http://www.faz.net/-gqz-777v8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.02.2013, 16:14 Uhr

Twitter im Abwind Es war wohl alles ein bisschen viel für ihn

Der Pirat Christopher Lauer twittert nicht mehr. Wenn schon die digitale Avantgarde vom sozialen Netzwerk überfordert ist, wird der Rest bald folgen. Wir müssen die Kunst des Ignorierens lernen.

von Sascha Lobo
© dpa Der wichtigste Filter für die Informationsflut ist kein Algorithmus, sondern bleibt der eigene Kopf. Sagt Blogger und Autor Sascha Lobo.

Der Vorsitzende der Piraten-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Christopher Lauer, hat in dieser Zeitung einen Abschied verkündet. „Twitter ist für mich gestorben“ heißt der Text. Dieser Artikel ist das derzeit Aufschlussreichste, was über die Piraten-Partei und die Politik in einer digitalen Gesellschaft geschrieben wurde - allerdings auf vermutlich andere Art, als der Autor es beabsichtigt haben dürfte.

Um zu verstehen, was der Twitter-Rückzug für Lauer selbst bedeutet, muss man seinen Weg kennen. Es hilft, wenn man sich dabei von den plakativen, manchmal albernen Bildern löst, die er in den Medien von sich gezeichnet hat. Christopher Lauer ist der meistunterschätzte Politiker seiner Partei. Er könnte die Piraten erheblich bereichern, wenn es dort eine klare Vision gäbe und ein Führungsteam, das diese Vision verkörpert. In so einer Konstellation würde Lauer die Position der offensiven Sturmspitze glänzend ausfüllen. Mit dem Wissen um die Unterstützung der gesamten Mannschaft wäre Lauer im medialen, mit harten Bandagen agierenden Politpalaver kaum zu schlagen, die Ein-Mann-Abteilung aggressive Attacke.

Die Köpfe des Schwarms

Aber die Vision fehlt, das Führungsteam ebenso. Ohne die inhaltliche und personelle Rückversicherung läuft Lauer aus der Bahn. Seine Partei setzt seine Stärken nicht ein, weil sie im Moment niemandes Stärken einsetzt. Für jemanden, der viel Bestätigung braucht, um zu funktionieren, entsteht daraus Verbitterung. Die Partei, der er über Jahre Energie und Euphorie geopfert hat, lehnt ihn zum großen Teil ab. Dafür gibt es mehrere Gründe, Neid und Missgunst, aber auch schlicht Antipathie. Die ist ihm auf Twitter gerade von Parteifreunden entgegengeschleudert worden.

Lauer beklagt in seiner Abschiedsschrift, er habe Hunderte von Störenfrieden auf Twitter blockieren müssen. Täglich habe er Beleidigungen lesen müssen, daraus resultiere „sozialer Stress“. Es ist eine neue Qualität sozialer Medien, hingeworfene Blitzgedanken und halbgare Halbsätze sichtbar zu machen, die zuvor zwischen Teeküche und Treppenhaus den Moment ihrer Aussprache nicht überdauerten. Twitter ermöglicht so den Blick in die Köpfe des Schwarms. Für eine exponierte Person, die häufiger im Gespräch ist, lässt sich Twitter aber nur nutzen, wenn man dort nach ihrem Namen sucht. Sonst entgingen einem jede Ansprache, jeder Dialogversuch, Twitter verkäme zum ausschließlichen Sendemedium. Das ist, als würde man Guido Westerwelle zwingen, jedes einzelne Kneipengespräch über ihn mit anzuhören: Zermürbung. Wie Westerwelle trägt Christopher Lauer an der Antipathie eine Mitschuld; denn wenn er je auf Beliebtheit gespielt haben sollte, hat er das ausgesprochen geschickt verborgen.

Egozentrik und Aggressivität

Jede Aktion, die er unternahm, um akzeptiert oder gar gemocht zu werden - etwa sein piratenuntypisch allein verfasster Vorschlag für eine Urheberrechtsreform -, geriet zum Bumerang. Dem Schwarm lässt sich auch mit der cleversten Einzelaktion nicht beweisen, dass man ein guter Teamplayer ist. Lauers Dilemma besteht auch darin, dass er unablässig fragt: „Was kann ich für euch tun?“ Von dieser Frage nimmt seine Partei nur ein einziges Wort wahr: ich. Der Vorwurf der Egozentrik ist die logische Folge. Und so richtet sich Lauers theoretisch wertvolle politische Aggressivität nach innen statt nach vorn.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gespräch mit Christopher Lauer Hört auf, die Politik zu verachten!

Politiker werden zur Stromlinienförmigkeit erzogen, sagt Christopher Lauer. Ein Gespräch über die Interessen des Volkes und die Frage, ob wir es uns leisten können, uns nicht für Politik zu interessieren. Mehr Von Claudius Seidl und Mark Siemons

20.06.2016, 06:07 Uhr | Feuilleton
Goodbye EU Reaktionen aus dem Netz zum #Brexit

Nach der Entscheidung der britischen Bevölkerung gegen einen Verbleib in der EU dauerte es nicht lange bis zu den ersten Kommentaren in den sozialen Medien. Wir haben für Sie originelle Beiträge auf Instagram, Twitter und Youtube gesammelt und in ein Video gepackt. Mehr

24.06.2016, 15:37 Uhr | Politik
FAZ.NET-Thema: Polizei Twittern in der Grauzone?

Die Polizei twittert und hat viel Erfolg damit. Das ist rechtlich nicht unbedenklich, finden Juristen und Politiker und fordern ein neues Gesetz. Die Bundesregierung aber winkt ab. So bringt sich die Polizei selbst bei, was sie darf. Mehr Von Aziza Kasumov

21.06.2016, 13:41 Uhr | Politik
Videografik Soziale Ungleichheit in der EU

Die Europäische Union, eine Union für Freiheit, Demokratie und soziale Gleichheit? Von wegen, jedes Land kocht sein eigenes Süppchen. Die Unterschiede könnten kaum größer sein. Kann eine Europäische Union mit solchen Rissen im sozialen System überhaupt bestehen? Wie steht es tatsächlich um Jobs, soziale Absicherung und Renten in der EU? Mehr

22.06.2016, 16:07 Uhr | Wirtschaft
Gerüchteproduktion im Netz Aktivistinnen rufen zum Ende der Hetzjagd gegen Appelbaum auf

Nachdem eine Anschuldigung gegen den Aktivisten Jacob Appelbaum als Unwahrheit enttarnt wurde, mehren sich die Stimmen, die vom digitalen Kesseltreiben genug haben. Sie fordern die Einhaltung moralischer Mindeststandards im Netz und bei den Medien. Mehr Von Don Alphonso

13.06.2016, 06:33 Uhr | Feuilleton
Glosse

Armer WDR!

Von Rose-Maria Gropp

Institution mit „Schwerpunkt auf Information und Kultur“? Wie der WDR, der einst verfemte Kunst rehabilitieren und ihr an einem öffentlichen Ort Raum geben sollte, sich selbst ad absurdum führt. Mehr 8