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Veröffentlicht: 07.11.2011, 16:40 Uhr

TV-Voyeurismus Geschichten aus der Gruft zum Gruseln


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RTL ist der Konkurrenz schon wieder voraus. In "Mietprellern auf der Spur" jagt Vera Int-Veen Menschen, die ihre Miete nicht gezahlt und die Wohnung zugerümpelt hinterlassen haben. Gemeinsam mit den geschockten Vermietern inspiziert sie den Tatort. Mit hektischen Schnitten und dramatischen Großaufnahmen wird das Elend gezeigt, Tränen fließen, wie soll bloß die Reparatur bezahlt werden! Anschließend lauert Vera Int-Veen den früheren Bewohnern auf, drängelt sich mit versteckter Kamera in ihre neue Behausung und provoziert einen "Showdown zwischen den beiden Parteien". Alles ist darauf angelegt, den "Messie-Mietern" das Handwerk zu legen, ganz gleich, was dabei alles durcheinandergeht. H-Team-Chef von Wedel sagt: "Menschen, die wirklich am Messie-Syndrom leiden, neigen nicht dazu, von einer Wohnung zur nächsten zu ziehen. Mietnomaden sind ein eigenes Klientel. Das Resultat sieht zwar ähnlich aus, ist aber nicht vergleichbar." Für RTL ist es das schon.

Hauptsache, die Parkettfarbe stimmt

Betroffene fühlen sich durch solche Darstellungen falsch verstanden und isolieren sich schlimmstenfalls noch stärker, um nicht am Pranger zu stehen. Doch ist der Bedarf der Sender an neuen Müllbildern groß. Bei der Psychologie-Professorin Gisela Steins klingelt deshalb ständig das Telefon. Vor einigen Jahren hat sie zur Messie-Problematik geforscht, jetzt braucht das Fernsehen sie als Kronzeugin: "Viele Sender wollen, dass ich gleich Leute mitbringe, bei denen sie in die Wohnung gehen können, um zu filmen, und dann soll die Expertin zwei Sätze dazu sagen." Gisela Steins lehnt alle Anfragen ab. "Als Expertin kriegt man immer eine differenzierte Darstellung versprochen, das wird aber in den seltensten Fällen eingelöst."

Die Programmmacher wissen sich anderweitig zu helfen: Kabel 1 hat für "Achtung Messies!" offensichtlich Beiträge aus alten Reportagen neu geschnitten. Sat.1 recycelt die Protagonisten aus Dokusoaps wie "Junge Mütter, total überfordert" und gibt sie als Messies aus, weil Unordnung bei den prekären Familienverhältnissen, die fürs Nachmittagsprogramm gefilmt wurden, immer ein Thema ist.

Bei ihrer Suche nach neuen, spektakulären Bildern kennen die Verantwortlichen keine Grenzen: Die Sender machen Menschen zu Messies, die gar keine sind. Sie demütigen die, die therapeutische Hilfe benötigten. Und sorgen dafür, dass sich Betroffene verstecken, wenn Millionen gesehen haben, was bei ihnen los ist. Und dann kommt Tine Wittler in ihrem "Tinemobil" angefahren, um in der frisch tapezierten "Gruselgruft" zu erklären, worauf es ankommt: Dekofliesen und selbstgebastelte Heizkörperverkleidungen, ein "weiches Kuschelbett", die "Fußbadestation in edlem Ambiente", eine "großzügige Küchenlandschaft für herrliche Gaumenfreuden" - und den richtigen Bodenbelag. "Das dunkle Fertigparkett ist ideal für Renates Bedürfnisse", lässt sich die Rentnerin erklären, die bis eben noch im Müll gelebt hat und von ihren Kindern ignoriert wurde. "Es sorgt für eine warme Grundatmosphäre und ist obendrein besonders pflegeleicht."

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