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Twittern mit Steffen Seibert Fragen Sie @RegSprecher

 ·  Angela Merkel lässt Steffen Seibert eine Bürgersprechstunde auf Twitter abhalten. Wir haben mitgemacht. Ein Erfahrungsbericht.

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Das waren noch Zeiten als Regierungssprecher im deutschen Fernsehen die berühmten „1:30“ zur Verfügung hatten: neunzig Sekunden, um zu einem Thema zu sprechen. Mittlerweile leben wir in der neuen Welt der nicht mehr so neuen Medien. Twitter gehört auch dazu. Und was liegt also näher, als eine Twitter-Bürgerkonferenz zu machen? Schließlich war dessen Gründer Jack Dorsey bei der Bundeskanzlerin zu Gast, um mit ihr zu konferieren. So ging es pünktlich um 11:30 Uhr los.

Es war eine Atmosphäre wie bei den Bundesjugendspielen. Alle warteten gespannt auf den Startschuss. Zu frühe Fragen waren wohl nicht erlaubt. Wobei das Dumme an den neuen Medien ist, dass die Sanktionsmöglichkeiten begrenzt sind. Es gibt halt keinen Twitter-Rat mit allen wichtigen gesellschaftlichen Gruppen, die schon einmal einen Chefredakteur vor die Tür setzen. Nein, hier ist alles basisdemokratisch. Man beantwortet halt nicht alle Fragen. Wie hat der Regierungssprecher das also bloß gemacht?

45 Sekunden Bedenkzeit

So ging es los mit Christin: „Wie schätzt die Kanzlerin die Lage in NRW ein?“ Keine Antwort. Wie auch? Es folgten ja gleich im Sekundentakt Dutzende weiterer Fragen zu allen möglichen Themen: zur Lage Gehörloser, auch eine von diesem Autor zum Fiskalpakt, über Hinweise auf den Nutzen einer Tastatur bis zu Fragen über die privaten Vorlieben des Regierungssprechers. Und Seibert? Er twitterte, dass er jemanden namens „Mac Miller“ liest und er den „Oblomow“ hört. Kann aber auch umgekehrt gewesen sein. Man kam mit dem Lesen ja kaum mit. Andauernd erschienen auf dem Bildschirm die Hinweise auf die Fragen, die man noch gar nicht gelesen hatte.

Der Fernsehsender n-tv stiftete weitere Verwirrung, weil er gemeint hatte, dass die Kanzlerin selbst in die Tasten greift. Es handelte sich um eine Bürgerkonferenz via Twitter. So las man die Fragen und wunderte sich über die ausbleibenden Antworten. Dabei hatte Seibert nur ein Kürzel vergessen, um seine Antworten für alle Nutzer lesbar zu machen. So öffnete man kurzerhand im Browser www.twitter.com ein zweites Mal, jetzt mit Seiberts Antworten. Sicher ist sicher. So schaute der Autor mit dem linken Auge auf die Fragen und mit dem rechten Auge auf die Antworten. Wie hat das der Regierungssprecher bloß gemacht? Geschielt? Dagegen wirkte HAL 9000 in Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ richtig lebendig.

Keine Frage, Seibert bemühte sich redlich. Und in 45 Minuten 36 Antworten zu geben, ist eine reife Leistung und bedeutet: eine Antwort in noch nicht einmal 1:30 – inklusive Lesen, Nachdenken, Tippen und Posten, und zwar zu 36 verschiedenen Themen. Das Nachdenken kann dann also jeweils höchstens 45 Sekunden gedauert haben, was allerdings einen Hinweis darauf geben könnte, wie lange die Bundesregierung eigentlich braucht, um ihre Politik zu formulieren. Der Atomausstieg könnte bei Frau Merkel sogar noch schneller gegangen sein. Wer weiß das schon?

Rasend vergeht die Zeit

Aber vielleicht handelt es sich beim Regierungssprecher auch schon um einen vollautomatisierten Computer, der auf seiner Festplatte immer die richtigen Antwort parat hat. Es gibt dafür Indizien. So fragte eine Frau Klafft nach der Frauenquote für Behörden. Die Antwort: „Wollen noch mehr Frauen in Führungspositionen, dabei gilt Grundgesetz: Auswahl nach Leistung, Eignung, Befähigung.“ Dagegen wirkte HAL 9000 richtig lebendig. Allerdings dauerte es ein wenig, um HAL 9000 zu deaktivieren, damit er nicht im Kosmos seine Mission zum Jupiter fortsetzen konnte.

Den passenden Namen hätte Seibert jedenfalls schon: Sein Twitter-Account heißt @RegSprecher. Und er könnte sich auch schon verselbständigt haben. Auf die Frage nach den Verhältnissen in NRW antwortete er nämlich: „Landespolitik ist nichts für Sprecher der Bundesreg. Wir arbeiten hier in Berlin an unseren Aufgaben.“ Interessant zu wissen – für die Kollegen in der Bundespressekonferenz.

So war nach 45 Minuten alles vorbei: „Zeit rasend vergangen, jetzt muss ich los, ich denke, wir machen das mal wieder. Danke allen Teilnehmern bei #fragReg.“ Unter diesem „hashtag“ konnte man den Regierungssprecher in diesen denkwürdigen Minuten erreichen. Wahrscheinlich ist er auf dem Weg zum Jupiter. Die nächste Bürger-Sprechstunde auf Twitter könnte dann HAL 9000 übernehmen. Der hatte übrigens mehr Zeit zum Nachdenken als @RegSprecher. So ändern sich die Zeiten.

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