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TV-Vorschau: „Tag der Wahrheit“ : Er hat nichts mehr zu verlieren

  • -Aktualisiert am

David Kollwein (Florian Lukas) hat einmal im Kernkraftwerk gearbeitet. Nun hat er einen Grund gefunden, der Welt mit einem Gau zu drohen. Bild: SWR/Petro Domenigg

Ein Mann dringt in ein Atomkraftwerk ein, legt Bomben und stellt ein Ultimatum: „Tag der Wahrheit“ spielt ein katastrophales Szenario durch. Wo das geschieht? In Frankreich, an der Grenze zu Deutschland.

          Kernkraftwerk Haut-Rhin, im französisch-deutschen Grenzgebiet. Normalbetrieb. Schichtwechsel. Ein Mitarbeiter, bereits ausgecheckt, schlüpft durch die Dekontaminationsschleuse zurück. Wohl Usus. Irgendwo in dem Kreislauf aus Leitungen und Ventilen will noch eine Pumpe repariert werden. Kurz zuvor ist eine Leiche mit Kopfschusswunde am Rheinufer bei Freiburg angeschwemmt worden.

          Es ist der Sicherheitsbeauftragte des Kraftwerks. Ein Geständnis wollte er ablegen, sagt sein Anwalt. Die deutschen Polizisten rätseln. Auf welche Seite der Grenze gehört der Fall? Wer ist zuständig? Was geht es uns an? Das französische Radio sendet einen Bericht über die Laufzeitverlängerung für die ältesten Atomanlagen auf französischem Boden. Die Info ist durch, die Bevölkerung beruhigt. Kernkraftwerke sind sicher. Maximal geschützt vor Bedrohung von außen. Ein Strahlenunfall ist ausgeschlossen. Wir werden geschützt. Wir sind sicher. Das sieht der Großteil der französischen Bevölkerung in der Tat so. Die Akzeptanz der Atomenergie in Frankreich ist hoch. Nach Tschernobyl machte die Wolke an der französischen Grenze halt. Eine Laune des Wetters. Pech für die Deutschen.

          15.35 Uhr. Ein Lieferwagen mit Rohren passiert die laxen Sicherheitsvorkehrungen. Am Steuer ein Mann, der sich auf dem Gelände bestens auskennt. Zielstrebig nimmt der Schwerbewaffnete seinen Weg zur Leitwarte. Leiter Dubois macht einen Versuch, die Kontrolle zu behalten. Der Eindringling schießt. Alles flüchtet.

          Allein, verbarrikadiert sich David Kollwein (Florian Lukas). Hackt sich ins System. Fährt den äußeren Kühlkreislauf herunter. Befestigt Sprengstoff an neuralgischen Punkten, als habe er die Choreografie hundertmal bis zur Perfektion geübt. Keine Bewegung zu viel. Und stellt seine Forderungen: Drei Stunden habe man Zeit, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Er verlangt eine Pressekonferenz mit dem Kraftwerksbetreiber und dem französischen Energieminister. Die maximale öffentliche Aufmerksamkeit. Live-Übertragung. Sicherheitsexperte Rousselot (Laurent Stocker) sitzt hilflos vor den Schirmen der Überwachungskameras. Draußen machen sich französische Spezialeinheiten bereit, die Leitwarte zu stürmen.

          Binationales Fernsehfilmprojekt

          „Tag der Wahrheit“ von Johannes Betz (Buch) und Anna Justice (Regie) ist ein lupenreiner, dramaturgisch perfekt gebauter Katastrophenfilm mit allen genretypischen Zutaten und zugleich ein gesellschaftspolitisches Statement. Zwei Handlungsstränge verschränken sich. Die Besetzung eines Kernkraftwerks durch einen Insider (Kollwein erweist sich als ehemaliger Mitarbeiter), dessen Motive anfangs unbekannt sind, dessen menschenverachtende Entschlossenheit aber deutlich ist, wird ergänzt durch einen Thrillerplot. Die Staatsanwältin Marie Hoffmann (Vicky Krieps) ermittelt gemeinsam mit dem französischen Kollegen Jean-Luc Laboetie (Benjamin Sadler) im Fall des toten Sicherheitsbeauftragten und kommt einem Komplott auf die Spur, das bis in höchste Kreise der grenzüberschreitenden Energiepolitik reicht. Planmäßig wurden in Haut-Rhin ernste Störfälle und Verstrahlungen vertuscht. Hand in Hand arbeiteten Betreiber, PR-Leute (einen besonders skrupellosen, hochintelligenten und rhetorisch begabten Vertreter gibt Daniel Rohr) und Karrierepolitiker. Verderbtheit, wohin man schaut. Und Big Business. Marie Hoffmann gerät ins Visier des französischen Staatsschutzes, während sie nach der alles beweisenden Memory-Card des Toten sucht und die Geschichte des Attentäters aufrollt.

          „Tag der Wahrheit“ ist ein beklemmender, düsterer Film, den man vor dem Hintergrund der schrecklichen Ereignisse der letzten Tage auf brennend aktuelle Weise anschauen kann oder sogar muss. Ein Terroranschlag auf ein Kernkraftwerk liegt im Bereich des Denkbaren, wenn nicht sogar des Möglichen. Das Szenario der deutsch-französischen Koproduktion, bei der auch das Schweizer Fernsehen beteiligt ist, ist alarmierend und überwältigend. Doch auch die kalte Schönheit des von Ingenieuren erdachten und erbauten Atomkomplexes, den die Kamera von Adrian Cranage ebenso präzise einfängt wie die Panik der Beteiligten, spielt ihre ganz eigene Rolle und vermittelt etwas von der Faszination der Technik. Nicht das Kernkraftwerk ist das Beängstigende, sondern die Menschen, die damit zu tun haben.

          Darüber hinaus ist „Tag der Wahrheit“ ein zweisprachiger Film, in dem die Sprecher jeweils situationsbedingt zwischen Deutsch und Französisch (untertitelt) wechseln. Und nicht zuletzt ist es der deutsche Beitrag zu dem binationalen Fernsehfilmprojekt „Tandem“, dem als französischer Gegen- und Ergänzungspart nächste Woche die französische Provinzkomödie „Das gespaltene Dorf“ mit Katja Riemann als Bürgermeisterin und einem beneidenswert humorbegabten Laurent Stocker als Vertreter einer Atommüll-Endlagerfirma folgt.

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