Vor fünf Jahren ging Twitter an den Start. Mittlerweile werden über den Kurznachrichtendienst jede Woche rund eine Milliarde Botschaften verschickt, es gibt rund zweihundert Millionen registrierte Teilnehmer. Sie schätzen das Prinzip der Kürze: In 140 Zeichen muss alles gesagt sein. Die Schnelligkeit von Twitter ist nicht zu schlagen.
Wer sich für die Datenflüsse spezieller Teilnehmer interessiert, wird Abonnent, im Twitter-Vokabular „Follower“, und sitzt damit direkt an der Quelle. Der Nutzen des Netzwerks ist groß: Die meisten großen Kulturinstitutionen haben auf ihrer Website längst nicht nur ein kleines „f“ für Facebook plaziert, sondern gleich daneben ein „t“ für Twitter. Das New Yorker Museum of Modern Art hat schon rund 560.000 Follower. Für das Museum ist es ein idealer Verteiler: Wo sonst melden sich so viele wohlgesinnte Menschen, die um Informationen geradezu bitten und die innerhalb von Sekunden über alles unterrichtet werden können? Die Rezipienten haben hier nicht das Gefühl, in Spam-E-Mails zu ersticken, im Gegenteil: Man gehört einem eingeweihten Kreis an, den man sich selbst ausgesucht hat.
Wer wissen will, für wie viel Millionen Dollar gerade ein Werk von Picasso in einer noch andauernden New Yorker Auktion versteigert wurde, der ist am schnellsten mit Twitter bedient: Man kann fast sicher sein, dass jemand mit Mobiltelefon oder Laptop im Auktionssaal sitzt und in Sekundenschnelle den Hammerpreis per Twitter verbreitet, bevor die Pressestelle des Auktionshauses zum Zug kommt.
Quantifizierung des Ruhms
Der Twitter-Experte Martin Oetting, der die Forschung bei der Firma „trnd“ leitet, einem „word-of-mouth“-Marketing-Netzwerk, nennt zwei Gründe für die Nutzung von Twitter: „Twitter kann als Nachrichtenfilter, als persönlicher Nachrichtenticker und Frühwarnsystem genutzt werden, aber auch, für jeden Menschen mit Sendungsbewusstsein, als Bühne, um Dinge zu zeigen.“ Dass Künstler, wie 2009 der Kölner Francis Tucker, über Twitter an einen Vertrag mit einer New Yorker Galerie gelangen, ist bisher allerdings eher die Ausnahme als die Regel. Oetting betont eine andere Facette des Systems: „Künstler können durch Twitter die Funktionen der Boulevardpresse in die eigenen Hände nehmen“, indem sie politische, künstlerische und andere Vorlieben selbst verbreiten und ein Netzwerk von Fans mit genau gesteuerten Nachrichten füttern. Besonders Musiker interessieren sich für ihre Fans und sind sehr bedacht auf Feedback. „Für sie“, sagt Oetting, „bietet Twitter unfassbares Potential.“ Um den Unterschied zu Facebook zu beschreiben, zitiert er einen populären und, wie er selbst zugibt, etwas arroganten Tweet: „Twitter is a simple tool for cool people, Facebook is a cool tool for simple people.“
Wer sich als Künstler für die eigene Position in der Gesellschaft interessiert, dem ist Twitter ein Instrument, mit dem sich Ruhm in gewisser Weise quantifizieren lässt. Wenn die Spatzen etwas von den Dächern pfeifen, dann lässt sich auf Twitter nachverfolgen, wer wann welchen Tweet weitergeschickt hat und welche Wellen eine Nachricht schlägt. Die Information, wie viele Spatzen es waren und was sie gepfiffen haben, wird konkret.
Viele Fälschungen
Wer Künstler auf Twitter sucht, wird schnell fündig: zum Beispiel bei Barbara Kruger, die vor einigen Monaten einen ihrer berühmten mit Schrift gefüllten Räume in der Rotunde der Frankfurter Schirn installiert hat. Auf Twitter lächelt die Mittsechzigerin den virtuellen Besucher unter ihrer Lockenpracht an und verbreitet alle paar Tage eine Botschaft, Weisheit oder einen Befehl in Großbuchstaben, wie man sie aus ihrer Kunst kennt, etwa „BELIEF + DOUBT = SANITY“. Ja, könnte man meinen, hier hat man es mit einer etablierten zeitgenössischen Künstlerin zu tun, deren ästhetisches und politisches Sendungsbewusstsein sich ideal mit dem sozialen Netzwerk Twitter vereinbaren lässt, das nur Nachrichten im Kurzformat zulässt. Barbara Kruger hat ihre Botschaften schon auf Häuserwände, Einkaufstaschen und New Yorker Stadtbusse drucken lassen, da scheint es nur folgerichtig, dass diese nun digital durch den Äther sausen. Mehr als zweitausend Abonnenten erhalten Krugers Sentenzen, während sie selbst als Follower nur eine einzige Quelle hat, die Künstlerkollegin Jenny Holzer.
So scheint alles ganz plausibel. Doch es gibt es ein Problem: Barbara Kruger ist nicht auf Twitter. „Ich habe gesehen, dass jemand unter meinem Namen tweetet, aber ich weiß nicht, wer es ist“, sagte sie, als sie wegen ihrer Ausstellung an der Schirn in Frankfurt weilte. „Was soll ich dagegen machen? Ich bin kein streitsüchtiger Mensch. Außerdem macht es mir nichts aus.“ Auch die Twitter-Identitäten ihrer Künstlerfreunde, deren Follower die falsche „Barbara Kruger“ war, sind Fälschungen: „Das kann ich Ihnen wirklich versichern“, sagt die echte Barbara Kruger amüsiert, „Bruce Nauman ist nicht auf Twitter.“ Auch die Person, die sich mit Jenny Holzers Foto, Namen und Zitaten wie „HUMANISM IS OBSOLETE“ schmückt, ist nicht Jenny Holzer - und sie hat doch über die Jahre rund 30.000 Follower versammelt. Wie viele von ihnen gehen wohl davon aus, dass sie wirklich von Jenny Holzer Nachrichten erhalten?
Verbreitung von Nachrichten
Jeffrey Deitch, der den Spagat vom New Yorker Galeristen zum kalifornischen Museumsdirektor geschafft hat und seit letztem Jahr das Museum of Contemporary Art in Los Angeles leitet, hat ein Alter Ego, das gar nicht erst vorgibt, echt zu sein: Was „Fake Deitch“ mit einem Foto vom echten Deitch so vor sich hin zwitschert, konzentriert sich meist auf dessen vermeintliche Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz und ist so lustig, dass der anonyme Twitterer eine kleine, aber treue Gemeinde von fast tausend Followern mit seinen zynischen Kurznachrichten unterhält.
Mittlerweile verbreitet sich in Amerika der Brauch, ein „verified account“ durch ein kleines Häkchen auf blauem Grund sozusagen als Gütesiegel neben eine Adresse zu setzen, womit garantiert ist, dass zumindest der Name des Teilnehmers mit seiner offiziellen Website verbunden ist. Jeder Künstler ist seine eigene Marke, und diese Marke gilt es zu schützen. Der Schauspieler Ashton Kutcher hat über 6,6 Millionen Follower, fast so viele wie Barack Obama mit rund 7,9 Millionen, und Lady Gaga hat mit knapp zehn Millionen bekanntlich so viele Follower wie sonst gar niemand - alle drei haben übrigens „verifizierte“ Adressen und jeweils unzählige Nachmacher.
Deutschlands berühmtester lebender Künstler Gerhard Richter, Jahrgang 1932, sitzt zwar nicht selbst am Computer, aber er hat seinen Twitter-Account autorisiert. So informiert das Team, das Richters Website betreibt, via Twitter seriös über Ausstellungen, Publikationen, Vorträge, und es kann auch mal vorkommen, dass mehr als viertausend Followers darauf aufmerksam gemacht werden, dass dreißig signierte Richter-Drucke zugunsten der Düsseldorfer Obdachlosenhilfe zum Verkauf stehen. Mit Richters Arbeit als Künstler hat Twitter nichts zu tun. Das Netzwerk dient nur der Verbreitung von Nachrichten, die mit Richter in Zusammenhang stehen.
Entdeckungen und Friedensbotschaften
Anders verhält es sich mit dem jungen New Yorker Künstler Cory Arcangel, der noch bis zum 28. August eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof hat, dem Berliner Museum für Gegenwartskunst. Geboren 1978, beschäftigt sich der Künstler mit Pop und experimenteller Musik, aber auch mit „Mythen und Praktiken rund um die Internetkultur“. Auf Twitter schickt er Beobachtungen und Entdeckungen an mehr als dreitausend Follower. Dabei kann es sich um einen Youtube-Filmchen handeln, auf dem zu sehen ist, wie ein Marienkäfer mit Zuckerperlen spielt, um einen Spruch, den Arcangel in einer Apotheke gehört hat, oder um ein Klee-Zitat: „a line is a dot that went for a walk“ (Die Linie ist ein Punkt, der spazieren geht).
Als lange Liste wirken die digitalen Kurznachrichten wie ein visueller und mentaler Atlas, vergleichbar der Motivsammlung „Atlas“ von Gerhard Richter, die allerdings aus analogen Zeitungsausschnitten und Fotos besteht. Yoko Ono schickt täglich mehrere Tweets an mittlerweile rund 1,4 Millionen Menschen. Da finden sich Friedensbotschaften, Nachrichten für Fans der Beatles und eigene Konzerte, aber sie ruft auch zu Spenden für Opfer des Erdbebens in Japan auf und engagiert sich, indem sie Informationen über Netzwerke zum Auffinden Vermisster weiterleitet.
Keine Zeit für Autobiographien
„Twitter ist wie ein Tagebuch“, hat der in China von den Behörden verhaftete Künstler Ai Weiwei einmal gesagt. Seine Verhaftung vor über einem Monat macht seither Schlagzeilen. Kein Künstler hat Twitter genutzt wie Ai Weiwei, der rund 60.000 Nachrichten in den Äther geschickt hat - die letzte kurz vor seiner Verhaftung am 3. April. Facebook, Youtube, Google und Twitter sind in China verboten: Trotzdem hat er für seine chinesischen Tweets über 80.000 Follower, die sich von China aus nur über Umwege Zugang zu Twitter verschaffen können. Ai Weiwei hat in der Vergangenheit politische und künstlerische Botschaften getweetet, aber auch spontane Einladungen zum Abendessen. Da konnte es vorkommen, dass die Wirte Klappstühle vor dem Lokal aufstellen mussten, um die Menschenmenge zu bewirten.
Aber auch politisch brisantes Material hat Ai Weiwei über Twitter in Umlauf gebracht, etwa das Bild, das ihn selbst mit einer Kopfverletzung nach einer Notoperation zeigt, nachdem die chinesische Polizei den unbequemen Aktivisten verprügelt hatte. Die Filmemacherin Alison Klayman, die sich intensiv mit Ai Weiwei beschäftigt hat, verschickt nun Tweets mit beunruhigenden Nachrichten aus seinem Umkreis, zum Beispiel, Ende April, dass ein Rockermusiker namens Zuixiao Zuzhou, den sie für ihren Dokumentarfilm „Ai Wei Wei Never Sorry“ interviewt hatte, ebenfalls „verschwunden“ ist. Ai Weiwei, der an unbekanntem Ort festgehalten wird, von seiner Familie, vom Internet und von der ganzen Außenwelt abgeschnitten ist, hat Twitter als persönliches Archiv bezeichnet: „Wir haben keine Zeit, Autobiographien zu schreiben. Jede Minute ist schreibender Prozess. Alles noch einmal aufzuschreiben wäre Zeitverschwendung.“