http://www.faz.net/-gqz-914wv

TV-Produzent Nico Hofmann : „Das Niveau steigt“

Anspruchsvolle Streamingserien, Mittelmaß im Programmfernsehen? Ganz so einfach ist es nicht: Jonas Nay und Maria Schrader in „Deutschland 83“. Bild: RTL

Er weiß, wie man ein Millionenpublikum erreicht: Der Produzent Nico Hofmann über neue Ansprüche, die Serie der Zukunft und die Liebe der Deutschen zum „Tatort“.

          Herr Hofmann, als einer der wichtigsten deutschen Fernsehproduzenten und Geschäftsführer der Ufa schauen Sie schon von Berufs wegen sehr viel fern. Wo läuft für Sie das beste Programm?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das kann ich Ihnen sehr gut beantworten: Das beste Programm läuft für mich nicht mehr nur bei einem Sender. Ich picke mir aus vielen Angeboten heraus, was mich interessiert, und gestalte mein eigenes Portfolio, auch unabhängig von Sendezeiten. Ich habe stundenlang auf Phoenix die Live-Übertragung des Wahlsiegs von Emmanuel Macron verfolgt und schaue Serien auf Amazon und Netflix. Ich nutze die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen massiv. Es gibt kein gängiges Muster mehr.  Programmgestaltung ist heute hochgradig individualisiert.

          Die Streamingdienste verändern unser Nutzungsverhalten. Wie ändern sich die Sehgewohnheiten und Erwartungen an Fernsehfilme und Serien?

          Die Sehgewohnheiten haben sich massiv verändert. Ich beobachte das sogar an meiner 85 Jahre alten Mutter. Sie schaut deutsches Fernsehen, aber eben auch Netflix – und kann mir detailliert auseinanderlegen, warum sie „The Crown“ interessant findet und anderes nicht. Was audiovisuelle, fiktionale Inhalte angeht, ist das Bildungsniveau der Zuschauer enorm gestiegen. Das verändert den Geschmack, und das schafft andere Erwartungshaltungen.

          Ihr wöchentlicher Wissensvorsprung
          Ihr wöchentlicher Wissensvorsprung

          Kompakt. Fundiert. Hintergründig. Jeden Freitag. Auch Digital.

          Mehr erfahren

          Was funktioniert nicht mehr?

          Früher sagte man: Wenn man die und die Zutaten hat – bekannte Schauspieler, schöne Kulissen, eine gewisse Soapigkeit in der Aufmachung –, hat man sieben Millionen Zuschauer. Das ist vorbei. Ich würde aber auch anspruchsvollere historische Fernsehfilme wie den Zweiteiler „Dresden„, mit dem wir 2006 im ZDF mehr als zwölf Millionen Zuschauer erreicht haben, heute nicht mehr machen wie damals.

          Ein Erfolg der ARD: Die historische Serie „Charité“ von Sönke Wortmann.
          Ein Erfolg der ARD: Die historische Serie „Charité“ von Sönke Wortmann. : Bild: dpa

          Was wollen die Zuschauer heute?

          Sie wollen das Einzigartige, Überraschende. Sie steigen aus, wenn ihnen Schabloniertes geboten wird, und beobachten genau: Wie tiefgründig ist der Stoff, wie ausdifferenziert sind die Figuren, welche Genremuster werden gebrochen? Das haben sie bei internationalen Serien gelernt, das überträgt sich auf deutsche Produktionen. Ich finde das förderlich. Das Niveau steigt.

          Weshalb ist immer noch der „Tatort“ der deutsche Quotengarant schlechthin?

          Weil er im Grunde die einzige Form im Fernsehen ist, die sich in den letzten Jahrzehnten immer neu definiert. Die Reihe probiert angstfrei alles aus, was geht, und enttäuscht die Zuschauer selten.

          Ich habe das Gefühl, die deutsche Fernsehrevolution lässt auf sich warten. Es laufen sehr viele Fernsehfilme, die betulich oder volkspädagogisch wirken. Warum sind die Sender nicht mutiger?

          Lineares Fernsehen unterscheidet sich fundamental von Plattform-Fernsehen, also dem Streaming. Wenn Sie auf einen Dienstagabend im Ersten gehen, wie wir mit der Miniserie  „Charité“, haben Sie für diesen Sendeplatz ganz klare Konfigurationen, welche Zuschauer Sie ansprechen müssen und wie. Wir haben Sönke Wortmann als Regisseur verpflichtet, weil seine Inszenierung eine gewisse Wärme verspricht. „Charité“ war das erklärte Gegenangebot zu Steven Soderberghs schonungsloser Krankenhausserie „The Knick“, die er parallel zu unserer produziert hat. Man kann sagen, dass „Charité“ sehr klassisches Programm ist. Aber wir haben es gemacht, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen, und das ist mit deutlich über sechs Millionen Zuschauern auch gelungen. Wenn Sie dagegen etwas wie die Fortsetzung von „Deutschland 83“ produzieren, in Zusammenarbeit mit Amazon, spielen ganz andere Überlegungen eine Rolle. Da geht es um „edginess“, eine gewisse Überreiztheit, um Radikalität, darum, Grenzen auszutesten. Das ist klassisches Plattform-Fernsehen.

          In der Heimat gefloppt, im Ausland glänzend verkauft und mit Emmy gekrönt: Die Spionage-Serie „Deutschland 83“.
          In der Heimat gefloppt, im Ausland glänzend verkauft und mit Emmy gekrönt: Die Spionage-Serie „Deutschland 83“. : Bild: dpa

          Auf RTL ist die deutsch-deutsche Spionageserie „Deutschland 83“ gnadenlos gefloppt.

          Aber international ist sie die erfolgreichste deutsche Serie überhaupt. Wir haben den Internationalen Emmy gewonnen und sie an fast vierzig TV-Sender und Videoplattformen verkauft, unter anderem nach Großbritannien und Amerika. Insgesamt war „Deutschland 83“ in über 110 Ländern zu sehen.

          Teilt sich der Markt? Konventionelles, konsensfähiges Programm für die linear ausstrahlenden Sender daheim, Avantgarde für kleinere Zuschauergruppen weltweit
          bei den Streamingdiensten?

          So einfach ist es nicht, der Markt fragmentiert sich viel weiter. Denken Sie an die ganzen Nischenkanäle, die es gibt, für Romantik, für Glücksspiel, für Krimis, die sich auch halten. Amazon nutzt sein Streamingangebot ebenfalls zur Kundenbindung, da wird für eine breite Zuschauerschaft Vielfältiges gekauft und produziert. Netflix steht und fällt mit seinem Programm und hat einen anderen, radikaleren Anspruch. Die Privaten geraten unter Druck, weil werberelevante junge Zuschauer Richtung Streaming abwandern und eingekaufter amerikanischer Content nicht mehr so gut funktioniert. Dass der Pro-Sieben-Sat.1-Vorstand Conrad Albert in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Rundfunkbeitrag für seine Sendergruppe forderte, nachdem seine Mannschaft den hauseigenen Nachrichtensender verkauft hat und das Geld seit Jahren immer mehr in branchenfremde Start-ups investiert, ist schon abenteuerlich. Ich denke, die Privaten werden in der deutschen Fiktion wieder mehr auf eigenen Content setzen müssen. RTL nimmt die Herausforderung sehr ernst.

          HBO-Serien laufen bei uns im Bezahlfernsehen bei Sky, das auch eigene Serien produziert. Wie sieht es bei den Öffentlich-Rechtlichen aus?

          Da sehe ich einen enormen Innovationswillen, um sich in diesem hybriden Plattformmarkt zu behaupten. Die Amerikaner dominieren und produzieren zu ganz anderen Preisen als wir. Deutschland dagegen ist das einzige Land weltweit, das noch den sogenannten Film der Woche pflegt, den klassischen Neunzigminüter. Den haben die Amerikaner vor zwanzig Jahren beerdigt und setzen seitdem auf Serien. Deshalb sind sie uns im seriellen Erzählen voraus. Bei den Öffentlich-Rechtlichen geht es mit Blick auf die Zukunft nicht nur um Mediatheken, es geht um neue Sendeplätze für Serien und andere Finanzierungsmodelle für innovative Produktionen.

          Eine nationale Aufgabe: Die Tykwer-Serie „Babylon Berlin“, basierend auf Romanen von Volker Kutscher.
          Eine nationale Aufgabe: Die Tykwer-Serie „Babylon Berlin“, basierend auf Romanen von Volker Kutscher. : Bild: dpa

          Zum Beispiel?

          Oliver Berben, einer der Chefs der Constantin-Film, wird seine Serie „Das Parfum“ mit ZDFneo produzieren, dem  Spartenkanal, nicht dem Hauptsender. Die Serie „Babylon Berlin“ von Tom Tykwer ist eine Kooperation des Bezahlsenders Sky mit der ARD und Jan Mojtos Beta Film. Immer mehr Geld kommt aus dem Weltvertrieb.

          Die Filmförderungen Berlin und Nordrhein-Westfalen haben tüchtig Geld zugeschossen, die Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW nannte „Babylon Berlin“ eine „nationale Aufgabe“. Ist das nicht überzogen?

          Andere europäische Länder schützen ihren Fernsehmarkt viel stärker vor der Konkurrenz aus Amerika als wir. In Frankreich und Italien werden heimische Produktionen auf schon fast surreale Weise subventioniert, Netflix musste sich in Frankreich einer Quote für europäische Produktionen beugen.

          Die Quote soll europaweit kommen, und die Streamingdienste beginnen, europäisch zu produzieren. Serien wie „You are Wanted“ von Matthias Schweighöfer bei Amazon, „Marseille“ mit Gérard Depardieu und die kommende deutsche Serie „Dark“ bei Netflix zum Beispiel.

          Bisher kann man deutsche Produktionen für Streaming-plattformen an einer Hand abzählen. Ich bin sehr für eine Quote. Wenn wir keine europäische Medienidee entwickeln, wird es in zehn Jahren dem hiesigen Fernsehmarkt – der deutsche ist ein Milliardenmarkt – gehen wie dem Kino, das von Amerika dominiert wird. Daran bin ich dezidiert nicht interessiert, schon aus kultureller Überzeugung. Wir können unsere eigenen Geschichten selbst besser erzählen. Und deshalb ärgert es mich, wenn amerikanische Produzenten mit Fördermitteln der Kulturstaatsministerin in Babelsberg drehen und immer nur das deutsche Kino gehypt wird. Dabei treibt mittlerweile das Fernsehen die Kreativen. Außerdem spreche ich mich ganz klar für das Territorialprinzip aus und den damit verbundenen lokalen Schutz aller Urheberrechte. Sollte das aufgegeben werden, wären viele deutsche und europäische Filme und Serien zukünftig nicht mehr möglich, da Lizenzverkäufe ins Ausland für Produzenten unverzichtbarer Bestandteil der Finanzierung sind.

          „Keiner, der im deutschen Fernsehen oder Film Rang und Namen hat, der nicht maßgeblich von den Öffentlich-Rechtlichen unterstützt und geprägt wurde“, sagt Produzent Nico Hofmann.
          „Keiner, der im deutschen Fernsehen oder Film Rang und Namen hat, der nicht maßgeblich von den Öffentlich-Rechtlichen unterstützt und geprägt wurde“, sagt Produzent Nico Hofmann. : Bild: Frank Röth

          Aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist doch finanziell bestens ausgestattet. Liegt der Reiz der Streamingdienste in der großen künstlerische Freiheit?

          Das ist ein Mythos. Wenn Sie als Produzent zu einem amerikanischen Streamingdienst gehen, dann sitzen Ihnen zehn Leute gegenüber, die alle noch keine 35 Jahre alt sind, die meisten weniger als zwei Jahre im Unternehmen und mehr als die Hälfte aus dem Marketing, der Werbung und dem Vertrieb kommend. Die Leute sind klug, talentiert und energiegeladen, und alles wird wochenlang en détail durchdekliniert. Wenn ich mit Heike Hempel, der  stellvertretenden Programmdirektorin im ZDF, arbeite, ist das ebenfalls sehr durchdacht. Der Unterschied ist, dass sie seit dreißig Jahren im TV-Geschäft ist und mir mit einem einzigen Teamkollegen im Entwicklungsgespräch gegenübersitzt. Wir selbst stellen uns mit der Ufa inzwischen sehr bewusst auf den veränderten Markt ein. Top-Drehbuchautoren treten bei uns als Mitproduzenten und Showrunner auf, wir wissen, dass wir den besten Kreativen Mitverantwortung übertragen müssen, wenn wir sie binden wollen.

          Sie haben Ihre großen Erfolge - „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Der Turm“, „Die Flucht“, „Dresden“ - für ARD und ZDF produziert. Wo sehen Sie die Stärken der Öffentlich-Rechtlichen?

          Ohne einen funktionierenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk könnten wir unsere Marktstärke nicht halten und dem Zuschauer auch nicht eine solche Vielfalt und Qualität bieten. Und er ist und bleibt eine einzigartige Talentschmiede: Keiner, der im deutschen Fernsehen oder Film Rang und Namen hat, der nicht maßgeblich von den Öffentlich-Rechtlichen unterstützt und geprägt wurde.

          Nico Hofmann

          Nico Hofmann, gelernter Journalist und Regisseur, ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Ufa. 1998 gründete er in Berlin die Produktionsfirma Teamworx. Er produzierte Fernsehfilme und Mehrteiler wie „Dresden“, „Mogadischu“, „Der Turm“, „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder „Deutschland 83“. Hofmann, Jahrgang 1959, lehrt an der Film-Akademie Baden-Württemberg und ist Intendant der Nibelungen-Festspiele in Worms. 1999 rief er mit Bernd Eichinger den Nachwuchspreis First Steps ins Leben. Von September an wird er als alleiniger Vorstandschef die Leitung der Ufa übernehmen, deren Führung er sich bisher mit Wolf Bauer teilt. Zum Portfolio der Ufa gehören neben aufwendigen Serien und Fernsehfilmen auch Kinoproduktionen („Ich bin dann mal weg“), Serien für den Vorabend („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“), Shows („Deutschland sucht den Superstar“) und Online-Serien („Der Wedding kommt“).

          Das Gespräch führte Ursula Scheer.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Restaurant gegen Lebensmittelverschwendung Video-Seite öffnen

          Zero-Waste-Restaurant : Restaurant gegen Lebensmittelverschwendung

          Das Restaurant Silo in Brighton setzt auf saisonale- und Bio-Produkte, ohne Müll zu produzieren. Inhaber Douglas McMaster arbeitet mit lokale Produzenten zusammen, die Lebensmittel ohne Verpackung liefern. Produkte die verpackt werden müssen, wie Mehl stellt das Silo-Team selbst her.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Maybrit Illner : Deutsche Merkel-Rettungsgesellschaft

          Die SPD hat laut Heiko Maas in der derzeitigen Regierungskrise vor allem eine Rolle inne. Der Sozialdemokrat arbeitet bei „Maybrit Illner“ das Alleinstellungsmerkmal seiner Partei heraus. Das weiß gar die politische Konkurrenz zu schätzen.
          Horst Seehofer bei seiner Pressekonferenz am späten Abend.

          Machtkampf in der CSU : Seehofer macht es weiter spannend

          Hauptsache Geschlossenheit demonstrieren: Zehn Tage will die CSU sich noch Zeit nehmen, bis klar ist, ob und wann Horst Seehofer Spitzenämter aufgibt. Sein schärfster Rivale lässt nicht locker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.