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Twitter im Abwind Es war wohl alles ein bisschen viel für ihn

Der Pirat Christopher Lauer twittert nicht mehr. Wenn schon die digitale Avantgarde vom sozialen Netzwerk überfordert ist, wird der Rest bald folgen. Wir müssen die Kunst des Ignorierens lernen.

© dpa Vergrößern Der wichtigste Filter für die Informationsflut ist kein Algorithmus, sondern bleibt der eigene Kopf. Sagt Blogger und Autor Sascha Lobo.

Der Vorsitzende der Piraten-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Christopher Lauer, hat in dieser Zeitung einen Abschied verkündet. „Twitter ist für mich gestorben“ heißt der Text. Dieser Artikel ist das derzeit Aufschlussreichste, was über die Piraten-Partei und die Politik in einer digitalen Gesellschaft geschrieben wurde - allerdings auf vermutlich andere Art, als der Autor es beabsichtigt haben dürfte.

Um zu verstehen, was der Twitter-Rückzug für Lauer selbst bedeutet, muss man seinen Weg kennen. Es hilft, wenn man sich dabei von den plakativen, manchmal albernen Bildern löst, die er in den Medien von sich gezeichnet hat. Christopher Lauer ist der meistunterschätzte Politiker seiner Partei. Er könnte die Piraten erheblich bereichern, wenn es dort eine klare Vision gäbe und ein Führungsteam, das diese Vision verkörpert. In so einer Konstellation würde Lauer die Position der offensiven Sturmspitze glänzend ausfüllen. Mit dem Wissen um die Unterstützung der gesamten Mannschaft wäre Lauer im medialen, mit harten Bandagen agierenden Politpalaver kaum zu schlagen, die Ein-Mann-Abteilung aggressive Attacke.

Die Köpfe des Schwarms

Aber die Vision fehlt, das Führungsteam ebenso. Ohne die inhaltliche und personelle Rückversicherung läuft Lauer aus der Bahn. Seine Partei setzt seine Stärken nicht ein, weil sie im Moment niemandes Stärken einsetzt. Für jemanden, der viel Bestätigung braucht, um zu funktionieren, entsteht daraus Verbitterung. Die Partei, der er über Jahre Energie und Euphorie geopfert hat, lehnt ihn zum großen Teil ab. Dafür gibt es mehrere Gründe, Neid und Missgunst, aber auch schlicht Antipathie. Die ist ihm auf Twitter gerade von Parteifreunden entgegengeschleudert worden.

Lauer beklagt in seiner Abschiedsschrift, er habe Hunderte von Störenfrieden auf Twitter blockieren müssen. Täglich habe er Beleidigungen lesen müssen, daraus resultiere „sozialer Stress“. Es ist eine neue Qualität sozialer Medien, hingeworfene Blitzgedanken und halbgare Halbsätze sichtbar zu machen, die zuvor zwischen Teeküche und Treppenhaus den Moment ihrer Aussprache nicht überdauerten. Twitter ermöglicht so den Blick in die Köpfe des Schwarms. Für eine exponierte Person, die häufiger im Gespräch ist, lässt sich Twitter aber nur nutzen, wenn man dort nach ihrem Namen sucht. Sonst entgingen einem jede Ansprache, jeder Dialogversuch, Twitter verkäme zum ausschließlichen Sendemedium. Das ist, als würde man Guido Westerwelle zwingen, jedes einzelne Kneipengespräch über ihn mit anzuhören: Zermürbung. Wie Westerwelle trägt Christopher Lauer an der Antipathie eine Mitschuld; denn wenn er je auf Beliebtheit gespielt haben sollte, hat er das ausgesprochen geschickt verborgen.

Egozentrik und Aggressivität

Jede Aktion, die er unternahm, um akzeptiert oder gar gemocht zu werden - etwa sein piratenuntypisch allein verfasster Vorschlag für eine Urheberrechtsreform -, geriet zum Bumerang. Dem Schwarm lässt sich auch mit der cleversten Einzelaktion nicht beweisen, dass man ein guter Teamplayer ist. Lauers Dilemma besteht auch darin, dass er unablässig fragt: „Was kann ich für euch tun?“ Von dieser Frage nimmt seine Partei nur ein einziges Wort wahr: ich. Der Vorwurf der Egozentrik ist die logische Folge. Und so richtet sich Lauers theoretisch wertvolle politische Aggressivität nach innen statt nach vorn.

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