckerberg startete eine plumpe Charmeoffensive. Im Oktober des vergangenen Jahres reiste er ins Land der Mitte und beantwortete chinesischen Studenten eine halbe Stunde lang Fragen in Mandarin. Im Dezember lud er Chinas obersten Internetaufseher Lu Wei in sein Büro. Auf seinem Schreibtisch lag das Buch „China regieren“ von Staatschef Xi Jinping - Anbiederung pur. Macht sich der Internetkonzern zum Handlanger der Zensoren, zum Büttel eines autoritären Regimes, der um des Profits willen die Meinungsfreiheit einschränkt? Was geschieht mit kritischen Artikeln zu China? Facebook hat im Dezember 2014 das Video einer Selbstverbrennung eines tibetischen Mönchs zensiert. Begründung: Es verstoße gegen die Community Standards.

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Wie arbiträr die Regeln sind, zeigt ein Beispiel aus den Vereinigten Staaten. Auf einem Blog des „Economist“ beschreibt der Politikprofessor Steven Mazie, wie er die Facebook-Seite „Death to Israel“, auf der eine zur Pistole geformte, mit der iranischen Flagge untermalte Hand den israelischen Davidstern wegbläst, wegen Gewaltverherrlichung und Volksverhetzung meldete. Ein paar Stunden später erhielt Mazie eine Nachricht, in der Facebook mitteilte, es habe die Seite überprüft und keine Verletzung der Standards festgestellt. Ein paar Tage später teilte man ihm mit, dass die Seite gelöscht wurde. Warum, erfuhr Mazie nie. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass die Seite wieder online ging - sie ist bis heute auf Facebook. Mazies Account war zuvor für 24 Stunden gesperrt worden, weil er ein Schwarzweißfoto mit nackten Hintern veröffentlicht hatte. Er nennt die Maßstäbe verrückt: „Facebook erlaubt genozidale Todesdrohungen auf seinem elektronischen Netzwerk, während es nackte Hintern verbannt.“

Repression statt Demokratisierung

Wer, wie Ijoma Mangold kürzlich in der „Zeit“, Facebook als „Spielwiese des Denkens“ preist, ist nicht nur naiv, sondern verkennt die autoritären Codes des Netzwerks. Nicht wir lenken die Debatten, sondern Facebook. Der Konzern privatisiert die Meinungsfreiheit. Die Informationsvermittlung, genuine Voraussetzung für politische Partizipation, läuft in den Bahnen der Tech-Giganten. Andrew Keen, Autor des Buchs „The Internet Is Not the Answer“, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Facebook entwickelt sich zu einem gefährlichen Monopolisten in der Verbreitung von News und Informationen. Die Implikation für die Öffentlichkeit ist, dass die Information auf einer einzigen Plattform zentralisiert wird. Und das ist schlecht für die Demokratie.“

Es ist eine böse Ironie der Geschichte, dass das soziale Netzwerk, das als Katalysator der Demokratisierung gefeiert wurde, zum Vehikel repressiver Tendenzen mutiert, die Facebook selbst befeuert. In Zuckerbergs Imperium haben sich alle den Algorithmen unterzuordnen.

Glosse

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Von Hannes Hintermeier

Ausgerechnet ein AfD-Politiker macht Wahlwerbung mit dem neuen Buch des ehemaligen Münchner Langzeitbürgermeisters Ude. Der reagiert gewohnt dünnhäutig. Was, wenn sein Werk in rechte Hände geriete? Mehr 1 2

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