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Twitter Gemeinsam wirbeln sie Staub auf

28.07.2009 ·  Mit Twitter kann man Revolution machen: Die Proteste in Iran zeigen es. Doch die Macht des Augenblicks liegt in den Händen weniger. Eine Studie hat nun die Twitter-Netzwerke dreier prominenter Blogger zum Thema Iran untersucht.

Von Miriam Meckel und Katarina Stanoevska-Slabeva
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Über den Microblogging-Dienst Twitter wurden bislang weit mehr als zwei Millionen Nachrichten über die Unruhen in Iran verbreitet. Auf Youtube hat eine halbe Million Menschen weltweit das Amateurvideo zum Tod der iranischen Studentin Neda gesehen. Netzwerkanalysen der Berichterstattung aus Iran zeigen: Es ist eine spannende Kombination von Online- und Offline-Journalismus, von Profis und Amateuren, die die Agenda der Weltgesellschaft setzt.

„Tear Down This Cyberwall“, so lautet eine der Nachrichten, die über die Proteste in Iran gegen die Wahlergebnisse vom 12. Juni auf Twitter in die Welt gesendet wurden. Trotz aller Zensur- und Kontrollbemühungen der iranischen Behörden blieben die Proteste der iranischen Opposition den Augen der Welt nicht lange verborgen.

Im Zentrum des digitalen Informationsstroms aus Iran steht der Microblogging-Dienst Twitter, über den Kurznachrichten im Sekundentakt laufen. Die Berichterstattung auf Twitter über die Proteste in Iran hat beeindruckende Ausmaße erreicht. Laut einer Studie des Web Ecology Project der Universität Harvard wurden mehr als zwei Millionen Beiträge zu den Ereignissen in Iran getwittert. Insgesamt haben sich etwa 480.000 User an der weltweiten Diskussion der Ereignisse beteiligt.

Die Emanzipation von Twitter

Mit seiner globalen News- und Multiplikatorfunktion bei den Protesten und Unruhen in Iran hat sich Twitter von seinem Image als Plattform für unsinniges Alltagsgezwitscher emanzipiert. Vielmehr lässt sich über Twitter sekündlich ein Update des „global digital state of mind“ ermitteln. Twitter ist ein digitaler Spiegel der Aktualitätsverläufe im Web. Seit Wochen findet sich Iran (iranelection) unter den Top Ten.

Die Millionen von Nachrichten auf Twitter, das zeigt auch das Beispiel Iran, sind allerdings nicht gleichmäßig über die Zahl der Nutzer verteilt. Während etwa sechzig Prozent der User beim Thema Iran nur eine einzige Nachricht absetzten, war ein Zehntel der Nutzer für knapp zwei Drittel aller Berichte verantwortlich. Mehr als dreißig Prozent aller Beiträge zum Thema Iran stammen von nicht einmal einem Prozent der User.

Diese Verteilung überrascht nicht, sie ähnelt der anderer Medien mit nutzergenerierten Inhalten. Nun ist die Häufigkeit, mit der eine Nachricht übermittelt wird oder mit der jemand eine Botschaft aussendet, kein Indiz dafür, ob diese Nachricht wahrgenommen oder von Dritten als wertvoll erachtet wird. Nur jeder Vierte der mehr als zwei Millionen Beiträge wurde durch einen anderen Twitternutzer aufgegriffen (Retweet). Auf den nach „Retweets“ populärsten Twitterer „persiankiwi“ nahmen mehr als 12.500 Beiträge Bezug, gefolgt von den Nutzern „StopAhmadi“ (mehr als 7000 Retweets) und „oxfordgirl“ (ebenfalls mehr als 7000 Retweets). Durch diese kollektive Zuteilung von Aufmerksamkeit entsteht ein Selektionsprozess, der aus den zwei Millionen Tweets zu den Unruhen in Iran relevante Nachrichten herausfiltert.

Verbindung zwischen On- und Offline

Auch die Journalisten der traditionellen Medien waren auf die Nachrichten angewiesen, die über Twitter, Facebook und Blogs aus Iran geliefert wurden. Zum ersten Mal hat sich dabei gezeigt, wie Journalistenblogger oder Bloggerjournalisten eine personelle Verbindung zwischen Online- und Offlinemedien herstellen, von der beide Medienformen profitieren. „Es waren weder die alten noch die neuen Medien die Gewinner bei den Protesten in Iran, sondern es war eine Hybridform aus beiden“, kommentierte der „Economist“ und hob drei journalistische Blogger heraus: Nico Pitney von der „Huffington Post“, Robert Mackey von der „New York Times“ und Andrew Sullivan von „Atlantic Monthly“.

Ihre Websites bieten eine Mixtur aus Tweets, Blogeinträgen und Kommentaren, Links zu Zeitungen und Fernsehstationen, Youtubevideos und Amateur- wie Pressefotos. Will man Twitter und seine Mechanismen verstehen, muss man die Netzwerke hinter den Autoren analysieren. Am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen wurden die Twitter-Netzwerke der drei prominenten Blogautoren zum Thema Iran untersucht. Eine Analyse der Twitterer, denen die Autoren selbst folgen, gibt Aufschluss über die Quellen, deren sich die Blogger bedienten. Indem man das Verfahren auch für die gefundenen Quellen wiederholt, erfährt man, wie die Beziehungen der Twitterer untereinander sind, und ist in der Lage, das Netzwerk eines Autors abzubilden.

Nico Pitney ist Blogger bei der „Huffington Post“. Über Twitter verweist Pitney auf seine neuesten Beiträge und interessante Quellen zur Lage in Iran. Mehr als 3900 Leser informieren sich via Twitter, welche Beiträge auf seinem Blog sind. Dabei lassen sich in diesem Netzwerk fast nur Akteure finden, die ihrerseits nahezu ausschließlich Inhalte mit starkem Bezug zu Iran publizieren. Pitney ist somit der klassische Experte, der über ein sehr tiefes Wissen zu einem bestimmten Thema verfügt.

Reisender zwischen den Welten

Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man sich das Twitternetzwerk von Robert Mackey von der „New York Times“ anschaut. Sein Blog „The Lede“ ist eine der wichtigsten Quellen im Netz zu den Unruhen in Iran. Mackey ist ein Reisender zwischen den Welten und pflegt zwei Netzwerke, die wiederum miteinander verbunden sind. Er ist eng vernetzt mit seinen Kollegen der „New York Times“, kommuniziert aber auch intensiv mit den wichtigsten Twitterern des Themenfelds „Iran“. Mackey ist ein Informationsbroker, ein moderner Marco Polo, der Angebot und Nachfrage nach Information aus der alten und neuen Medienwelt zusammenbringt.

Eine dritte Position nimmt Andrew Sullivan ein, Blogger von „Atlantic Monthly“. Sein Blog „Daily Dish“ ist eines der populärsten Weblogs in den Vereinigten Staaten. Seine Expertise beschränkt sich nicht auf Iran. Seine Kontakte bei Twitter lassen sich einem breiten Themenspektrum zuordnen. Er übernimmt die Rolle eines Radarscreens, der Veränderungen meldet. Mit mehr als 6600 Followern verfügt er über ein großes Netzwerk, und seine mehr als 16.000 Beiträge auf Twitter zeugen davon, dass er die losen Enden des Informationswirrwarrs im Netz zu einem roten Faden für seine Leser verknüpft, diesen Faden aber auch weiterspinnt.

Mit Blick auf die Twitternetzwerke der drei Blogger ist es möglich, die wichtigsten und populärsten Quellen in Iran zu identifizieren. Auch hier lassen sich wieder einige wenige finden, die eine Vielzahl an Informationen bereitstellen. Die exklusivste oder zumindest meistgelesene Quelle ist nicht der Twitter des iranischen Oppositionsführers Mussavi, sondern ein Twitterer mit dem Namen „Persiankiwi“ mit rund 40.000 „Followern“, dessen wahre Identität und Motive jedoch unklar bleiben.

Anfällig für Manipulation

In einer unübersichtlichen und emotionalen Situation, wie sie in Iran seit den Wahlen herrscht, liegt die Macht des Augenblicks in den Händen weniger. So authentisch diese Quellen sein mögen, so anfällig sind diese für Manipulation durch Dritte. Und ihre Urteilskraft mag dadurch eingeschränkt sein, dass sie oft Betroffene sind, ihnen also die professionelle journalistische Distanz fehlt. Längst machen sich staatliche oder staatlich beauftragte Kommunikatoren im Web zu schaffen, um ihre Propagandabotschaften in die Informationsströme einzuspeisen. Aus dem Internet wird so zuweilen ein „Spinternet“ - ein Netzwerk der Herrschenden, die über das Web die eigenen Botschaften mit politischem „spin“ verbreiten.

Die Positionierung von Bloggern als Experte, Broker und Radarscreen macht das umso wichtiger: Sie helfen, die Informationsströme zu bündeln und einzelne Nachrichten zu überprüfen oder wenigstens zu hinterfragen, damit sich die Leser aus der Vielzahl an Informationen ein eigenes Bild machen können. Die binär geführte Diskussion über Blogger und Twitterer als Ersatz für professionellen Journalismus greift daher zu kurz: Die engagierten Kommunikatoren auf den Webplattformen sind wichtige Informationsquellen, sie übernehmen entscheidende Selektionsprozesse für die Webcommunity und für klassische Medien und erzeugen gleichzeitig Aufmerksamkeit für bestimmte Themen. Bei den Protesten in Iran hat sich dies sehr deutlich gezeigt.

„You may write me down in history - With your bitter twisted lies - You may trod me in the very dirt - But still like dust I'll rise.“ So lautet eine Nachricht auf Twitter aus Iran. Sie beschreibt die politische Situation in einem zerrissenen Land. Sie könnte auch die publizistische Situation in einem zerrissenen Mediensystem beschreiben. Seit Iran können beide Seiten - online und offline - wissen, dass sie sich nur zusammen erheben müssen, um richtig Staub aufzuwirbeln.

Miriam Meckel und Katarina Stanoevska-Slabeva sind Professorinnen für Medienmanagement an der Universität St. Gallen. Als wissenschaftliche Mitarbeiter an der Studie zu Twitter und Iran haben Matthes Fleck und Thomas Plotkowiak mitgewirkt. Die Studie ist Teil eines Forschungsprojekts des Schweizerischen Nationalfonds zu Agendasetting und Meinungsführern im sozialen Web.

Quelle: F.A.Z.
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