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Veröffentlicht: 07.11.2011, 16:40 Uhr

TV-Voyeurismus Geschichten aus der Gruft zum Gruseln


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„Renate hat mit der Zivilisation abgeschlossen“

Über die Konsequenzen, die ihre Sendungen haben, reden die Programmverantwortlichen lieber nicht. Das Management von Tine Wittler erklärt: "Frau Wittler arbeitet an ihrem neuen Buch, darauf konzentriert sie sich jetzt." Die Produktionsfirma MME verweist an RTL. Dort heißt es, dass "in einigen Fällen" ein Psychologe die Dreharbeiten begleite. "Außerdem wurde, wenn es von den Protagonisten erwünscht war, eine Nachbetreuung vor Ort vermittelt."

17515774 © RTL Vergrößern Tine Wittler grinst. Gleich wird ihr Team eine furchterregende Behausung zerlegen.

Die kann sich dann auch gleich um den Schaden kümmern, der entsteht, wenn RTL seine Protagonisten der Lächerlichkeit preisgibt. Es ist eine schamlose Inszenierung: Müllbilder werden farblich verfremdet und mit Choralgesängen unterlegt. Außenaufnahmen der renovierungsbedürftigen Häuser werden mit surreal wirkenden Effekten aufgepeppt. Per Computer lässt RTL dunkle Wolken aufziehen, schickt Blitze und Regen vom Himmel und montiert zwei in der Wohnung aufgenommene Weberknechte so ins Bild, dass es aussieht, als würde das Haus von Riesenspinnen angegriffen. In der bisher schlimmsten Folge erzählt der Off-Sprecher von einem "komplett kontaminierten Krisengebiet", bezeichnet die Wohnung als "Schattenreich" und kündigt an, dass sich "im Erdgeschoss die Pforten zur Hölle" öffneten. Was der dort lebenden Rentnerin noch an Restwürde bleibt, nimmt ihr RTL, wenn sie beim Kramen im Müll gezeigt wird, dabei die Hose tiefer rutscht, der Sender ihr Gesäß verpixelt und dazu sagt: "Renate hat mit der Zivilisation abgeschlossen."

Kabel 1 warnt: „Achtung Messies!“

Der Zuschauer zu Hause kann sich freuen, dass es bei ihm besser läuft. "Ich finde das nicht in Ordnung, wenn die Betroffenen dazu benutzt werden, dass andere sich ein gutes Gefühl verschaffen", sagt Marianne Bönigk-Schulz von der Bundesgeschäftsstelle der Messie-Selbsthilfegruppen. Das Publikum ahnt nicht, dass es sich bei dem gezeigten Chaos um das Symptom einer ernstzunehmenden Störung handelt. Stattdessen erweckt das Programm den Eindruck, die Betroffenen seien schlicht zu faul zum Aufräumen. Auf Schulhöfen ist "Messie" längst ein Schimpfwort. "Das ist genauso, als wenn man jemanden beschimpfen würde: du Depressiver!", sagt Bönigk-Schulz.

Der Erfolg von "Einsatz in 4 Wänden" verleitet die Konkurrenz, es RTL gleichzutun. In der Sat.1-Realityshow "SOS Garten" läuft "Das Schutt-Inferno des Messie-Vaters", sonntags präsentierte Andrea Göpel bis vor kurzem den "Messie-Alarm", und Kabel 1 zeigt "Achtung Messies!", bei dem sich schon der Titel wie die Warnung vor einem wilden Tier liest. Im Programm ist vom "Kampf gegen Messies" die Rede, als ginge es um die Ausräucherung von Schädlingen, und von "Schutt und Chaos", das die Betroffenen hinterlassen.

Messies werden mit Mietprellern gleichgesetzt

"Schlimmer wohnen unter deutschen Dächern" verspricht Kabel 1 den Zuschauern und zeigt zwei mit dem Aufräumen überforderte Schwestern, die mit ihrer Mutter im Dreck wohnen. Im Hintergrund läuft Musik: "Our House" von der Band Madness, die Titelmelodie der "Adams Family" oder der Mallorca-Partykracher "Orange trägt nur die Müllabfuhr". Als der Sender einen vermeintlichen Retter vorbeischickt, die Schwestern aber aus dem frisch aussortierten Kleiderhaufen ein Stück nach dem anderen wieder herausziehen, weil sie sich von nichts trennen können, ist Kabel 1 mit der Geduld am Ende. Es bleibt die Botschaft: Denen ist nicht zu helfen! Stimmt ja auch - zumindest nicht so, wie sich das der Redakteur ausgedacht hat. Ende November folgt die nächste Dokusoap, dann startet bei Kabel 1 "Raus aus dem Messie-Chaos - rein ins Leben".

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Kriminelle „Herumlungerer“ auf der „arabischen Meile“? Die mag auch Martin Schulz nicht, wie er jetzt verlauten ließ. Trotzdem will der Kanzlerkandidat für mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen. Mehr 2