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TV-Vorschau: Geschichte der DDR : Da hat der Genosse gerade noch eine Dauerwelle erwischt

Moderator Constantin von Jascheroff lässt sich eine neue, alte Frisur verpassen. Bild: André Böhm

Vorstoß in Grauzonen: Das ZDF zeigt mit dem Zweiteiler „Nicht alles war schlecht“, dass man die Geschichte der DDR mit ironischer Grundierung wunderbar erzählen kann.

          Der Satz „Es war nicht alles schlecht“ gehört zu den Allzweckwaffen im Aufklärungsgeschäft über das wahre Leben in der DDR. Wenn er fällt, sind Diskussionen fast immer am Endpunkt und die Missverständnisse auf dem Höhepunkt. Dann geht nichts mehr, und jeder verschanzt sich hinter seiner Verteidigungslinie.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Ironisch abgewandelt, aber führt er sicher - und noch jedes Klischee ad absurdum - durch die zweiteilige, sehr unterhaltsame Dokumentation von Kristin Siebert und Karlo Malmedie (Buch), als roter Faden durch höchst unterschiedliche Berichte über das alltägliche Leben in nun schon sehr ferner Zeit. Ohne Pathos und pädagogische Zeigefinger wird das Urteil dem Zuschauer überlassen, eine selten gewordene Tugend auch im Fernsehen. Nicht einmal eine Datsche und ähnlich öde Stereotype braucht es, um ein Bild dieser entschwundenen Welt zu zeichnen, deren Filmprotagonisten sie zumeist als Kinder oder noch sehr jung erlebten. Und Roland Jahn, heute Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, sagt darum, was viele vielleicht überraschen mag: „Wir haben ein schönes Leben in der DDR gehabt, nicht wegen, sondern trotz des Staates.“

          Urkomisch und sehr überzeugend

          Der Dokumentation gelingt mit ihrer ironischen Grundierung, was vielen gutgemeinten Ausstellungen, Filmen und Büchern über den Alltag in der DDR nicht gut gerät, weil sie zu viel Schwarz und Weiß, streng getrennt, verwenden. „Nicht alles war schlecht“ stößt in die Grauzonen vor, es darf gelacht werden, und nicht selten bleibt einem das Lachen nach der nächsten Szene im Halse stecken, weil die Abgründe dieser vermeintlich durchkontrollierten und durchgeplanten Gesellschaft erschreckend tief sind. Eigensinnige Selbstbehauptung und die Sehnsucht nach dem richtigen Leben sind das Gift, das zersetzt, was greise Staatslenker ihrem Volk als zu enges Lebenskorsett anpassen wollten. Was en passant auch erklärt, warum sich so viele entschieden wegzugehen, und was die Dagebliebenen schließlich auf die Straße trieb.

          Wohltuend: der Schauspieler Constantin von Jascheroff, der durch die Episoden führt, leichtfüßig, neugierig und ohne dieses angemaßte Pathos, das sich ähnlich Spätgeborene neuerdings gern zulegen, um sich eine tragisch umwölkte, weil DDR-geprägte Kindheit zuzulegen. Er war drei, als seine Eltern in den Westen gingen, also eigentlich ahnungslos. Die erste Szene, urkomisch und sehr überzeugend, spielt im Friseursalon. Der Friseur erfüllt Jascheroff einen Wunsch: Er verpasst ihm eine Dauerwelle. Straff und eng werden ihm Holzwickel um die Haare gedreht, und der Friseur erklärt, dass die Zutaten für dieses begehrte Martyrium nicht ohne weiteres zu bekommen waren.

          Denn: „Der gemeine DDR-Bürger hat es nicht bekommen, sondern er hat es erwischt!“ Etwas „erwischen“ ist das Synonym für eine Mangelgesellschaft, in der archaische Fähigkeiten wie das Jagen, Sammeln und Tauschen der Schlüssel zum besseren Leben waren. Dass es sich dabei auch um eine absurde Lebenszeitverschwendung handelte, erzählen die prominenten Zeugen der Zeit, und keiner hinterlässt den Eindruck, dies sei ein nachahmenswertes Projekt gewesen. Nie wieder für ein altes Auto den doppelten Einkaufspreis bezahlen, nie wieder an leeren Fließbändern vollbeschäftigt auf Material warten, das nie kommt, und seien es die Dosen für die Fische in der Fischfabrik.

          Dauerbevormundung, die Phantasie und Lebensträume erstickte

          Die Moderatorin Andrea Kriewel darf behaupten, die DDR sei in Sachen Frauen-Emanzipation Weltspitze gewesen und gewissermaßen Vorreiter. Die wohldosierten Fakten - alle gingen arbeiten, die Kinder betreut, scheiden lassen war nicht teuer -, widerlegen die Legende von den freien Frauen unaufgeregt. Eine Erzieherin erzählt, wie das wirklich war mit der Rundum-Kinderbetreuung, und Ulrike Poppe, wie hysterisch die „Staatsorgane“ auf ihren Kinderladen reagierten. Der war im System nicht vorgesehen, ein Rollkommando der Stasi wurde darum geschickt, um die illegitime Kinderinsel brutal zu zerstören: Freiheit im Keim ersticken.

          Dass gerade das die Staatsmacht immer schlechter vermochte, ist inzwischen Allgemeinplatz. Man ist überrascht, dass es doch immer wieder gelingt, neue, unbekannte Filmsequenzen aus den Archiven zu bergen, die diese Geschichten, mit wohldosierten Fakten untersetzt, so erzählen, dass sich von selbst erklärt, warum sich vor fast 25 Jahren so viele Menschen aus dieser Dauerbevormundung, die Phantasie und Lebensträume erstickte, selbst befreiten. Warum das vermeintliche Arbeiterparadies auch bei gutem Willen nur schwer zu ertragen war, es die einen, zum Beispiel Roland Jahn oder Ulrike Poppe, schafften, sich zu widersetzen, und andere aus begreiflichen Gründen sich anpassten, woran viele nicht selten verzweifelten. Ein gelungener Film, der Lügen und Legenden, ernst und unterhaltsam, entzaubert.

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