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Twitter und die Hauptstadtjournalisten Das Recht auf die letzten Fragen

 ·  Bei einer Bundespressekonferenz entlud sich der Zorn: Steffen Seibert hatte einfach angefangen zu twittern - keine Pressemitteilung, nichts. Nutzt es der Demokratie, wenn Politiker direkt per Twitter kommunizieren? Oder schadet es der Presse?

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Das Unheil begann damit, dass Steffen Seibert einfach unangekündigt anfing zu twittern. Es gab keine Einladung zu einer Pressekonferenz mit der Ankündigung einer Erklärung zur neuen Twitter-Strategie der Bundesregierung als Teil der Modernisierung der Öffentlichkeitsarbeit. Es gab nicht einmal eine offizielle Pressemitteilung. Der Regierungssprecher begann einfach zu twittern. Es war sechs vor drei am Nachmittag des 28. Februar, wenige Stunden vor der Eröffnung der Cebit, und Seibert schrieb: „Guten Tag, aktuelle Informationen zur bundesregierung ab heute auch per Twitter. Folgen sie mir unter @RegSprecher. Ihr Steffen seibert.“

Das war vielleicht dem informellen Charakter dieses Mediums angemessen, in dem jede Mitteilung auf 140 Zeilen begrenzt ist. Aber für das politische Berlin und seine professionellen Berichterstatter war es unerhört. Seibert twitterte Glückwünsche zum WM-Titel von Biathlet Arnd Peiffer, verlinkte auf einen Gastbeitrag von Angela Merkel in der „taz“, widersprach dem ebenfalls twitternden Grünen Volker Beck und antwortete in vier Zeichen auf die Frage eines Bürgers, ob es beim ZDF spannender war als bei Merkel.

Dann, keine drei Stunden nach diesem „Nein“, schrieb er von seinem iPad folgenden verhängnisvollen Tweet: „#Kanzlerin reist Anfang Juni zu offiziellem Besuch nach Washington zu Gesprächen mit Präs. #Obama und Verleihung der Medal of Freedom.“ Das kam nicht gut an bei der Hauptstadtpresse, insbesondere nicht bei den Leuten von den Nachrichtenagenturen, die es gewohnt sind, solche Dinge als Erste zu erfahren, und diesen Termin nach eigener Auskunft bisher nicht kannte.

Bei einer Bundespressekonferenz entlud sich der Zorn. Achtzehn Minuten lang musste sich der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans den Fragen und Vorwürfen der Journalisten zum Twitter-Verhalten seines Chefs stellen. (Er klingt noch heute leicht traumatisiert und möchte sich keinesfalls mehr zu dem Thema äußern.) Protokoll und Video-Aufzeichnung davon wurden ein Hit im Internet. Die Journalisten klingen darin ein bisschen wie ein betrogener Ehemann, der aus der Zeitung erfahren musste, dass seine Frau einen anderen hat. Vor allem aber klingen sie, als hätten sie zwar schon die tollsten Dinge über dieses Internet gehört, aber einfach noch nicht die Zeit und den Weg gefunden, diesem sagenumwobenen Ort selbst einen Besuch abzustatten.

Rolle des Hinterwäldlers

Sie fragten, ob „das, was dort getwittert wird, wirklich sicher ist“, outeten sich als „älterer Mensch, der mit diesen neumodischen Kommunikationsformen nicht so vertraut“ ist, bezweifelten, ob es „wirklich angemessen“ sei, einen so wichtigen Termin wie die USA-Reise „mit zwei verkürzten Sätzen per Twitter der Öffentlichkeit mitzuteilen“, und hakten ungläubig nach, ob die Bundesregierung dafür wirbt, dass sie „Kunden oder Abonnenten von Twitter“ werden sollen. Im Internet ernteten sie dafür Spott ohne Ende.

Dieter Wonka, der langjährige Hauptstadtkorrespondent der „Leipziger Volkszeitung“, der zu den Fragestellern gehörte, fühlt sich zu Unrecht in der Rolle des Hinterwäldlers. Aber er sagt, er habe sich ein paar der Reaktionen gerade mal ausgedruckt und könne die Häme schon verstehen. Er will nicht ausschließen, dass eine größere Gruppe von Journalisten noch einem sehr altmodischen Informationsverständnis anhänge: „Ein bisschen Bräsigkeit, die gibts.“ Andererseits sei er „arbeitsmäßig vollkommen damit ausgelastet“, per Telefon, E-Mail oder Fax zu kommunizieren, ohne auch noch rund um die Uhr Twitter zu verfolgen.

Der dpa-Sprecher Carsten Wieland sagt, seine Nachrichtenagentur habe keine Position zu der Frage, ob der Regierungssprecher twittern sollte. Es gehe allein um Transparenz: um die Frage, ob die Regierung diesen Weg nutzen werde, um Neuigkeiten bekanntzugeben, die auf anderem Weg vielleicht nicht bekanntgegeben werden. Wenn das der Fall sei, gehörten Seiberts Tweets eben zu den Kommunikationskanälen, die die Agentur im Auge behalten müsse und werde.

Politik begreifbar, interessant und zugänglich machen

Für Nick Leifert, den ZDF-Vertreter in der Bundespressekonferenz, ist eine Folge des twitternden Regierungssprechers deshalb auch, dass sich wohl mehr Kollegen mit Twitter auseinandersetzen werden, ob sie wollen oder nicht.

Doch es geht um mehr als um technische Abläufe. Es geht um die Frage, wie sich politische Kommunikation verändert, wenn sie plötzlich nicht mehr auf Mittelsleute wie Nachrichtenagenturen oder Journalisten generell angewiesen ist. Einerseits können die kurzen Botschaften zum Beispiel eines Regierungssprechers helfen, Politik begreifbar, interessant und zugänglich zu machen. Wenn, wie bei Seibert, echte Dialoge entstehen, kann das einer Demokratie nur gut tun. Wie grotesk wirkt es da, dass ausgerechnet Journalisten, deren Beruf Kommunikation ist oder sein sollte, sich neuen technischen Formen verweigern und versuchen, Seibert als jemanden zu verunglimpfen, der durch seine Präsenz bei Twitter nur auf cool und modern machen will?

„Er versucht die ganze Zeit, uns zu umgehen“

Andererseits, sagt Dieter Wonka, lässt sich die Aufregung in diesem Fall vielleicht auch durch die noch frische Erfahrung mit Karl-Theodor zu Guttenberg erklären, der im entscheidenden Moment kritischen Fragen von Journalisten auswich. „Man kann viel gegen die Bundespressekonferenz sagen, aber immerhin haben wir hier immer die letzte Frage. Diese kritischen Nachfragen haben schon den ein oder anderen Politiker in ernste Bedrängnis gebracht.“ Mit Sorge sieht er, dass das Wort „Hauptstadtpresse“ ein Schimpfwort geworden ist und Politiker, die sie verunglimpfen, dafür immer auf Beifall des Publikums zählen können.

Sarah Palin ist eine Warnung dafür, wie Politiker, die etwa über Facebook direkt mit den Wählern kommunizieren, sich kritischer Nachfragen durch Journalisten entziehen können. Am vergangenen Mittwoch zeigte sich der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu auf Youtube und beantwortete dort vorher ausgewählte Fragen von Bürgern. Die Presse meint, er tue das auf Kosten klassischer Interviews. „Er versucht die ganze Zeit, uns zu umgehen“, sagt der Sprecher des Journalistenverbandes. „Wir glauben, dass jeder Staatsbedienstete sich Journalisten und ihren Fragen stellen muss.“

Als handele es sich um eine Religion

Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Beleidigtsein von Journalisten, die ihrem Informationsmonopol nachtrauern, und der berechtigten Sorge, ob Politiker sich ihrer Rechenschaftspflicht entziehen. Doch die Diskussion scheitert schon an mangelnden Einmaleins-Kenntnissen vieler Beteiligter.

Hier rächt sich auch, dass Menschen, die viel im Netz unterwegs sind und Twitter oder Facebook benutzen, regelmäßig als „Internet-Gläubige“ oder „-Gemeinde“ bezeichnet werden – als handele es sich um eine Religion und nicht um Werkzeuge, die man nicht lieben oder vergöttern muss, um sie zu benutzen.

Ein Journalist sagte auf der Bundespressekonferenz treuherzig als Argument gegen die Benutzung von Twitter, er habe im Internet (!) herausgefunden, dass sich auf Twitter immer wieder Menschen als andere ausgäben. Erstaunlicherweise hat, nachdem der grüne Wahlsieger Winfried Kretschmann von einer Parodistin angerufen wurde, die sich als Angela Merkel ausgab, niemand gefordert, das Telefonieren aus Sicherheitsgründen einzustellen.

Eine Handreichung für Journalisten für den Sprung ins 21. Jahrhundert

Jetzt ist schon April - lohnt es sich da überhaupt noch, für dieses Jahr Twitter zu abonnieren?

Sie müssen Twitter nicht abonnieren. Um zu lesen, was Steffen Seibert twittert, reicht es, in Ihrem Browser http://twitter.com/regsprecher einzutippen.

Und woher weiß ich, dass das wirklich Steffen Seibert ist, der da twittert?

Weil Sie es hier gelesen haben. Und weil es auf der offiziellen Seite der Bundesregierung steht.

Aber im Grunde kann sich auf Twitter jeder als Steffen Seibert ausgeben?

Ja. Entsprechende Fälschungen können die Betroffenen zwar löschen lassen, aber das kann dauern. Viele Prominente haben ein „Verifiziertes Konto“ auf Twitter, aber die Tatsache, dass dieses Echtheitssiegel fehlt, heißt umgekehrt nicht, dass ein Profil nicht echt ist.

Und mit so einem Siegel ist Twitter sicher?

Fast. Wie jede Internetseite kann auch Twitter gehackt werden. Vor zwei Jahren brach jemand in das Profil von Britney Spears ein und meldete dort bösartig ihren angeblichen Tod.

Kann ich mich darauf verlassen, dass andere Leute, die schon länger auf Twitter sind, wissen, ob ein Profil echt ist?

Auf gar keinen Fall. Twitter ist ein beliebtes Indiz gegen die These von der Weisheit der Massen.

Aber wenn die echte Bundesfamilienministerin Kristina Schröder twittert, dass ihr neuer Innenministerkollege Hans-Peter Friedrich twittert?

... dann sollte man es eigentlich glauben können; es war aber doch eine Ente. Das Profil @hpfriedrich war eine Fälschung, ebenso wie leider auch das Profil @derregsprecher von einem falschen Steffen Seibert, der die Echtheit des falschen Innenministers bestätigte und die Falschheit des echten Accounts der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag behauptete, der auf den falschen Innenminister hinwies.

Hilfe. Und das ist die Zukunft der Kommunikation?

Nun ja.

Wie überprüfe ich dann im Zweifel, ob eine Information zum Beispiel von Steffen Seibert auf Twitter echt ist?

Sein Stellvertreter empfiehlt: Im Zweifel anrufen und nachfragen.

Und die Journalisten-Kollegen machen das?

Aber nein. In den vergangenen Monaten sind deutsche Medien u.a. auf falsche Twitter-Profile von Eminems Tochter, des spanischen Regierungschefs und von Martina Gedeck hereingefallen.

Der „Tagesspiegel“ schreibt, dass Twitter zu einer „Cybermobbing-Plattform für Medienschaffende“ zu verkommen drohe. Stimmt das?

Der „Tagesspiegel“ meint, Kollegen, die mit Twitter umgehen können, sollten nicht über Kollegen lästern, die nicht mit Twitter umgehen können, jedenfalls nicht auf Twitter. Und: „Auf dem Weg zu einem qualitativ besseren Journalismus führt uneingeschränkte Twitter-Gläubigkeit genauso in die Irre wie zu große Skepsis.“ Entsprechend empfehlen wir, auf Autobahnen weder konstant mit 30 noch mit 250 zu fahren.

Kann ich mein Faxgerät dann jetzt wegwerfen? (nig.)

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