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Repression im Netzwerk : So zensiert Facebook

  • -Aktualisiert am

Zu provokant für Facebook? In Russland verbannte der Internetkonzern ein solches Foto von seiner Seite. Bild: dpa

Mark Zuckerberg, Chef eines Konzerns mit 1,5 Milliarden Nutzern, gibt sich gern harmlos. Doch er hofiert Despoten. Und seine Algorithmen unterdrücken die Freiheit der Kunst und der politischen Meinung.

          Dass Facebook eine globale Medienmacht ist, wird niemand bestreiten: 3,85 Milliarden Dollar Umsatz, 701 Millionen Dollar Gewinn, 1,5 Milliarden Nutzer. Das bedeutet Markt- und Meinungsmacht: Mit dem Angebot „Instant Articles“ wächst diese Macht noch. Medienhäuser, darunter „Spiegel Online“ und „Bild“, veröffentlichen dort Inhalte exklusiv für Facebook. Doch nach welchen Kriterien wählt Facebook seine Inhalte aus? Welche Artikel schaffen es in den Newsfeed der „größten personalisierten Zeitung der Welt“, zu der Mark Zuckerberg den Konzern machen will?

          Die Algorithmen sind eine Black Box. Welche Beiträge angezeigt werden, bleibt das Geheimnis einer kleinen Entwicklergruppe. Interessant ist, was nicht angezeigt wird: 2012 wurde ein Cartoon des „New Yorker“ zensiert, der - recht harmlos - die Brustwarzen einer Frau abbildete. In Russland verbannte Facebook ein Foto eines sich küssenden homosexuellen Paars von seiner Seite. In der Türkei blockierte Facebook nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ eine Seite, die Bilder des Propheten Mohammed zeigte.

          Facebook schwingt sich zum Sittenwächter auf

          Der Fotograf Michael Stokes berichtet auf dem Portal www.advocate.com, seine Fotografien würden auf Facebook regelmäßig zensiert. Als er das Foto eines beinamputierten, ganzkörpertätowierten männlichen Unterwäschemodels postete, wurde dieses mit Verweis auf die Gemeinschaftsregeln gelöscht. Stokes beschwerte sich beim Community Management. Facebook entschuldigte sich und stellte das Foto wieder ein. Doch in der Folge wurden weitere Fotos entfernt. Die teils verstörenden Porträts sind nicht jedermanns Geschmack, doch stellen sie keinen evidenten Verstoß gegen die „Gemeinschaftsstandards“ dar. Kann man der Community laszive Posen homosexueller Models nicht zumuten?

          Auf Anfrage teilt der Konzern mit: „Facebook ist eine Plattform, auf der sich auch Minderjährige bewegen und die von Menschen aus unterschiedlichen Religionsgemeinschaften genutzt wird.“ Aber kann ein Muslim oder Buddhist nicht selbst entscheiden, was mit seinem Glauben vereinbar ist? Welche Seiten er aufruft? Die Plattform, die alles über ihre Nutzer herausfinden will, glaubt zu wissen, was gut für jeden ist. In den Community Standards heißt es zu Nacktheit und Pornographie: „Facebook verfolgt strikte Richtlinien gegen das Teilen pornographischer Inhalte sowie jedweder sexueller Inhalte, wenn Minderjährige beteiligt sind. Darüber hinaus legen wir Grenzen für die Darstellung von Nacktheit fest.“ Facebook schwingt sich zum Sittenwächter auf, die Zensur entspringt einer Geisteshaltung, wie sie in erzkonservativen Gesellschaften vorherrscht. Auch Nutzer können Beiträge melden, die sie als anstößig empfinden, neuerdings sogar Hoax, also Fake-Nachrichten. Es ist die Tyrannei der Minderheit. Facebook hat weder eine Blattlinie, noch ist es einem Pressekodex unterworfen. Seine Community Standards stellt das Unternehmen nach Gutdünken auf. Dass es sich bei Nacktheit auch um Kunst oder politischen Protest handeln kann, ist offenbar unerheblich.

          Ein Hightech-Unternehmen mit Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts

          Die Femen-Aktivistin Eloïse Bouton, die das Cover ihres Buchs „Confession d’une ex-Femen“ als Profilbild hochlud, wurde von Facebook gesperrt. In der französischen „Huffington Post“ schrieb sie Mark Zuckerberg einen offenen Brief: „Eine Frage treibt mich um, Mark: Kennst du Marianne? Das ist unser Symbol in Frankreich, die Republik, Freiheit, Gleichheit, all das. Auf einem berühmten Gemälde von Delacroix haben sich ihre Brüste am Hemd vorbeigedrängt. Wenn ich in Zukunft ein Foto von ,La Liberté Guidant le people‘ poste, wird mein Facebook-Account dann in den Untiefen des Netzes verborgen?“

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