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Twittern aus Iran Teheran zwitschert vielstimmig

17.06.2009 ·  Die Oppositionellen in Iran demonstrieren nicht nur auf der Straße, sondern auch im Internet. Mit dem Mikroblogging-Dienst Twitter organisieren sie Demos und verlinken auf Youtube-Videos. Doch wie glaubwürdig sind diese Informationen?

Von Marco Dettweiler
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„Bilder von gefallenen jungen Iranern. Schmerz, Angst und Wut sind offensichtlich“ schreibt razlan79 auf Twitter. Als Beweis für seine Aussage verlinkt er auf ein YouTube-Video. Vermutlich von einer Handy-Kamera aufgenommene Bilder zeigen hektische Szenen von helfenden, verletzten und möglicherweise toten Menschen in einer Garage. Sind die Männer und Frauen in Iran aufgenommen worden? Vermutlich. Sind die Wunden und Schreie der Verletzten echt? Sehr wahrscheinlich. Ist die Szene aktuell? Möglicherweise. Razlan79 will der Welt zeigen, wie brutal gegen die Mussawi-Anhänger vorgegangen wird. Es scheint, weil es so aussieht, alles wahr zu sein.

Die iranischen Demonstranten haben einen Kanal gefunden, ihre Hilferufe schnell und wirkungsvoll loszuwerden: Twitter. Der Mikroblogging-Dienst wächst weltweit seit Monaten rasant. Prominente, Unternehmen, Politiker, Journalisten und andere Mitteilungsbedürftige twittern. Sie verschicken also eine Nachricht mit maximal 140 Zeichen per Computer oder Handy. Gelesen wird sie von den sogenannten Followern, den Mitlesern des Twitterers. Die Flut an Tweets aus Iran zeigt, dass der Social-Media-Dienst dort ebenfalls populär ist.

Razlan sitzt in Hong Kong

Razlan79 hat 303 Follower. Er hat auf seinem Twitter-Account angegeben, dass er aus Teheran schreibt. Sein vollständiger Name ist Razlan Manjaji. Razlan hat auch einen Blog. Dort ist zu lesen, er sei malayischer und chinesischer Herkunft. Sein aktueller Blog-Eintrag ist vom 14. Juni. Geschrieben hat er ihn aus Hongkong. Da er auch zu jener Zeit twitterte, ist seine Angabe, aus Teheran zu sein, falsch. Das ist schade. Vielleicht ist es aber auch eine bewusste Falschangabe, um sich durch die Ortsangabe mit den Iranern zu solidarisieren und sie zu stärken. Auf jeden Fall entstehen solche Glaubwürdigkeitsprobleme häufiger bei Twitter.

Richterspruch: Ich habe Twitter!

Jeder kann sich bei Twitter anmelden und einen Account erstellen. Name und Foto sind frei wählbar. Niemand überprüft die Identität der 140-Zeichen-Schreiber. Die Wahrheit des Tweets kann somit erst recht nicht verifiziert werden. Unter Twitterern ist das normalerweise kein Problem, da man sich meist kennt. Wer twittert, hat häufig auch ein Blog, schreibt für die klassischen Medien, ist hinreichend prominent oder ein Freund oder Bekannter. Bedenklich wird es nur, wenn jemand einen Namen missbraucht. Das kann auf zwei Wegen geschehen: Jemand hat sich den Namen gesichert, bevor sich die „eigentliche“ Person bei Twitter anmelden wollte. Oder ein Krimineller hat den bestehenden Account gehackt und verschickt Tweets unter falschem Namen. So geschehen bei den Accounts von Barack Obama, Britney Spears und CNN-Moderator Rick Sanchez.

„Mächtiges Instrument der freien Information“

Twitter als „Protestmedium“, „Koordinationswerkzeug“ oder als „mächtiges Instrument der freien Information“ für die iranischen Demonstranten zu bezeichnen, ist gefährlich. Den Kommunikationskanal kennen nämlich auch die Mitarbeiter des Geheimdienstes. Und sie nutzen ihn als „Agents provocateurs“, indem sie gezielt Fehlinformationen streuen. Momentan bündeln Twitterer ihre Tweets über die Wahlen im Iran mit dem so genannten Hashtag „#Iranelection“. Das Setzen von Hashtags ist ein übliches Verfahren, um seine Beiträge zu verschlagworten, so dass andere auf Twittersearch nach einem bestimmten Thema suchen können.

Nach Aussagen verschiedener Twitterer (deren Glaubwürdigkeit natürlich auch wiederum überprüft werden müsste) finden sich unter „#Iranelection“ oder „#IranElection“ immer mehr Tweets, die von „Fake-Accounts“ stammen und „eventuell in Verbindung zum iranischen Sicherheitsapparat“ stehen. Auf der Seite Twitspam gibt es eine Liste mit solchen Twitterern, die man per Link blockieren kann, so dass deren Tweets nicht weitergeleitet werden. Einer davon ist mikehiavelli. Er schreibt zum Beispiel: „Mousavi und Rafsanjai (meint wohl Rafsandschani, a. d. R.) haben unsere Nation dreißig Jahre lang vergewaltigt. Hört auf sie zu unterstützen! Nur ein Regimewechsel ist der einzige Weg. Seid nicht blöd“. Mikehiavelli hat auf seinem Account keine Angaben zu Ort oder Lebenslauf gemacht. Er hat auch nur 32 Follower. Es deutet jedenfalls vieles darauf hin, dass der Account relativ frisch ist.

„Lasst uns beginnen mit dem Massen-Twittern in Iran!“

TwitPersia schreibt etwa: „Dringend: Demonstrationen heute in Teheran um 16 Uhr vom Enghelab Square zum Azadi Square. Jeder Demonstrant soll eine Blume mitbringen.“ Dass zu dieser Zeit einige Demonstranten auftauchen werden, ist sicher. Dass diesen Tweet auch der Geheimdienst liest, ist ebenso sicher. Dass dieser Aufruf zur Demonstration von der Regierung initiiert ist und eine „Falle“ sein könnte, ist ebenso denkbar. Fakt ist lediglich das Motto von TwitPersia: „Lasst uns beginnen mit dem Massen-Twittern in Iran!“

Das Massen-Twittern war übrigens in Gefahr. Die Betreiber von Twitter hatten für diesen Montag einstündige Wartungsarbeiten angesetzt. Laut Medienberichten hatte das amerikanische Außenministerium um eine Verschiebung der Arbeiten gebeten, weil zu dieser Zeit die Koordination von Demonstrationen erwartet wurde. Tatsache ist, dass Twitter die Arbeiten erst Stunden später durchführte, als es in Iran Nacht war. Die Twitter-Betreiber dementieren allerdings, dass sie auf Befehl des Außenministeriums gehandelt hätten.

„Sendet keine Messages zu diesem Account“

Anscheinend haben die iranischen Twitterer einen Weg gefunden, die Manipulation seitens des Geheimdienstes zu umgehen. Der als „echt“ empfohlene Twitterer jadi verweist in einem Tweet auf openiran: „Das ist die beste Quelle, um Neuigkeiten zu bekommen.“ Openiran scheint ein Sammel-Account zu sein, den jeder nutzen kann. Das heißt, dass man nicht die Zugangsdaten für diesen Account braucht, die normalerweise nur der Autor hat. Um einen Eintrag zu erstellen, können Nutzer einen „magic link“ verwenden. „Sendet keine Messages zu diesem Account. Es ist kein individueller Account. Jeder kann hier posten, wenn er den geheimen Link nutzt.“ Wie dieser Link zu den Nutzern gelangt, ist unklar.

Die Informationslage, die Twitter schafft, ist sehr undurchsichtig. Dafür ist das Problem sehr klar. Weil Twitter aufgrund seiner Gestaltung bequem und einfach zu bedienen ist, kann es auch leicht für Manipulationen missbraucht werden. Die Glaubwürdigkeit von Tweets ist im Vergleich zu Blogeinträgen, Nachrichten oder YouTube-Videos am geringsten. Soziale Netzwerke wie Facebook eignen sich da schon besser, um einen Informationskanal aufzubauen. Die Aktivitäten der Mitglieder können beobachtet werden, Freunde müssen eingeladen werden, es gibt Fotoalben und Chats. Es würde eher auffallen, wenn jemand einen gefälschten Auftritt erstellt. Razan79 ist übrigens auch bei Facebook. Als Ort hat er Hong Kong angegeben.

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Jahrgang 1971, Redakteur in der Wirtschaft.

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