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„Über Barbarossaplatz“ im Ersten : Es liegt kein Heil in der Flucht

Sie überschreitet alle Grenzen: Stefanie Wagner (Franziska Hartmann), eine junge Frau und eine ehemalige Patientin von Rainer Chameni, die nach dessen Suizid seine Frau und Psychotherapeutin Greta auf Fortsetzung ihrer Therapie drängt. Bild: WDR

Extrem schroff und unglaublich nah: „Über Barbarossaplatz“ wirft einen fordernden Blick auf die Beziehungen zwischen Patient und Therapeut.

          Seelenheil scheint ein Begriff zu sein, der aus der Zeit gefallen ist. Beschreibt er doch einen Zustand, in dem sich der Mensch nur befinden kann, solange er noch nicht in diese Welt geworfen ist. Eine Welt, in der die anderen, heillos Verwirrten schon auf ihn warten – um ihn mit hinabzuziehen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist der Eindruck, den der Film „Über Barbarossaplatz“ vermittelt, in dem der Regisseur Jan Bonny das Seelenleben seiner Figuren auseinandernimmt und ausbreitet. Bibiana Beglau spielt darin die Psychotherapeutin Greta Chameni. Gemeinsam mit ihrem, um ihre Zuneigung bettelnden Kollegen Adrian Schöne (Shenja Lacher) hat sie eine Praxis am Kölner Barbarossaplatz. Der Tod ihres Mannes Rainer, ebenfalls Psychotherapeut in derselben Praxis, liegt nicht lange zurück. Für Greta scheint er weit weg. Ihre junge Patientin Stefanie Wagner (Franziska Hartmann) aber sorgt dafür, dass dies alles Greta wieder einholt.

          Kommunikation unter Verwundeten ist unmöglich

          Die Geschichte nach dem Drehbuch von Hannah Hollinger hält sich nicht mit einer langen Einführung auf. Nach zwei Minuten geht es an die Substanz. Stefanie war die Patientin von Gretas Mann und bittet diese, ihre Therapie fortzuführen. Gleich darauf macht sie Greta Vorwürfe. „Trauern Sie eigentlich um ihren Mann?“ Jeder Versuch der Therapeutin, auf Distanz zu gehen – „Nicht dem Gefühl nachgeben, nicht da reingehen, das bringt jetzt nichts“ –, wird von Stefanie unterlaufen. Ohnehin zeigt in diesem Fernsehstück fast jeder Dialog zwischen den Figuren, dass Kommunikation unter Verwundeten unmöglich ist.

          Sie reden aneinander vorbei: Greta Chameni (Bibiana Beglau) sucht Hilfe bei ihrem einstigen Mentor Benjamin Mahler (Joachim Kròl).
          Sie reden aneinander vorbei: Greta Chameni (Bibiana Beglau) sucht Hilfe bei ihrem einstigen Mentor Benjamin Mahler (Joachim Kròl). : Bild: WDR

          Wie sehr der Tod des Therapeuten Stefanie erschüttert hat, lässt sich schwer sagen. Sie lebt den Ausnahmezustand und lässt sich von selbstzerstörerischen Trieben leiten. Die Schnittwunden an ihrem Handgelenk sehen wir erst, als Stefanie mit zwei fremden Männern in einem Hotelbett landet. In diesen Szenen, die der Kameramann Hubert Schick sehr direkt präsentiert, schwankt Stefanie zwischen passiver Lähmung und entgrenzter Aggression. Dieser abrupte Wechsel prägt die Rolle und verlangt der Schauspielerin Franziska Hartmann viel ab. Sie hält die Spannung.

          Die ganz alltägliche Selbstzerstörung

          So ist es auch bei Bibiana Beglaus Greta. Diese sucht Hilfe bei ihrem Lehranalytiker, dem emeritierten Psychologieprofessor Benjamin Mahler (Joachim Kròl), den sie und ihr Mann während des Studiums vergötterten. Zum Tod ihres Mannes sagt sie: „Ich fühle mich schuldig. “ Mahler aber hat selbst einen Tod zu verarbeiten – den seines Vaters.

          In kurzen Etappen und mit sprunghaften Schnitten folgt die Kamera den Figuren und ihrer Drangsal. Der Einsatz der Handkamera sorgt für intensive Nähe. So kommen Szenen zustande, die wirken, als fühlten sich die Schauspieler unbeobachtet, als gingen sie ihrer ganz alltäglichen Selbstzerstörung nach. Denn das verbindet die Figuren: Sie taumeln alle wissend ins Unheil.

          Es geht also ans Eingemachte. Die Geschichte streift all jene Fragen, zu denen auch Therapeuten keine Patent-Antworten einfallen. Wie trauert man? Wann darf man jemanden aufgeben? Die haltlose Patientin fragt: „Warum soll ich noch leben?“ Für all die Schutzlosen scheint die Welt in „Über Barbarossaplatz“ keinen Trost bereitzuhalten. Und selbst für jene, die den Halt noch nicht verloren haben, bleibt nur die Ablenkung durch die Hektik des Alltags und die Hoffnung auf Muße durch den Rausch – in Form von Alkohol und Sex.

          „Über Barbarossaplatz“ ist ein starkes, in weiten Teilen unerbittliches und bewegendes Stück Fernsehen. Es zeigt: Die Wirklichkeit der Therapeuten ist eine harte. „Bedeutet Ihnen ihr Leben so wenig, dass sie immer noch Opfer sein wollen?“, fragt Greta Stefanie einmal. Eine Antwort gibt der Film nicht. Er bleibt sie aber auch nicht schuldig.

          Über Barbarossaplatz, an diesem Dienstag um 22.45 Uhr in der ARD

          Quelle: F.A.Z.

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