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Shahak Shapira im Interview : „Twitter schert das alles einen Dreck“

  • -Aktualisiert am

Shahak Shapira meldete Sätze wie „Deutschland braucht für den Islam wieder die Endlösung“ oder „Schwule raus nach Auschwitz“ an Twitter. Reagiert hat der Kurznachrichtendienst nicht. Bild: Jens Gyarmaty

Der deutsch-israelische Satiriker Shahak Shapira hat in einer Kunstaktion Hass-Tweets vor die Zentrale von Twitter gesprüht. Im Gespräch erklärt er, wann der Hass im Netz gefährlich wird.

          Was wollen Sie mit der Aktion „#Heytwitter“ aufzeigen?

          Ich habe all diese Meldungen geschickt und überlegt: Was kann ich machen, um eine Reaktion zu erzwingen? Deswegen musste ich die Tweets zu Twitter bringen, damit sie Position beziehen, zu den Funktionen, die sie selbst ihren Nutzern zur Verfügung stellen. Und dann ging es auch darum, zu zeigen, dass es plötzlich eben nicht mehr egal ist, wenn es dann auf der Straße geschrieben steht. Manche Tweets stehen seit Wochen, seit Jahren auf Twitter – aber auf der Straße hat es eine ganz andere Fallhöhe.

          Manche unterscheiden zwischen realem Leben und „nur online“. Im Internet darf man vieles „noch sagen“.

          Ein paar Tage vor der Aktion habe ich überlegt, ob sie noch krass genug ist oder schon zu normal. Und allein dieser Gedanke zeigt, wo das Problem liegt.

          Sie haben die Nutzernamen nicht geschwärzt.

          Wieso sollte ich das machen? Das sind ja keine Privatnachrichten, die ich bekommen habe. Die Leute haben selbst entschieden, das öffentlich zu machen. Und meistens waren es auch anonyme Menschen, das ist das Problem auf Twitter. Auf Facebook ist das etwas anders. Und ich sehe da auch keinen Grund. Ich nehme keine Rücksicht auf Menschen, die andere nach Auschwitz schicken wollen. Da sollen sie dazu stehen.

          Gab es eine Reaktion von Twitter?

          Twitter reagiert, wie sie immer reagieren bei dieser Sache. Nämlich gar nicht. Twitter ignoriert. Von dem, was ich sehe, werden auch Presseanfragen ignoriert. Und das ist auch das Problem. Leute glauben, ich kritisiere sie, weil ich sage, dass sie alles löschen müssen. Es geht hier nicht um das Löschen, und in diesem Fall von Zensur zu sprechen, finde ich etwas absurd. Es ist ja nicht so, dass jeder ein Grundrecht auf einen Twitteraccount hat. Aber die Richtlinien, die Twitter festlegt, die legen nicht Deutschland, die Vereinigten Staaten oder die NSA fest – die legt Twitter selbst fest. Und so verkaufen sie dir diese Plattform. Und da finde ich es legitim nachzufragen: Wieso ist es ihnen so scheißegal, wenn diese Richtlinien nicht befolgt werden? Wenn ich zum Beispiel dreihundert Tweets gemeldet hätte und Twitter hätte mir dreihundert Mal gemailt, dass sie diesen Tweet nicht löschen können. Mit Begründung. Dann wäre es zwar – zumindest bei diesen Tweets – nicht besser. Aber es wäre etwas anderes. Dann hätten sie gearbeitet. Es geht darum, dass es Twitter einfach scheißegal ist.

          #HEYTWITTER : Hasstweets vor der Twitterzentrale

          Das zeugt von latenter Intransparenz.

          Twitter ist ein komplett intransparentes Unternehmen. Allein die Adresse vom Büro herauszufinden war schon eine Herausforderung. Die Leute sollen es mal versuchen, Twitter anzurufen. Ich bin gespannt, was dann kommt. Man kann niemanden erreichen. Es gibt keine Nummer, es gibt keine Adresse. Es gibt mehrere Möglichkeiten, ignoriert zu werden: über E-Mail oder das Kontaktformular. Es gibt aber keine wirkliche Möglichkeit, sie zu kontaktieren. Man fühlt sich schon so, als würden sie sich verstecken. Das zieht sich auch durch ihre komplette Politik und den Umgang mit der Sache.

          Auf Twitter gab es für Ihren Beitrag Retweets von Volker Beck und Heiko Maas, die auch die Aktion sehr lobten. Glauben Sie, die Politik könnte, ja müsste, in dieser Sache hilfreich sein?

          Ich freue mich immer, wenn man mit Volker Beck einer Meinung ist. Heiko Maas tut ja auch etwas dagegen. Ich kenne mich da aber auch gar nicht so gut aus, ich bin auch gar kein Jurist. Es gibt jedenfalls ein Gesetz, das im Oktober in Kraft tritt und das besagt, dass diese Unternehmen Meldungen in 24 Stunden bearbeiten müssen. Das finde ich gut, aber ich sehe nicht, wie Twitter das schaffen will, bei dem, was ich feststelle.

          Wirkt so, als wäre Twitter unterbesetzt.

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