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TV-Sendungen zur Wahl : Wie viel Quatsch muss sein? Und warum genau?

  • -Aktualisiert am

Talkshows, Duelle und schrecklich originelle Wahlsendungen gibt es neuerdings im Übermaß. Bild: Claus Langer/WDR

Politiker und Fernsehsender haben sich verschworen. Ihr Ziel scheint zu sein, möglichst alle Menschen mit allen Mitteln an die Wahlurnen zu treiben, ob mit Heino-Flashmob oder möglichst „bürgernahen“ Formaten.

          Die Bundeszentrale für politische Bildung ist keine Hilfe. Thomas Krüger, ihr Präsident, lässt sich mit den Worten zitieren, die Bundestagswahl sei ein „Spitzen-Event der Demokratie“. Und fügt hinzu: „Jede originelle Wahlberichterstattung vor der ersten Hochrechnung ist eine Chance, Wahllust zu wecken - und damit ein Quotenbringer für die Demokratie.“ Um Journalisten und insbesondere Radioleute zum Mitmachen zu animieren, hat Krüger ein kleines Wahlwerbewerbevideo gedreht, das eine Ahnung davon gibt, was er mit „originell“ meint: Er lässt sich ein überlebensgroßes „X“ zuwerfen und schiebt es mit den Worten „123,6 Millionen Mal kann ge-ix-t werden“ euphorisch in Richtung Kamera.

          Ein gutes Dutzend Videos und über 200 Hörfunkspots hat die Bundeszentrale mit Prominenten produzieren lassen. „Lockrufe für die Wahlkabine“, nennt sie Krüger. In einem sieht man Heino, wie er die Zuschauer fragt: „Wisst ihr, was so richtig rockt? - Ein Flashmob, mit 61,8 Millionen Typen! Hammer! Und alle machen das Gleiche: X X, und ich bin dabei. Am 22. September. Flashmob - Wahlkabine - Bundestagswahl. Heino rockt die Wahl!“ Es hilft nicht, dass man sieht, wie er die Wörter irgendwo neben der Kamera abliest.

          Der Zweck heiligt scheinbar die Mittel

          Marie-Luise Marjan, die Mutter Beimer aus der „Lindenstraße“, schimpft, dass man am 22. September kein „Stubenhocker“ sein dürfe, „sonst wird die Mama böse“. Marianne und Michael führen kleine Wahlaufruf-Hörspiel-Schwänke auf, die mit der Pointe enden, dass das Leben ja manchmal doch ein Wunschkonzert sei. Mario Barth macht etwas, das man mit viel gutem Willen als Parodie auf sich selbst interpretieren kann (“Kennste? Kennste Bundestagswahlen? Kennste!“). Und Dieter Nuhr stellt klar, dass es zwar stimme, dass bei uns „jeder Idiot wählen darf“, aber die „richtigen“ Idioten die seien, die nicht zur Wahl gehen. Niemand scheint der Gedanke gekommen zu sein, dass dieser Irrsinn eine abschreckende Wirkung haben könnte. Dass es sich lohnen könnte, schon deshalb nicht wählen zu gehen, um nicht versehentlich für einen Teil eines Flashmobs mit Heino oder, schlimmer, Dieter Nuhr gehalten zu werden.

          Irgendwie scheinen sich alle darauf geeinigt zu haben, dass es das Ziel aller sein muss, möglichst viele Menschen in die Wahlkabine zu treiben. Und dass das beste Mittel dafür die Originalität ist. So macht der vermeintlich gute Zweck aus jeder programmlichen Schnapsidee eine edle Tat. Pro Sieben hat in seinem Magazin „Galileo“ nachgestellt, wie ein Tag im Leben der Bundeskanzlerin aussieht: Wie sie morgens um 6:30 Uhr verschlafen in die Pantoffeln schlüpft; wie sie sich - „so viel Zeit muss sein“ - Brötchen schmiert und mit ihrem Ehemann ein bisschen anzickt, weil sie den Frühstückstisch wieder so früh verlässt; wie sie sich vor dem Hinausgehen schminkt, denn: „Ein gepflegtes Äußeres ist ihr wichtig.“

          Wahlgespräch bei der „Task Force Berlin“: CSU-Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär und Rebecca Mir.
          Wahlgespräch bei der „Task Force Berlin“: CSU-Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär und Rebecca Mir. : Bild: ProSieben

          Mit einer schauspielerischen Brillanz, die das Publikum aus dem Nachmittagsprogramm der Privatsender kennt, tappst eine Merkeldarstellerin mit albernen Haaren und herunterhängenden Mundwinkeln durch den Tag. Er endet auch abends um zehn noch nicht, als sie sich müde in den Sitz ihrer Limousine fallen lässt. Ein Anruf! Die Kanzlerin geht ran. „Was?!“ Sie wirft die Hand vor den Mund. „Die Syrien-Krise wird Angela Merkel eine schlaflose Nacht bereiten“, sagt die Sprecherin aus dem Off. „Zum Kanzleramt“, ruft die falsche Kanzlerin ihrem Fahrer zu, „aber schnell!“ Sie muss immer erreichbar sein, erklärt Pro Sieben seinen Zuschauern, auch nachts und im Urlaub. Und fügt pampig hinzu: „Bei einem Grundgehalt von knapp 18000 Euro im Monat kann man das wohl auch erwarten.“

          Leider hat es Pro Sieben nicht bei der Scripted Reality belassen, sondern sein Personal als „Task Force Berlin“ auch auf echte Politiker treffen lassen. Die Castingshow-Jurorin Nikeata Thompson erfuhr hier am Brandenburger Tor von Daniel Bahr, dass es etwas gibt, das sich „FDP“ nennt. Und Rebecca Mir, die Zweitplatzierte der sechsten Staffel von „Germany’s Next Topmodel“, verlor völlig die Fassung, als ihr die Piratenpolitikerin Anke Domscheit-Berg erklärte, dass ihre Partei wirklich dafür ist, Cannabis zu legalisieren, doch, echt.

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