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Reportage über arabische Clans : Unterdrücke und herrsche

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An Selbstbewusstsein mangelt es den Herrschaften nicht, die in der Reportage des RBB vor die Kamera treten. Sie sehen sich als die Chefs im Ring. Bild: rbb/ARD-Kontraste

Der Reporter Olaf Sundermeyer taucht für die ARD in die Welt krimineller arabischer Clans in Deutschland ein. Deren Paten reden von Familie und Respekt, dabei geht es um Gewalt und Einschüchterung.

          Rajdiye ist der arabische Name des Dorfes Üçkavak in der türkischen Provinz Mardin. Viele Einwohner haben arabische Wurzeln, und von hier stammt auch eine erhebliche Anzahl der Menschen, die in den achtziger Jahren während des libanesischen Bürgerkriegs als Flüchtlinge über Beirut nach Westeuropa und schließlich nach Deutschland kamen. Einer der Dorfältesten aus Rajdiye erzählt von seinen Verwandten, die in Bremen leben: „Sie bekommen ja eine Art Gehalt dort, also Sozialhilfe. Und ihre Kinder arbeiten. Allah sei Dank, hat sich unsere Situation hier deshalb deutlich verbessert. Und meine Kinder besitzen jetzt einige Hotels, auch eine Tankstelle. Zum Glück geht es mir jetzt sehr gut.“

          Das Geld, von dem im Südosten der Türkei ein 700 Einwohner zählendes arabisches Dorf lebt, wird zu einem großen Teil in Deutschland erwirtschaftet – Sozialhilfe aus der Bundesrepublik landet hier, Geld aus Drogenhandel und Schutzgelderpressung.

          Die RBB-Reportage „Kontraste: Die Clans – Wie arabische Großfamilien in Deutschland herrschen“ von Olaf Sundermeyer, die heute Abend im Ersten läuft, bietet einen Einblick in eine Parallelwelt, in der eigene Gesetze gelten. Großfamilien, deren Mitglieder meist als Libanesen bezeichnet werden, deren Staatsangehörigkeit aber oft nicht geklärt werden kann, haben hier ganze Imperien der organisierten Kriminalität aufgebaut. Ihr Erfolgsrezept: Angst, Gewalt, Skrupellosigkeit – und unbedingte Loyalität.

          „Familie ist das Wichtigste, was du hast in deinem Leben. Die stehen jeden Tag hinter dir“, sagt Khaled Miri, Angehöriger des berüchtigten Miri-Clans. „Gewalt kommt überall vor, auch bei uns. Aber das ist bei uns das letzte Mittel.“ Allerdings schaffen es die Clanmitglieder auffallend häufig wegen Gewalttaten in die Schlagzeilen: bewaffnete Raubüberfälle, Morddrohungen, Respektlosigkeiten gegenüber Polizeibeamten und Richtern.

          Die Polizei versucht hartnäckig, das von kriminellen Großfamilien beherrschte Terrain zurückzuerobern. Jedes nachweisbare Delikt wird verfolgt, mit Razzien und Beschlagnahmungen machen es die Beamten den Clans ungemütlich in ihren Shishabars und Wettbüros. Aufsehen erregte der Fahndungserfolg, der die Beschlagnahme von 77 mit mutmaßlich illegalem Einkommen erworbenen Immobilien nach sich zog. Doch angesichts der personalintensiven Maßnahmen ist fraglich, ob die Polizei diese Strategie auf lange Sicht durchhält. Stehen die Täter einmal vor Gericht, werden Zeugen systematisch eingeschüchtert. „Dafür kann ich nichts, wenn ein Zeuge sich plötzlich nicht mehr erinnert. Das kommt vor“, meint Khaled. Kommt es dennoch zu einer Verurteilung, werden milde Strafen als Schwäche der Justiz interpretiert.

          Olaf Sundermeyer macht in seiner beklemmenden Reportage trotz der knappen Länge von rund fünfundzwanzig Minuten die Strukturen deutlich, die das weitverzweigte Geflecht zusammenhalten, das mittlerweile über die Brennpunktviertel hinausreicht und in bürgerliche Stadtteile vordringt. In Gesprächen mit zwei Rappern, einem Kokain-Paten, einem „Koks-Taxi“-Fahrer und einem Friedensrichter tritt das Werteverständnis dieser Parallelkultur zutage.

          „Familie“ und „Respekt“ sind zwei Begriffe, die überdurchschnittlich häufig fallen. Konflikte untereinander klären die Clans lieber selbst, indem sie einen Friedensrichter zu Rate ziehen. Nach außen wird die Familienehre mit allen Mitteln verteidigt, die Clanmitglieder schützen sich gegenseitig: „Wenn mir was passiert, kommen meine Cousins. Das ist Familie, wir halten zusammen.“ „Die Menschen wissen, die können nicht mit uns umgehen, wie die wollen“, sagt Khaled Miri. „Die wissen, wenn sie mit uns respektlos umgehen, dann wird’s Konsequenzen haben. Ernsthafte Konsequenzen. Weißt du, was ich meine?“

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